Zehn junge Kiebitze sind bereits flügge. Mindestens. Zu sehen sind sie allerdings nicht, denn ein Elektrozaun schützt den Acker. Er hält nicht nur neugierige Menschen auf Distanz, sondern auch Fuchs und Dachs, für die solche Gelege sonst leichte Beute sind. Ein auf vier Jahre angelegtes Wiesenbrüterprojekt im Freisinger Moos erweist sich als ausgesprochen erfolgreich – mit Zahlen, die selbst Julia Heidtke, Fachfrau für Biotop- und Artenschutz bei der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt, überraschen. 28 Kiebitz-Brutpaare haben auf dem vier Hektar großen Acker Nester gebaut. „Das sind außergewöhnlich viele“, bilanziert sie. Eine kleine Sensation.
Vor mehreren Jahrzehnten war der Kiebitz mit seinen markanten Kopffedern noch ein Allerweltsvogel. Inzwischen aber ist sein typisches „Kiwitt“ nur noch selten zu hören. Im Freisinger Moos gibt es mit 120 Brutpaaren einen der größten Bestände in der Region – 2025 waren es noch 68. Trotz dieser positiven Entwicklung gilt der Kiebitz weiterhin als stark gefährdet, sein Bruterfolg in Bayern ist nach Angaben des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) noch immer zu gering. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind die Bestände um 90 Prozent eingebrochen, der Kiebitz steht auf der Roten Liste. Da Freising einer der Kiebitz-Schwerpunkte in Bayern ist, „bringt es viel, hier etwas zu machen“, sagt Julia Heidtke.
Einige der erwachsenen Vögel fliegen auf der eingezäunten Fläche immer wieder auf. „Hier vertreibt ein Kiebitz eine Krähe“, kommentiert Heidtke eine kurze Jagdszene, als sie gemeinsam mit Fabian Eichhorn vom Landschaftspflegeverband Freising und Landwirt Martin Königer über den erfolgreichen Wiesenbrüterschutz informiert. Ohne Landwirte wie ihn ließe sich das Projekt nicht umsetzen.
Königer ist aufgeschlossen, er will die Initiative unterstützen, „aber wirtschaftlich muss es sich tragen“, betont er. Es müsse für alle Seiten passen. Den Ertragsausfall auf der zeitweise stillgelegten Fläche könne er dank einer Ausgleichszahlung auffangen. Futter für seine Tiere benötigt er trotzdem und muss es bei Kollegen zukaufen. Ganz verloren für die Bewirtschaftung ist der Acker jedoch nicht. Mais kann jedoch nicht wie üblich Ende April ausgesät werden, sondern erst sechs Wochen später, nach der Brutzeit. Der Ertrag sei geringer, die Qualität der Pflanzen schlechter, da sich weniger Inhaltsstoffe einlagern könnten, erklärt er.

Bodenbrüter finden auf dem Areal ideale Bedingungen. Neben dem Acker ist zudem eine Ausgleichsfläche mit eingezäunt. Dort befindet sich eine Seige, eine Bodensenke, in der sich in feuchteren Zeiten Wasser sammelt. Der unregelmäßige Bewuchs bietet den Jungvögeln Schutz zwischen hohen Grasbüscheln, für ihre Bodennester gibt es genügend freie Flächen. Ein weiteres „Kiebitzgebiet“ liegt nicht weit entfernt, auf dem Langen Haken, dem ehemaligen Segelfluggelände im Freisinger Moos zwischen Giggenhausen und Pulling. Auch Brachvogel, Wachtelkönig und Feldlerche brüten im Freisinger Moos.
Die Lebensräume für Wiesenbrüter mit feuchtem Grünland sind in den vergangenen Jahrzehnten durch die Intensivierung der Landwirtschaft und Düngung stark zurückgegangen. Mit dem Wiesenbrüterprogramm soll gegengesteuert werden. Das Projekt im Freisinger Moos läuft noch bis Ende 2027, Julia Heidtke hofft auf eine Fortsetzung. Dank der Unterstützung der Regierung von Oberbayern können Kartierung, Kommunikation und Entschädigungen finanziert werden. Alle Beteiligten „sind mit Herzblut dabei“, sagt Fabian Eichhorn.

