Sanierungen in der Innenstadt Verliebt in alte Häuser

Im Inneren ist das Haus an der Sackgasse 9 noch eine Baustelle.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zwei Familien sanieren mit viel Herzblut, Mühe und finanziellen Aufwand zwei historische Gebäude in der Freisinger Innenstadt. Besuchern berichten sie von ihren Erlebnisse dabei.

Von Katharina Aurich, Freising

Familie Reiter hat ein altes Freisinger Haus in der Ziegelgasse, das um 1550 entstand, geerbt, Familie Hartert-Müller suchte ein Haus mit Garten in der Freisinger Innenstadt und kaufte schließlich ein heruntergekommenes Gebäude an der Sackgasse. Beide Familien haben die alten Häuser mit viel Herzblut, guten Nerven, Engagement und natürlich mit großem finanziellen Aufwand saniert und bezogen. Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag gewährten sie Besuchern Zutritt zu ihren Gebäuden und erzählten ihnen, was es bedeutet, ein viele Jahrhunderte altes Gebäude zu erhalten. Sie zeigten, wie schön beschädigte und feuchte Mauern, Fassaden, Balken oder Fenster wieder werden können.

"Wir wussten 2008 nicht so recht, was wir mit dem Haus in der Ziegelgasse machen sollten", erinnert sich Gaby Reiter. Außerdem seien ihnen einige Baulöwen "auf die Pelle gerückt", da zum Haus ein großer Wirtschaftsgarten gehörte. Schließlich entschieden sie sich für das alte Gebäude, der Garten wurde verkauft und das Paar begann zusammen mit Architekt Christian Klessinger Restaurierungspläne zu entwerfen. Klar war, dass sie selbst in das Dachgeschoss, das bis dahin nicht ausgebaut war, einziehen wollten. "Wegen des tollen Blicks", denn von ihrer Wohnung aus sehen Reiters nun die Sankt-Georgs-Kirche, den Domberg und Weihenstephan. Allerdings ließen die Probleme nicht lange auf sich warten, denn für den Neubau auf dem Gartengrundstück wurde eine Tiefgarage gebaut. Das alte Haus in der Ziegelgasse musste dafür gesichert werden, damit es nicht abrutschte.

Das Paar holte Berge von Isarkieseln, die als Schallschutz gedient hatten, aus den Zwischendecken

Die Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege untersuchten das Gebäude genau, das früher außerhalb der Stadt lag. Immer wieder war es umgebaut worden und im 18. Jahrhundert wurde der Dachstuhl verändert. Für Familie Reiter begann eine arbeitsreiche Zeit, jedes Wochenende verbrachte das Paar in seinem neuen Haus und machte so viele Arbeiten wie möglich selbst. Beide entfernten beispielsweise Berge von Isarkieseln, die als Schallschutz in den Zwischendecken gedient hatten. Der Dachstuhl wurde von außen gedämmt, die ursprünglichen alten Kastenfenster blieben erhalten, die Fassade erhielt einen Wärmedämmputz, die Räume innen einen Lehmputz und die Wände wurden mit Kalk gestrichen. Kaputte Fenster seien aus Eiche nachgebaut worden, schildert das Paar. Besonders stolz sind die Bauherren auf die Balken im Erdgeschoss, eine barocke "Balken-Bohlendecke", die ganz schwarz ist. "Wir würden es noch mal machen", sind sich Gaby und Georg Reiter, die 2013 in ihr Haus einzogen, einig.

Während sich Reiters über ihr schmuckes, fertig renoviertes Drei-Familien-Haus freuen, ist für Familie Müller, die 2011 in die Sackgasse 9 einzog, das Abenteuer Sanierung noch lange nicht zu Ende. Benno Müller und seine Frau, die Architektin Ingrid Hartert-Müller, schildern sehr anschaulich, wie hoch der Schimmel im Haus wuchs und wie verkommen das Gebäude gewesen sei, für das bereits eine Abrissgenehmigung vorlag. Aber Ingrid Hartert-Müller hatte sich in das Gemäuer mit der damals hässlichen Sechzigerjahre-Fassade direkt an der Moosach verliebt.

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"In dem Haus hat es geknistert, ich habe gespürt, hier sind wir auf etwas ganz Besonderes gestoßen," erinnert sie sich. In diesem Haus wolle sie alt werden. Deshalb hat das Paar das Erdgeschoss inzwischen barrierefrei für sich ausgebaut, im Dachgeschoss wohnt eines ihrer drei Kinder. Maßgabe bei der Sanierung war, das Gebäude möglichst originalgetreu wieder herzustellen und für Wohnzwecke nutzbar zu machen. Im ersten Stock sind die Wände und Decken frei gelegt, hier verbargen sich wunderschöne Kunstwerke, mit denen niemand gerechnet hatte.

Das einst prachtvolle Gebäude war Erholungsort des Domklerus während der heißen Sommermonate

Wie sich bei der Abnahme der Wand- und Deckenverkleidungen nämlich herausstellte, war das Gebäude einstmals ein prachtvolles, spätmittelalterliches Sommer- und Gartenhaus des Domklerus. Hierhin zogen sich die Geistlichen in der warmen Jahreszeit zur Erholung zurück. Weihbischof Johann Sigismund Zeller, der um 1700 lebte, habe in der Häuserreihe, von der nur noch die heutige Nummer 9 übrig sei, einen Festsaal gebaut. "Die langgestreckte Hauszeile Sackgasse 3 bis 9 mit dem gemeinsamen Satteldach von 1796 prägt noch heute die Sackgasse", sagt Hartert-Müller. So genau wurde die Jahreszahl mithilfe der Dendro-Datierung bestimmt, einer Altersanalyse anhand von Holzfunden. Zwei Fünftel des ursprünglichen Festsaals sind in ihrem Haus glücklicherweise erhalten geblieben, sagt Hartert-Müller. Hier sind die Reste der Kastenholzdecke, auf denen das Wappen des Fürstbischofs sowie Bilder der Tierkreiszeichen zu sehen sind, ausgestellt.

32 Fenster habe das Gebäude mit zauberhaften alten Beschlägen aus der Renaissance, schwärmt die Architektin, die sie nächtelang von Hand säuberte. Natürlich könne eine private Familie ein solches Vorhaben finanziell nicht alleine stemmen, berichtet das Paar. Unterstützt wurde es von Anfang an von den Mitarbeitern des Landesamtes für Denkmalpflege, dem Bezirk Oberbayern und inzwischen auch von Stiftungen. Denn die schönen, alten Gemälde aus dem Festsaal zu erhalten, sei ja weit mehr, als ein Haus zu sanieren. Hartert-Müller appelliert an alle Freisinger, sensibel und kreativ mit ihrem Erbe umzugehen, denn es gebe noch viele historische Gebäude, die auf eine Sanierung warteten und nicht der Abrissbirne zum Opfer fallen sollten. So, wie es ihrem Sommer- und Gartenhaus des Weihbischofs beinahe passiert wäre.