Immer mehr Vögel am Flughafen Brüten neben der Startbahn

Ein Kiebitz sitzt im kurzen Gras neben den asphaltierten Flächen des Rollfelds am Flughafen München.

(Foto: Julia Kainz)

Der Flughafen im Erdinger Moos ist ein Lebensraum für bedrohte Vogelarten wie Kiebitze und Große Brachvögel. Die selten gewordenen Wiesenbrüter lassen sich von den startenden und landenden Flugzeugen nicht stören.

Von Julia Kainz, Erding

Es klingt paradox, ist aber Realität: Ausgerechnet ein Flughafen ist Teil eines Vogelschutzgebiets und beherbergt stark bedrohte Wiesenbrüter. Der Flughafen im Erdinger Moos gehört zum 4500 Hektar großen Schutzgebiet "Nördliches Erdinger Moos". Mitten in seinem Sicherheitsbereich hat sich auf 658 Hektar ein ungewöhnliches Zusammenleben etabliert: Auf den Wiesen um das Rollfeld leben zahlreiche Wiesenbrüter, während direkt neben ihnen Flugzeuge starten und landen.

Oliver Weindl ist Leiter des Wildlife-Managements und Vogelschlagbeauftragter am Flughafen. Zusammen mit Julia Gotzler von der Umweltabteilung für Naturschutz und Ökologie fährt er über das Rollfeld der Nordbahn. Sie halten Ausschau nach Wiesenbrütern wie dem Großen Brachvogel und dem Kiebitz. Die Vögel sind erst vor kurzem zurück gekommen, sie waren den Winter über im Süden. Jetzt sind sie wieder da, um mit dem Brutgeschäft zu beginnen. Der Flughafen München eignet sich dafür offenbar sehr gut, seit Jahren steige die Wiesenbrüterzahl auf dem Flughafengelände, sagt Gotzler: Vor fünf Jahren waren es 58 Paare, 2017 lebten bereits 94 Brutpaare des Großen Brachvogels auf dem Flughafengelände, vergangenes Jahr waren es 94 Paare. Der Flughafen München ist einer der wichtigsten Brutgebiete für Große Brachvögel in Bayern.

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"Der Lärm stört die Vögel nicht"

Schon nach wenigen Minuten entdecken Gotzler und Weindl die ersten Vögel. Es sind Kiebitze. Sie haben einen weißen Bauch, an der Brust sind sie schwarz. Charakteristisch ist vor allem der lange zweizipflige Federschopf auf dem Kopf und der blau-violette Schulterfleck auf dem grün-gräulichen Federmantel. 126 Kiebitzpaare gab es 2018 am Flughafen. Der Bestand sei ziemlich stabil, sagt Gotzler.

Ein Kiebitz sitzt direkt neben dem Rollfeld. Ein Flugzeug fährt vorbei, der Vogel rührt sich nicht. Er macht sich lediglich etwas kleiner, um sich vor dem Wind zu schützen. "Der Lärm stört die Vögel nicht", sagt Weindl. Im Gegensatz zum Straßenverkehr sei Fluglärm "diskontinuierlicher Lärm", zwischen dem Pausen lägen. Damit könnten die Tiere gut leben.

Weindl fährt weiter, auf der Suche nach einem Großen Brachvogel. Er ist stockentengroß und hat ein beigebraunes Gefieder mit dunklen Streifen und Flecken. Auffällig ist der lange, nach unten gekrümmte Schnabel. Es dauert nicht lange, bis Weindl einen Brachvogel findet. Der Sicherheitsbereich ist übersichtlich, das Gras um das Rollfeld herum kurz gehalten, damit die Flugzeuge sicher starten und landen können. So kann man die Vögel leicht sehen. Die Beschaffenheit der Flughafenwiesen gefällt den Wiesenbrütern: Sie brauchen weite, offene Gelände. Gehölze und Sträucher sind für sie Gefahrenquellen, in denen sich Feinde wie Füchse verstecken können. Die Wiesen um das Rollfeld werden nur im Juli und im Oktober gemäht. Während der Brutzeit zwischen März und Juni bleiben sie unberührt. Es werden keine Pflanzenschutzmittel verwendet und die Wiesen sind mager. Alles in allem optimale Bedingungen für Wiesenbrüter. "Wir haben unsere Flächen schon immer so bewirtschaftet", sagt Weindl. Irgendwann habe sich herausgestellt, dass das für Wiesenbrüter "total geil" sei.

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Weindl versucht, näher an den Brachvogel heran zu fahren, der fliegt jedoch davon. Nach ein paar Metern landet er aber schon wieder. "Wiesenbrüter sind eher Fußgänger", erklärt Weindl. Das sei wichtig für die Verhütung von Vogelschlag am Flughafen. "Vögel wie Gänse, Krähen und Greifvögel haben wir nicht gerne hier." Da sie relativ groß sind und in Schwärmen auftreten, stellen sie eine Vogelschlaggefahr dar. Wiesenbrüter beeinträchtigen den Flugverkehr kaum. Es ist "ein friedliches Zusammenleben", sagt Weindl.

Bald reicht der Platz nicht mehr für all die Wiesenbrüter, meint Gotzler

Wiesenbrüter sind ortstreu und kommen am liebsten zu ihren Brutplätzen zurück. Am Flughafen ist der Bruterfolg so hoch, dass dort immer mehr Vögel brüten wollen. Der Platz dafür reicht bald nicht mehr, sagt Gotzler. Folglich siedeln sich die Nachkommen jenseits des Flughafengeländes an. Doch dort sind die Bedingungen für Wiesenbrüter viel schlechter. Auf der Roten Liste wird der Große Brachvogel als vom Aussterben gefährdet eingestuft, der Kiebitz als stark gefährdet. "Die Bedrohung der Wiesenbrüter ist eine Folge geänderter Landnutzung", erklärt Manfred Drobny vom Bund Naturschutz. Ein großes Problem sei die intensive Wiesennutzung. Dünger und häufige Schnitte gefährden den Lebensraum der Vögel. Früher habe man Wiesen streifenweise gemäht, heute werde in Hochgeschwindigkeit das ganze Feld auf einmal gemäht. Die Vögel hätten kaum Zeit auszuweichen, die Brut werde oft vernichtet. Die Vögel zu schützen sei wichtig. "Extra einen Flughafen muss man dafür jetzt aber nicht bauen", sagt Drobny. Dafür gebe es auch andere Wege.

Außerhalb des Schutzzaunes stellen Füchse den Wiesenbrütern nach. Da diese keine natürlichen Feinde haben, ist deren Bejagung nötig. Am Flughafen gibt es das Problem nicht. Der Sicherheitsbereich ist eingezäunt, Füchse kommen nicht auf das Gelände. Und wenn sich doch mal einer verirrt, hat Weindl eine Lösung: seinen Dackel. Im vergangenen Jahr hat am Flughafen sogar die seltene Uferschnepfe gebrütet, sagt Gotzler. Die Vögel fühlen sich offenbar wohl. "Sie müssen ja nicht herkommen", sagt Weindl, "sie haben freie Platzwahl." Wer demnächst vom Flughafen wegfliegt, kann beim Starten vom Fenster aus Ausschau nach Wiesenbrütern halten - die Chancen sie zu sehen sind nicht schlecht.