Bonus für Hebammen "Nur ein Wahlkampfgeschenk"

Auch Evelin Altenbeck bietet nur noch Vor- und Nachbereitung bei einer Geburt an, als Kurse in ihrer Hebammenpraxis in Moosburg oder als persönliche Begleiterin.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Moosburger Geburtshelferin Evelin Altenbeck begrüßt den neuen Hebammenbonus des Freistaats zwar, für die meisten ihrer Kolleginnen kommt er jedoch zu spät. Trotzdem hält sie ihren Beruf für den schönsten.

Interview Von Gudrun Regelein, Moosburg

Für sie sei es noch immer der schönste Beruf, sagt Evelin Altenbeck - auch wenn sich die Moosburgerin, so wie viele andere Hebammen, wegen der steigenden Kosten für die Haftpflichtversicherung aus der Geburtshilfe zurückgezogen hat. Seit diesem September bekommen nun Hebammen in Bayern, die freiberuflich Geburten betreuen, eine finanzielle Unterstützung vom Freistaat. Im Gespräch mit der SZ Freising erklärt Altenbeck, weshalb der sogenannte Hebammenbonus in Höhe von 1000 Euro pro Jahr zu spät kommt.

SZ: Ist der Bonus eine wirkliche Hilfe - oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Evelin Altenbeck: Er bedeutet definitiv eine Hilfe, man kann ihn ja auch bereits ab vier Geburten im Jahr beantragen. Allerdings hätte er viel früher kommen müssen. Die Politik hat jahrelang dem Sterben der Hebammen zugeschaut - in meinen Augen ist das nun ein Wahlkampfgeschenk. Die Hebammen, die aus der Geburtshilfe ausgestiegen sind, wird man damit kaum zum Wiedereinstieg motivieren können.

Grund für die Aufgabe vieler Hebammen war die immer weiter steigende Haftpflichtprämie. Teilweise mussten schon bis zu 8000 Euro jährlich dafür ausgegeben werden.

Die Haftpflichtprämie ist das eine große Problem. Das andere ist, dass es nur einen Anbieter gibt - und um von ihm versichert zu werden, muss man Mitglied im Deutschen Hebammenverband sein. Für den anderen Berufsverband, den Bund freiberuflicher Hebammen, hat das natürlich Folgen, nämlich weniger Mitglieder. Insofern hat das Ganze auch eine politische Dimension.

Freisinger Köpfe

Alle Möglichkeiten ausgeschöpft

Evelin Altenbeck ist Hebamme aus Leidenschaft

Viele Hebammen haben bereits aufgegeben - auch in Freising?

Auch hier sind bereits viele meiner Kolleginnen aus der Geburtshilfe ausgestiegen und bieten nur noch die Beratung und Begleitung vor und nach der Geburt an. Inzwischen gibt es zwar den sogenannten Sicherstellungszuschlag, der in etwa die jährliche Haftpflichtprämie abdeckt und den man rückwirkend beantragen kann. Aber bis dieser endlich kam, haben bereits viele Hebammen resigniert und aufgegeben.

Und Sie machen dennoch weiter?

Ich habe deshalb vor sieben Jahren das Geburtshaus in Moosburg aufgegeben. Damals war die Geschichte mit der steigenden Haftpflichtversicherung akut, dazu kamen noch viele andere Hürden: beispielsweise hätten alle Hebammen des Geburtshauses bei der gleichen Versicherung sein müssen. Es war unsäglich. Seitdem biete ich - abgesehen von einem Intermezzo im vergangenen Jahr, als ich als Geburtshelferin im Klinikum Erding gearbeitet habe - in meiner Hebammenpraxis Kurse an, begleite Frauen vor und nach der Geburt.

Schon jetzt finden viele werdende Mütter keine Hebammen oder werden sogar vor dem Kreißsaal weggeschickt. Zumindest in München ist das so. Wie wird eine gute Betreuung noch in Zukunft möglich sein?

In Erding gab es ja bereits eine ähnliche Situation. Dort war die Geburtsstation über Monate hinweg geschlossen, da es einfach nicht genügend Hebammen für den Dienstplan gab. Auch wir im Landkreis Freising haben nicht mehr so besonders viele Nachsorgehebammen. Das liegt daran, dass die Wochenbettbetreuung nicht gut bezahlt wird. In einem Landkreis wie Freising mit enorm hohen Lebenshaltungskosten kann eine Hebamme davon nicht leben - zumindest nicht, wenn sie in Teilzeit arbeitet. Ich befürchte für diesen Bereich eine drohenden Unterversorgung.

Inzwischen wird ja auch immer häufiger die Forderung nach einem staatlichen Fonds, der die Haftpflichtkosten für Hebammen übernimmt, laut.

Das würde zumindest eine Linderung des Problems bedeuten: eine Fondshaftung für Medizinschäden. Dann wären auch wieder mehr Versicherungen bereit, uns aufzunehmen. Vielleicht gäbe es dann auch wieder mehr junge Frauen, die diesen Beruf erlernen wollen.

Was bedeutet das alles für die werdenden Mütter?

Die Geburtenzahlen sind gestiegen. Und das liegt sicher mit daran, dass die Geburten viel frauenfreundlicher geworden sind. Durch die Hausgeburtshilfe ist den Kliniken eine Konkurrenz entstanden. Diese mussten ihre Konzepte neu überdenken. Ich habe hier beispielsweise 1997 als so ziemlich erste Hebamme Wassergeburten im Geburtshaus angeboten. Inzwischen gibt es das überall. Auch die Dammschnittrate ist mittlerweile deutlich zurückgegangen. Das alles sind Meilensteine. Aber ich befürchte, dass wir einen Rückschritt haben werden. Schon jetzt müssen Frauen vor dem Kreißsaal weggeschickt werden - auch wenn die Hebammen am Limit arbeiten. Aber es sind nicht alle Stellen besetzt.

Dazu kommt, dass gerade immer mehr der kleinen Geburtsabteilungen schließen oder bereits in den vergangenen fünf Jahren geschlossen haben. Die Geburtshilfe ist eben teuer und nicht so rentabel. Das bedeutet aber, dass viele werdende Eltern zukünftig einen teilweise sehr langen Weg zur Klinik haben werden.

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