Süddeutsche Zeitung

Kirchbergers Woche:Die CSU packt früh zusammen

Siegessicher? Kein Werbematerial mehr? Keine Lust auf Laschet? Die Christsozialen machen im Wahlkampf Kurzarbeit

Kommentar von Johann Kirchberger

Endlich, mag der ein oder andere sagen, endlich ist es jetzt vorbei damit, dass aus dem Flachbildschirm nur noch Scholz, Laschet oder Baerbock grinsen. Fast rund um die Uhr und auf allen Kanälen wurden die K-Kandidaten befragt, wie sie es mit dem Klimaschutz halten, ob sie Steuern erhöhen oder senken wollen, was sie von einer Impfpflicht halten, wann sie gelacht und warum plagiiert haben, mit wem sie womöglich koalieren wollen und wenn ja unter welchen Bedingungen. Allein wurden sie befragt, gemeinsam, und jeder, der irgendwie nur entfernt mit Politik in Verbindung gebracht werden kann, durfte seine Meinung sagen und aus seiner Sicht erklären, wer wann und warum eventuell Bundeskanzler werden könnte oder auch nicht. Und Umfragen wurden gemacht, ganz viele, von allen möglichen Meinungsforschungsinstituten. Aber man weiß ja aus der Vergangenheit, dass Umfragen mit einer hohen Fehlerquelle behaftet und nicht immer richtig sein müssen.

Es bleibt also spannend, auch wenn die Hälfte der Wähler längst schon ihre zwei Kreuzchen gemacht hat, denn erst morgen wird ausgezählt und ermittelt, wen das Volk will, wer Merkel nachfolgen soll. Aber so schnell wird wohl nicht Ruhe einkehren. Von Montag an wird erst einmal sondiert, verhandelt und gefeilscht und so steht zu befürchten, dass Baerbock, Scholz und Laschet weiterhin das Fernsehprogramm beherrschen und auf ein Spezial sofort ein Brennpunkt folgt. Vermutlich geht das noch einige Monate so, weshalb Angela Merkel wohl ziemlich sicher auch die nächste Weihnachtsansprache halten wird.

In Freising allerdings ist heute erst einmal alles vorbei. Zum letzten Mal werden die Parteien Stände aufbauen, werden sich Wahlkämpfer in Stellung bringen und ihre Flyer verteilen, werden ab und an Direktkandidaten auftauchen und versuchen, mit dem Wahlvolk ins Gespräch zu kommen. Vergangenen Samstag war interessant zu beobachten, wie lange es die Wahlkämpfer in der Freisinger Hauptstraße aushalten. Mit Abstand die erste Partei, die ihre Zelte abbrach, war die CSU. So gegen 12.15 Uhr war das. Stellt sich jetzt die Frage, warum so früh? Wurde zusammengepackt, weil sich für Laschet niemand interessiert? Haben sich die CSU-Unterstützer mit den schlechten Umfrageergebnissen abgefunden? Ist ihnen das Werbematerial ausgegangen? Oder wollten sie nicht mehr bleiben in dem Bewusstsein, zumindest das Direktmandat sicher einzusacken? Eins dürfte klar sein, wäre Söder Spitzenkandidat gewesen, hätten sich die CSU-Leute ganz anders ins Zeug gelegt und wohl nicht so schnell aufgegeben, da hätten sie die Fahnen hochgehalten und die Werbetrommel gerührt, bis sie von den Kehrmaschinen vertrieben worden wären.

Möglicherweise war der frühe Abbruch der Werbeaktion aber nur dem bekannten Verkäuferinnen-Syndrom geschuldet. Vorwiegend in Bäckereien und Metzgereien beginnen ja für gewöhnlich eine halbe Stunde vor Ladenschluss die Aufräumarbeiten. Egal wie viele Kunden anstehen, bedient jetzt nur noch eine Verkäuferin, die anderen machen sauber. Verständlich, ihnen hilft kein städtischer Reinigungsdienst und Überstunden bekommen sie auch nicht bezahlt. Das Wahlkampfszenario am vergangenen Samstag sah anders aus. Vier Parteien und die Querdenker-Basis schoben Überstunden, eine Partei hat aufgeräumt.

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Quelle:
SZ vom 25.09.2021
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