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Jugendfußball:Alle wieder Anfänger

Die Freude, endlich wieder Fußball spielen zu können, ist groß bei den Kindern und Jugendlichen des SE Freising. Trainer Volkmar Kleimann hofft, dass auch Testspiele bald wieder möglich sein werden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der SEF-Jugendfußballtrainer Volkmar Kleimann hofft, bald wieder mit einem geordneten Trainings- und Spielbetrieb starten zu können. Er befürchtet, dass die Folgen der Pandemie bei den kleinen Sportlern gravierend sein werden.

Interview von Johann Kirchberger, Freising

Wenn die Corona-Inzidenzzahlen weiter kontinuierlich sinken, rechnet Volkmar Kleimann vom SE Freising von September an wieder mit einem geordneten Trainings- und Spielbetrieb. Wie sich der Jugendfußball als Folge der Pandemie in den Monaten danach weiterentwickeln wird, lässt sich nach seinen Worten schwer voraussagen. "Wie gravierend wird das sportliche Defizit der Spieler sein, dürfen sich alle wieder gemeinsam in einer Kabine umziehen, dürfen sich die Eltern wieder zusammenstellen? Das sind so die Fragen, die uns dann beschäftigen werden". Wichtig ist ihm, dass alle zuständigen Stellen erkennen, wie wichtig die sportliche Ausbildung und Förderung hinsichtlich Gesundheit, Persönlichkeit und Leistungsfähigkeit für Kinder ist. Sport für Kinder, wünscht sich Kleimann, müsse den Stellenwert bekommen, den er verdient.

SZ: Viele Jugendfußballer haben seit fast zwei Jahren kein Spiel mehr gehabt und durften auch nicht trainieren. Sind die überhaupt noch da oder haben sie sich verlaufen?

Kleimann: Die sind schon noch alle da und ganz heiß darauf, dass es nun wieder losgeht. Die wollen sich bewegen und ihre Kumpels wiedertreffen. Alle werden sicherlich nicht wiederkommen, aber das ist die natürliche Fluktuation im Fußball. Wir Trainer haben während des Lockdowns regelmäßig Kontakt mit den Spielern über unsere Chatgruppen gehalten und wussten so immer, wie es den Jungs so geht.

Seit dem 28. April ist kontaktloser Sport im Freien für Kinder unter 14 Jahren in Gruppen von bis zu fünf Personen gestattet. Trainer müssen getestet sein. Hat der SE Freising diese Möglichkeit wahrgenommen und wie hat das geklappt?

Klar haben wir diese Möglichkeit wahrgenommen, wenn auch erst einmal mit weniger Mannschaften. Die notwendigen Hygiene- und Sportkonzepte zum Start lagen ja schon in der Schublade und wir hatten schon die Erfahrung nach dem Re-Start aus dem letzten Frühsommer. Nun mussten wir eine lange Zeit darauf warten, dass es wieder losgeht und waren gut vorbereitet. Neu hinzugekommen ist die Testung. Trainer und Co-Trainer testen sich vor dem Training zeitgleich - Vier-Augen-Prinzip - und das Ergebnis wird im Verein dokumentiert. Das klappt reibungslos.

Am Montag vergangener Woche lag die Inzidenzzahl im Landkreis erstmals unter 100. Bleibt das so, ist wieder Mannschaftstraining ohne Gruppenbeschränkung möglich. Wie froh sind Sie darüber?

Ohne Gruppenbeschränkung und dann hoffentlich bald auch wieder mit vollem Kontakttraining. Natürlich ist das ein Unterschied, ob ich mit angezogener Handbremse trainieren muss oder ob die Kinder sich voll verausgaben können. Eine Zeitlang macht das kontaktfreie Training ja auch Sinn, so können gewisse Grundtechniken wie Passspiel, Laufwege, Stellungsspiel und Schusstechniken wieder aufgefrischt und vertieft werden. Aber auf Dauer geht es natürlich ums "richtige" Fußballspielen.

In welcher Verfassung sind denn die jungen Fußballer? Die meisten haben ja auch schon lange keinen Sportunterricht mehr gehabt. Sind die Kinder steif geworden, langsamer, haben sie zugelegt?

Die Unterschiede von vor der Pandemie zu jetzt sind gravierend. Es fehlt nicht nur an der körperlichen Fitness, also Kraft und Ausdauer, sondern auch am Timing, am Selbstvertrauen, am Spielverständnis. Eigentlich sind alle unsere Fußballspieler jetzt wieder Anfänger. Wie lange das dauert, bis die Kinder wieder bei ihrem vollen Leistungsvermögen sind, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin mir aber sicher, dass nicht mehr alle Kinder ihren früheren Leistungsstand erreichen werden. Bei meinen F-Jugend-Kindern wird das nicht so eklatant sein, aber gerade für die älteren Spieler, die sich jetzt eigentlich auf den Herrenbereich vorbereiten sollten, wird das schwer zu schaffen sein.

Kommen die Kinder mit Freude wieder ins Training oder musste der ein oder andere erst dazu überredet werden?

Die Freude, dass jetzt wieder Fußball gespielt werden darf, überwiegt eindeutig. Nicht nur bei unseren Vorschul- und Grundschulkindern, auch bei den älteren Jahrgängen. Auch die werden freudestrahlend zum Training kommen. Das ist es, was mich für die Zukunft optimistisch stimmt. Der Fußball wird die Corona-Krise überleben. Man merkt hier den sozialen Aspekt, der alle Mannschaftssportarten prägt: sich in der Gemeinschaft sportlich zu betätigen.

Was erzählen Ihre Spieler, wie haben sie die fußballlose Zeit überstanden?

Langweilig war ihnen und sie sind froh, dass es wieder losgeht. Viel mehr erzählen unsere Kleinen da nicht. Ich denke mir dann manchmal, sie schämen sich ein wenig, wenn sie ihrem Trainer sagen müssen, dass sie zu Hause nicht so fleißig trainiert haben.

Gerade der F-Jugendbereich lebt ja davon, dass immer wieder neue Spieler auftauchen, die erstmals in einem Verein spielen wollen. Hat der Zulauf schon wieder eingesetzt, melden sich wieder interessierte Talente?

Nein, tatsächlich haben uns in den vergangenen Monaten keine Eltern kontaktiert, die Interesse am Fußball bekundet hätten. Das ist außergewöhnlich, aber nachvollziehbar. Alle warten natürlich erst einmal ab, bis die Lage wieder übersichtlicher geworden ist. Ich bin mir aber sicher, sobald wir wieder regelmäßig beim Training draußen sind, wird auch der Zulauf wieder einsetzen.

Wann könnte jetzt wieder ein normaler Spielbetrieb starten und wie soll dann die Klasseneinteilung erfolgen? Die von Ihnen zuletzt betreute U 7 ist ja inzwischen eine U 9.

Nun, erst einmal ist es ja so, dass die aktuelle Saison 2020/21, die vor den Sommerferien enden würde, definitiv abgesagt worden ist. Das heißt, dass wir genügend Zeit haben, die Mannschaften wieder in Wettkampfform zu bringen. Sollte sich die Pandemie-Lage weiterhin entspannen, sind sicher noch vor den Sommerferien Testspiele oder sogar das eine oder andere Turnier möglich. Nach den Ferien geht dann hoffentlich die neue Saison los und hier gibt es eine gravierende Änderung. Der Bayerische Fußballverband hat für den Kreis Donau/Isar eine Verjüngung der Jahrgänge beschlossen, das bedeutet, dass alle Jahrgänge ein Jahr früher in die nächsthöhere Altersklasse geschoben werden. Für meine Mannschaft heißt das, dass sie dann in der E-Jugend spielt, obwohl sie insgesamt erst ein Jahr F-Jugend gespielt hat. Bis zum Herrenbereich fehlt den Kindern damit ein komplettes Ausbildungsjahr.

Was ist mit den Trainern und Betreuern? Sind die alle bei der Stange geblieben oder sind einige abgesprungen?

Nein, im Großen und Ganzen sind uns alle treu geblieben. Das ist das Gute in so einem relativ kleinen Verein wie dem SE Freising. Verein und Trainer kennen sich seit Jahren, es existiert eine gewisse Vertrauensbasis und die Fluktuation ist eher gering.

Welche Bedeutung hat Sport ganz allgemein für die Kinder, wie wirkt er sich auf ihre Entwicklung aus?

Hier denkt man in erster Linie zuerst an die körperlichen Vorteile, die der Sport mit sich bringt, also für den Bewegungsapparat, für die Fitness und für die Ausdauer. Nicht umsonst sagt man ja auch, der Körper hat ein Gedächtnis und von der sportlichen Ausbildung im Kindesalter profitiert der Körper ein Leben lang. Aber es hängt für die Kinder noch so viel mehr von der sportlichen Ausbildung ab als nur die Fitness. Ich denke da an die kognitive Entwicklung. Im Fußball etwa gilt es die Aufmerksamkeit während des Spiels hochzuhalten, die Wahrnehmung auf dem Spielfeld, was passiert, wenn ich jetzt dies oder jenes tue, oder das Finden von einfachen Lösungen. Das Ganze mit einem Ball am Fuß und Gegnern, die einen attackieren, und dann noch dem Trainer, der Kommandos rein ruft. Hier sind viele Faktoren gleichzeitig gefragt.

Die dritte Säule ist die empathische Entwicklung. Die Kinder sollen lernen, Handlungen und Gefühle nachzuvollziehen. Wie reagieren die Kinder auf Konkurrenzsituation, sei es beim Gegner oder in der eigenen Mannschaft? Wie gehen sie mit Neid, Motivation, Ansporn und Freude um, wie verhalten sie sich im Team? Das alles sind wichtige Faktoren für das ganze Leben. Das können Schule und Elternhaus alleine nicht bewältigen, dazu braucht es die Sportvereine und die Trainer vor Ort, die die Kinder ausbilden.

© SZ vom 17.05.2021
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