Karl Pichlmeyer ist mit jedem schnell per Du. „Schau Dich um“, sagt er und deutet auf die hügelige Landschaft hinter seinem Haus in Grafendorf im Landkreis Freising. „Warum fahren wir überhaupt fort? Es ist so schön hier.“ Mit Urlaubsregionen wie Tirol könne die Hallertau durchaus mithalten, findet er. Vermutlich wird ihm da nicht jeder zu hundert Prozent zustimmen. Sehenswert ist der Ausblick auf die Hopfengärten mit den typischen, etwa sieben Meter langen Gerüststangen in jedem Fall. Dass der Hopfenanbau seit März zum immateriellen Kulturerbe Bayerns gehört, ist für den Hopfenbauern nur folgerichtig.
„Wir leben in einer gottgegebenen Region“, sagt der 55-Jährige. Jeder hier „identifiziert sich mit der Hallertau“. Und selbst vielen, die noch nie hier waren, ist der Name ein Begriff. Er steht ebenso wie der „Nährberg“ in Weihenstephan, auf dem schon Generationen von Braumeistern ausgebildet wurden, für die bayerische Bier-Tradition schlechthin. „Das ist ein Lebensgefühl.“
Von den beeindruckenden bis zu acht Meter langen tiefgrünen Kletterpflanzen, die im Sommer die Hallertau prägen, ist Anfang Mai noch nichts zu sehen. Die Triebe ragen gerade einmal 20 Zentimeter aus dem Boden. In diesen Tagen gilt es, sie „anzudrehen“, auf die Drähte zu wickeln. Etwa 20 Saisonarbeiter sind damit drei Wochen lang beschäftigt. Danach windet sich das grüne Gold rasch nach oben. „Hopfen ist die schnellst wachsende Kulturpflanze der Erde“, erklärt Pichlmeyer. Unter günstigen Bedingungen schafft sie bis zu 30 Zentimeter am Tag, „da kann man zuschauen“. Etwa 65 Hektar bewirtschaftet seine Familie. Geerntet wird im Spätsommer.


Es gibt mehrere Gründe, warum die Hallertau das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt ist. Die Böden hier sind ideal, ebenso das Klima – in der Regel ist es nicht zu heiß und nicht zu kühl, auch wenn sich das durch den Klimawandel gerade ändert. Die Topografie der Hallertau eignet sich nicht für modernen Ackerbau, für eine Sonderkultur wie den Hopfen war das eine Chance. Und dann ist da noch die Tradition. Erste schriftliche Belege zum Hopfenanbau in der Region stammen bereits aus dem neunten Jahrhundert. Aber erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Hallertau zu dem Gebiet, in dem sich alles um den Hopfen dreht.
Wer etwas über die faszinierende Geschichte dieser Pflanze erfahren möchte, der fährt am besten ins deutsche Hopfenmuseum in Wolnzach im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm. Die Architektur des Museums beruft sich explizit auf die Hopfengärten: Die schlanken Holzstützen des Gebäudes sind mit einer dünnen Stahlkonstruktion verbunden, im Inneren lädt eine begehbare Dolde zum Besuch ein. Die Ausstellung, die sich auf zwei Etagen erstreckt, reicht von der Botanik über das Bierbrauen bis zum Hopfenhandel.

Seit dem Mittelalter ist das Bierbrauen in ganz Deutschland verbreitet, spezialisierte Anbaugebiete sind aber eine modernere Entwicklung. Jahrhundertelang pflanzte man Hopfen überall dort, wo man Bier brauen wollte, denn er verdarb sehr schnell. Noch vor 150 Jahren, so liest man im Museum, wuchs Hopfen von der Nordsee bis zu den Alpen. Im Laufe der Zeit verschrieben sich einzelne Regionen dann ganz dem Anbau dieser Sonderkultur. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Hallertau zum größten Anbaugebiet Deutschlands – und zu einer starken Wirtschaftsregion.
Trotzdem war und ist die Situation für die Landwirte oft nicht einfach. Der Hopfenpreis war nie konstant, jedes Erntejahr brachte andere Konditionen. Viele Hopfenpflanzer und -händler bezeichneten den Anbau deshalb als „Roulettespiel“. Seit den Sechzigerjahren sind mehrjährige Verträge üblich, die eine gewisse Planungssicherheit bieten – auch, weil die Maschinen für den Hopfenanbau teuer sind. Aber der Preis ist noch immer instabil: „Pro Kilo Rohhopfen schwankt er zwischen 20 Euro und 20 Cent“, sagt Karl Pichlmeyer.

Die wirtschaftliche Lage in der Branche ist zurzeit besonders angespannt. Der Markt sei übersättigt, erklärt Pichlmeyer, der Bierabsatz stagniere weltweit. Die Craftbierszene, auf der große Hoffnungen ruhten, habe sich nie richtig etabliert in Deutschland. Hinzu kommt: Die ohnehin hohen Produktionskosten sind wegen der gestiegenen Energiepreise explodiert. Noch immer kommt etwa ein Drittel des weltweit verwendeten Hopfens aus der Hallertau. Die Zahl der Hopfenpflanzer aber sinkt kontinuierlich.
Gab es 1975 in Deutschland noch 7654 Hopfenbetriebe, waren es 50 Jahre später nur noch 965 – allerdings bewirtschaften sie heutzutage deutlich größere Flächen. 2025 zählte der Verband Deutscher Hopfenpflanzer in der Hallertau 777 Betriebe, 37 weniger als noch im Jahr zuvor. Das ist ein historischer Tiefstand. Ein, zwei Jahre werde der steile Abwärtstrend sicher noch anhalten, und er hinterlässt Spuren. „Wer durch die Hallertau fährt, sieht die gerodeten Hopfenflächen“, sagt Erich Lehmair, Geschäftsführer des Verbands. Doch er hofft, dass die abfallende Linie flacher wird.
In den vergangenen Jahren sei zu viel Hopfen produziert worden. „Irgendwann sind wir vor dem Bedarf hergelaufen.“ In der Corona-Zeit sei der Bierkonsum zurückgegangen, die erhoffte Erholung danach sei durch den Trend zu weniger Alkohol ausgeblieben. Darauf reagieren könne man nur mit einer Reduzierung der Fläche und Betriebe.
Sorgen bereitet den Landwirten, dass neue Pflanzenschutzmittel fehlen
Karl Pichlmeyer sagt dennoch, er sei „grundsätzlich optimistisch“. Der Bierausstoß werde wieder anziehen, davon ist er überzeugt. „Hopfen hat Zukunft, Hopfen ist unser Leben.“ Eine Hallertau ohne Hopfen, das mag und kann er sich nicht vorstellen. In seinem Betrieb steht mit seinem Sohn die nächste Generation schon bereit.
Eigentlich sei er kein Lobbyist, sagt der 55-Jährige. Dennoch engagiert er sich in der Verbandsarbeit, ist Vorsitzender des Hallertauer Hopfenpflanzerverbands und Vorstandsmitglied des deutschen Pendants. Denn es sei kein Selbstläufer, dass es mit dem Anbau weitergehe. Pichlmeyer will das Augenmerk der Politiker auf die aktuellen Probleme lenken. Was ihm Sorgen macht, ist die restriktive Zulassung neuer Pflanzenschutzmittel auf EU-Ebene. Für große Hersteller lohne es sich aufgrund der hohen Hürden nicht mehr, entsprechende Anträge in Europa zu stellen, vor allem für so kleine Kulturen wie den Hopfen.
Tatsächlich will die EU im Rahmen ihres Green Deals den Pestizideinsatz verringern, um die Biodiversität zu schützen und gesundheitliche Risiken zu minimieren. Doch der Schädlingsdruck in der Monokultur Hopfen ist hoch, sei es durch Erdfloh, Blattlaus oder Pilzkrankheiten.

Für problematisch hält man die strikte Zulassungspraxis auch am Hopfenforschungszentrum in Hüll, das zur Marktgemeinde Wolnzach gehört. „Die Zahl der zugelassenen Insektizide reicht nicht mehr aus, um den Hopfen zu schützen“, sagt der Leiter der Einrichtung, Sebastian Gresset. In einem der Gewächshäuser führt er in einen abgetrennten Raum, die Tür muss stets geschlossen sein. Die Pflanzen dort, alles neue Züchtungen, weisen mehr oder weniger große weiße Flecken auf. Nur mit Sorten, die den ultimativen Test bestehen und sich als resistent gegen Mehltau erweisen, arbeiten die Forschenden weiter. Resistenzen aber können im Laufe der Jahre brechen, erklärt der Wissenschaftler. Man benötige eine breite Palette an Wirkstoffen, denen unterschiedliche Wirkmechanismen zugrunde liegen. „Aber wir laufen da gegen eine Wand.“
Seit hundert Jahren ist das kleine Dorf Hüll im Zentrum der Hallertau ein Dreh- und Angelpunkt der Hopfenforschung und -züchtung. Etwa 85 Prozent der in Deutschland angepflanzten Sorten kommen aus Hüll. Als Folge einer „Hopfen-Pandemie“ durch falschen Mehltau war 1926 die Gesellschaft für Hopfenforschung gegründet worden, die das Gut Hüll erwarb. Die Brauwirtschaft hatte damals erkannt, dass Investitionen in die Forschung unerlässlich sind, damit der Hopfenanbau Zukunft hat. In den Siebzigerjahren stieg der Freistaat mit ein, die Einrichtung ist in die Landesanstalt für Landwirtschaft mit Sitz in Freising eingegliedert.

Die ersten Jahrzehnte waren mühsam. Fast 40 Jahre habe es gedauert, bis die ersten neuen Sorten auf den Markt kamen, schildert Gresset. „Die Hopfenforschung ist ein langwieriges Geschäft.“ Doch die Ausdauer hat sich ausgezahlt: „Was die Brauqualität angeht, kommt an unsere Sorten nichts ran.“ Bis 2010 erlangte etwa alle zehn Jahre eine neue Sorte Marktreife, inzwischen hat sich Tempo enorm beschleunigt, auch dank des Hilfsmittels der genomischen Selektion.
Neue Hopfensorten mit außergewöhnlichen Aromen, wie sie in der Craftbier-Szene geschätzt werden, tragen so klangvolle Namen wie „Mandarina Bavaria“, „Huell Melon“ oder Polaris, dessen Dolde intensiv nach Gletschereis riecht. Eine seiner Lieblingssorten sei „Callista“, sagt Gresset. Sie liefere stabile Erträge, sei fruchtig und trockenresistent. Eine Anforderung, die immer wichtiger wird. In Hüll werden die Temperaturen in der Region seit 1926 dokumentiert. Die Messdaten belegten, dass es in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um mehr als zwei Grad wärmer geworden ist.
Um darauf reagieren zu können, testet man in Hüll ein ganzes Bündel an Maßnahmen, dazu zählen ein Ausbau der Bewässerung oder der Humusaufbau, um das Wasser im Boden zu halten. Dazu gehören auch Sorten, die trockenresistenter sind. „Das sind alles einzelne Bausteine“, erklärt Gresset. Auf einer Fläche von mehreren Hektar läuft ein großer Feldversuch. Die Pflanzen werden auf leichten Sandböden Trockenstress ausgesetzt, um zu sehen, wie sie mit den Bedingungen zurechtkommen. Denn eigentlich mag es der Hopfen eher feucht.
Neue Sorten auf dem Markt zu etablieren, ist nicht leicht. Die Landwirte würden gern auf sie zurückgreifen, schildert Gresset, denn sie seien nachhaltiger, man benötige weniger Pflanzenschutz, sie seien an die „harschen Anbaubedingungen angepasst“. Gerade die größeren Brauereien aber seien zögerlich, arbeiteten lieber mit bewährten Sorten, damit sich der Geschmack des Bieres nicht verändert.
Die jüngste Entwicklung aus der Hallertau ist der 2025 eingeführte „Huell Classic Hopfen“. Er sei außergewöhnlich, schildert Gresset. Die Sorte sei klimabeständig und biete ein klassisches Hopfenaroma. Was Effizienz und Nachhaltigkeit angeht, sei das ein Meilenstein. Weitere Markteinführungen sind aufgrund der schwierigen Marktlage vorerst nicht in Planung. Ungenutztes Potenzial sieht Gresset in neuen Einsatzbereichen für den Hopfen, etwa in der Futtermittel- oder Pharmaindustrie. Für den Inhaltsstoff Xanthohumol beispielsweise sei eine antikarzinogene Wirkung nachgewiesen.
Durch die Hopfengärten radeln
Ein prägendes Element wird der Hopfenanbau in der Hallertau bleiben. Von der Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe Bayerns verspricht sich Lehmair zwar keine großen wirtschaftlichen Auswirkungen. Die ideelle Auszeichnung sei aber eine Anerkennung für die Hopfenbauern, die täglich „extrem viele Arbeitsstunden leisten“. Zudem erhofft er sich „mehr Wertschätzung und Verständnis bei Nicht-Landwirten und Nicht-Brauern“.
Dem Tourismus jedenfalls dürfte etwas mehr Aufmerksamkeit nicht schaden. Die Region gilt als entspanntes, beschauliches Ziel abseits der Massen. Im Jahr 2025 gab es etwa 442 000 Übernachtungen, im Zehnjahresvergleich sind die Ankünfte von Gästen nahezu konstant geblieben und die Übernachtungen leicht gestiegen. „Viele Gäste kommen zu uns zum Radfahren. Genauso stark nachgefragt sind aber unsere Hopfen- und Biererlebnisse: von Brauereiführungen über die Höfe unserer Hopfenbotschafterinnen bis zu weiteren Erlebnisanbietern in der Region“, sagt Carolin Meinhold vom Hopfenland Hallertau Tourismus.

Sehr beliebt ist die Hallertauer Hopfentour: Der rund 170 Kilometer lange Rundweg führt durch die hügelige Landschaft des Hopfenlandes. Der Startpunkt ist frei wählbar, über fünf Querverbindungen kann der Radweg individuell geändert oder abgekürzt werden. Empfehlenswert dabei ist ein Abstecher zu einem Hopfenerlebnishof, einem Biergarten oder einer Brauerei.
Als nächsten Schritt hoffen die Hallertauer nun auf eine Aufnahme des Hopfenanbaus in das immaterielle Kulturerbe Deutschlands. Toll fände es Karl Pichlmeyer auch, wenn er es ins Unesco-Weltkulturerbe schaffen würde. Einen entsprechenden Antrag müsste die Bundesrepublik stellen. Verdient hätte es der Hopfen allemal, meint Verbandsgeschäftsführer Lehmair. „Die kulturelle Bedeutung des Hopfens ist groß.“ Er präge die Region und ihre Feste. „Hopfen ist etwas, was Spaß macht.“


