Jugendsprechstunde für Suchtkranke Ohne erhobenen Zeigefinger

Auch bei exzessivem Medienkonsum bekommen junge Leute in der Sprechstunde "Jugend ist jetzt" des Freisinger Vereins Prop Unterstützung.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Die Sprechstunde "Jugend ist jetzt" des Vereins Prop hilft schnell und unbürokratisch bis zu 320 jungen Suchtkranken pro Jahr. In die Finanzierung des Angebots ist inzwischen auch der Landkreis eingestiegen.

Von Petra Schnirch, Freising

Da ist eine 15-Jährige, die innerhalb weniger Monate alkoholabhängig geworden ist, weil sie abends in ihrem Zimmer allein schon mal eine ganze Flasche Wodka leert. Oder eine 17-Jährige, die nicht weiter weiß, weil ihre Mutter regelmäßig trinkt. Oder der Student, der nicht mehr einschlafen kann, wenn er keinen Joint raucht. Ihnen allen hat der Freisinger Verein Prop mit seiner Jugendsprechstunde "Jugend ist jetzt" schnell und unbürokratisch Hilfe angeboten. Mit dieser Anlaufstelle für junge Suchtkranke schließt er eine Lücke. 300 bis 320 junge Leute wenden sich jedes Jahr an die Beratungsstelle.

Seit fünf Jahren gibt es die Jugendsprechstunde mittlerweile. Dass nun auch der Landkreis in die Finanzierung eingestiegen ist, bezeichnete Leiterin Bärbel Würdinger als "Riesengewinn". Bisher unterstützen der Rotary-Club Flughafen und die Flughafen München GmbH das Projekt mit je 5000 Euro im Jahr, im Mai hat der Landkreis Freising beschlossen, künftig den gleichen Betrag beizusteuern, um eine Finanzierungslücke zu schließen. Für die über 18-Jährigen kommt der Bezirk Oberbayern auf. Einmal im Jahr zieht Würdinger Bilanz und dankt den Sponsoren. Möglicherweise muss sie bald wieder neu auf die Suche gehen, denn nach fünf Jahren denkt der Rotary-Club darüber nach auszusteigen, um neue Aktionen unterstützen zu können.

Freising Der Joint ist ganz normal
Drogenkonsum bei Jugendlichen

Der Joint ist ganz normal

Laut Prop-Verein ist der Konsum von Cannabis bei Jugendlichen zunehmend verbreitet. Die Zahl der Drogendelikte hat sich in nur fünf Jahren verdoppelt. Sorgen bereiten den Suchttherapeuten aber auch "Legal Highs".   Von Gudrun Regelein

Man will der Ursache der Sucht auf den Grund gehen

In den Beratungsgesprächen geht es um ganz unterschiedliche Abhängigkeiten. Oft ist der Umgang mit Cannabis oder anderen Partydrogen Thema, außerdem Probleme mit Alkohol, aber auch exzessiver Medienkonsum und Glücksspiele. Die jungen Leute kommen freiwillig, wie Bärbel Würdinger am Montag schilderte - entweder weil Eltern oder Freunde ihnen dazu raten, weil der Arbeitgeber Druck macht oder Polizei und Richter ihnen das nahelegen. Aufgabe des Teams um Bärbel Würdinger ist es, die Jugendlichen zu stabilisieren und den Ursachen für den übermäßigen Konsum auf den Grund zu gehen, alles ohne moralischen Zeigefinger. Die Berater sollten den Ratsuchenden eine empathische, aber neutrale Begleitung anbieten, betonte die Leiterin, ohne das Verhalten der jungen Leute, anders als die Eltern, zu bewerten. Sie erfüllten die Funktion einer Bindungsperson, die helfe, das emotional Erlebte einzuordnen und zu verarbeiten.

Sehr schwierig ist es laut Würdinger, an Spielsüchtige heranzukommen. In diesen Fällen gehe es auch um eine frühe Überschuldung. "Existenzen junger Menschen können dadurch dauerhaft geschädigt werden." Auch die Selbstmordrate sei bei diesem Personenkreis am höchsten. Zu wenig als Anlaufstelle wahrgenommen wird die Jugendsprechstunde bisher bei Essstörungen. Dies würde Bärbel Würdinger gerne ändern.

Die Mitarbeiter von "Jugend ist jetzt" bleiben mit den jungen Leuten im Gespräch, solange beide Seiten es wünschen und für notwendig halten. Die Jugendlichen werden aber auch an andere Stellen weitervermittelt, sofern sie das zulassen, beispielsweise um sich in Therapie zu begeben. Deshalb ist ein großes Netzwerk erforderlich. Wie Beraterin Marie Lehner berichtete, können oft schnell erste Erfolge erzielt werden. Im Fall des Studenten, der zu viel Cannabis konsumierte, stellte sich heraus, dass er schwer traumatisiert war und sich im Studium extrem unter Druck setzte, so dass er ohne Drogen kaum noch abschalten konnte. Er schaffte es laut Lehner dank der Gespräche, den Konsum herunterzufahren und gestand es sich zu, ein Urlaubssemester einzulegen, um in Ruhe notwendige Praktika zu absolvieren.