Kichbergers Woche:Lärm als ständiger Begleiter

Warum man das Gefühl hat, dass der Lärmschutz meistens auf der Strecke bleibt

Kolumne von Johann Kirchberger

Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann ... Nein, nicht immer wird dann ein Arbeitskreis gegründet. Oft werden auch Pläne geschmiedet, über die man lange diskutieren und streiten kann. Dann müssen Betroffene gehört und dann noch einmal alles besprochen werden. Manchmal auch öfters. Wichtig ist dabei, dass die Pläne später exakt in eine Schublade passen, in die sie gelegt werden können und gar nicht so selten werden sie da nie mehr herausgeholt.

Als im Jahr 2002 die EU eine Umgebungslärmrichtlinie erlassen hat, musste irgendetwas passieren. Bei uns kam man auf die Idee, Lärmaktionspläne aufzustellen. Das ist "ein fachübergreifendes Planungsinstrument, das die Belange des Lärmschutzes bei allen infrastrukturellen und umweltpolitischen Planungen so weit wie möglich berücksichtigt". Deshalb wird zuerst der Umgebungslärmpegel in Lärmkarten erfasst und danach ein Lärmaktionsplan zur Verminderung von Geräuschbelastungen erstellt. So weiß man immer genau, wie viel Lärm etwa die Anlieger von Eisenbahnschienen ertragen müssen. Jede Menge ist das. Schließlich fahren von Freising nach München täglich etwa 300 Züge.

Geändert hat sich durch die schönen Pläne aber nichts. Dabei stehen da so schöne Verbesserungsvorschläge wie Flüsterbremsen über Radschallabsorber, Dämpfungsvorrichtungen in den Rädern, innerörtliche Temporeduzierung, Schallschutzwände und die nächtliche Beschränkung von Zugfahrten. Die Anlieger haben bisher nichts davon gemerkt. Aber alle fünf Jahre wird ein neuer Lärmaktionsplan erstellt, manchmal wird der alte aus den Schubläden geholt und ergänzt, und dann wieder da abgelegt, wo er hingehört. Vielleicht müssen jetzt bald größere Ergänzungen gemacht und größere Schubläden gesucht werden. Denn die Bahn will die Strecke von Freising nach München vierspurig ausbauen. Möglicherweise ist das notwendig, schon um aus Klimaschutzgründen mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Aber wo bleibt der Lärmschutz? Auf der Strecke. Die einzige Maßnahme, die etwas bringen würde, die Verlegung der Schienen innerhalb von besiedelten Gebieten in Tunnels, wird nicht einmal untersucht. Angeblich zu teuer. Ja dann.

Ein anderer Lärmaktionsplan wird gerade für den Münchner Flughafen aufgestellt. Das ist ein umfangreiches Werk, allein der Entwurf umfasst 88 Seiten. Die Forderungen der Bürgerinitiativen wurden darin natürlich nicht berücksichtigt. Das ginge ja auch zu weit. Die wollen ja neben dem Verzicht auf die 3. Startbahn auch noch ein generelles Nachtflugverbot von 22 bis 5 Uhr, wollen eine Überarbeitung der Entgeltordnung für laute Flugzeuge, fordern die Vermeidung von unnötigen Flügen und den Verzicht auf Subventionen.

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da, tönt da die gesamte Luftfahrtbranche. Würde man solchen Forderungen nachkommen, dann wäre ja unser Flughafen im Erdinger Moos, angeblich der schönste und beste in ganz Europa, nicht mehr konkurrenzfähig. Auf so etwas muss ein Lärmaktionsplan schon Rücksicht nehmen. Lärmschutz für die Anwohner ist zwar recht und schön, aber die wirtschaftlichen Interessen müssen schon berücksichtigt werden. Oder?

© SZ vom 11.09.2021
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB