Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge:Jugendhilfe am Limit

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Die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge, die alleine nach Bayern kommen, steigt immer weiter an. Auch dem Landkreis werden immer mehr Kinder und Jugendliche zugewiesen. (Foto: Uli Deck/dpa)

Die Zahl der in Bayern aufgegriffenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist stark gestiegen – auch im Landkreis Freising ist das so. Deren Unterbringung und Betreuung bedeuten eine große Herausforderung. Abhilfe soll nun eine eigene Jugendhilfe-Einrichtung schaffen.

Von Gudrun Regelein, Freising

In Bayern hat das System der Kinder- und Jugendhilfe laut Familienministerin Ulrike Scharf die Belastungsgrenze erreicht: „Die Kommunen sind am Limit“, heißt es in einer Pressemitteilung. Verantwortlich dafür sei die stark angestiegene Zahl der minderjährigen unbegleiteten Ausländer (UMA). 2019 wurden bayernweit noch 530 Kinder und Jugendliche vorläufig in Obhut genommen, 2023 waren es dann bereits 3157.

Auch im Landkreis Freising stieg die Zahl: „Wir haben die Kapazitätsgrenze erreicht“, sagt Freisings Jugendamtsleiterin Arabella Gittler-Reichel. Etwa 70 unbegleitete minderjährige Ausländer werden derzeit durch das Jugendamt betreut – im Mai 2023 waren es noch etwa 40 Fälle gewesen, Ende 2023 dann bereits 65, berichtet Gittler-Reichel. Dazu zählen allerdings auch ehemalige unbegleitete junge Flüchtlinge, die mittlerweile volljährig sind, aber noch vom Jugendamt betreut werden. Einen Lichtblick aber gibt es, denn der Landkreis wird noch in diesem Sommer in Freising eine eigene Jugendhilfe-Einrichtung für die jungen Geflüchteten schaffen.

Die Betreuung dieser Kinder und Jugendlichen sei herausfordernd, alleine schon, da nur wenige Deutsch können. „Wir bieten deshalb auch einen eigenen Sprachkurs an, dort kann sofort eingestiegen werden“, berichtet die Jugendamtsleiterin. Anderes Problem sei die oft sehr lange Wartezeit, bis die Schule besucht werden kann. Das könne sogar Monate dauern. Ein Schulbesuch aber sei wichtig, er biete eine Tagesstruktur und helfe bei der Integration.

Zwei Vollzeitstellen sind im Fachdienst nicht besetzt

Die ohne Begleitung aufgegriffenen Kinder und Jugendlichen werden dem Landkreis zugewiesen, sie kommen überwiegend aus Afghanistan, Syrien und der Türkei. Sie werden entweder von einer Pflegefamilie aufgenommen oder in eine stationäre Einrichtung der Jugendhilfe untergebracht. „Für uns ist das momentan eine äußerst herausfordernde Situation“, sagt Gittler-Reichel. Derzeit fehlten bis zu zwei Vollzeitstellen im zuständigen Fachdienstes. Wegen des Personalmangels musste im Bereich der Vormundschaften im vergangenen Jahr sogar zusätzlich ein externer Träger beauftragt werden. Die Katholische Jugendfürsorge Landshut hat derzeit zwölf Vormundschaften für geflüchtete unbegleitete Kinder oder Jugendliche übernommen. „Weitere 25 Vormundschaften werden von unseren Mitarbeitenden im Jugendamt geführt“, sagt Gittler-Reichel.

Noch extremer gestalte sich die Platzsuche in der Jugendhilfe, etliche Gruppen und sogar ganze Jugendhilfe-Einrichtungen in Deutschland mussten bereits wegen des Fachkräftemangels geschlossen werden. „Die Plätze für die unbegleiteten minderjährigen Ausländer sind in der Regel deutschlandweit vollumfänglich ausgelastet, der Bedarf übersteigt die vorhandenen Kapazitäten deutlich“, berichtet die Jugendamtsleiterin. Die Suche nach einem Platz gestalte sich extrem zeitaufwendig und damit auch personalintensiv.

Die neue Einrichtung ist ein Glücksfall

Entlastung soll nun eine eigene Jugendhilfe-Einrichtung für junge unbegleitete Flüchtlinge mit insgesamt 23 Plätzen schaffen. Schon im vergangenen Jahr wurde vom Landkreis eine Wohnung in Au angemietet, dort konnten dann acht Jugendliche einziehen. „Das gestaltete sich aber schwierig“, berichtet Gittler-Reichel. Denn Freising, wo die Schulen und Ämter sind, sei von Au nicht gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Vorübergehend wurden dann sogar einige der jungen Flüchtlinge in der Steinkaserne untergebracht, dort sei die Situation aber nicht optimal. Die neue Einrichtung sei ein Glücksfall, sagt Gittler-Reichel. Insgesamt 470 Quadratmeter verteilen sich auf zwei nebeneinanderliegende Gebäude. In dem einen will man eine sozialpädagogisch betreute Wohngruppe etablieren, in dem anderen für die selbständigeren Jugendlichen ein teil-betreutes Wohnen anbieten.

Die gestiegene Zahl an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen macht sich auch im Haushalt des Amtes für Jugend und Familie bemerkbar. Im vergangenen Jahr wurden für diesen Bereich noch etwa 2,4 Millionen Euro veranschlagt, in diesem Jahr sind es bereits knapp sechs Millionen Euro. Der Landkreis erhält vom Land Bayern für Personal- und Vormundschaftskosten im Bereich der unbegleiteten minderjährigen Ausländer einen Zuschuss, berichtet Gittler-Reichel. 2023 waren es 95 500 Euro. Die Kosten für die Unterbringung und Betreuung dagegen werden dem Landkreis vom Bezirk in voller Höhe erstattet.

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