Treffpunkt ist die Lichtung mit den hohen Fichten und einem schönen, grünen Moosfeld. Dort, in einem kleinen Mischwald hoch über Schloss Hohenkammer, ist es an diesem heißen Augustnachmittag angenehm kühl. Drei Frauen liegen in einem Halbkreis im weichen Moosbett auf dem Boden, ihre Augen sind geschlossen, sie atmen gleichmäßig und tief, ihre Körper sind entspannt. Es ist ein ruhiger, sehr friedlicher Moment. „Legt alle Gedanken und Sorgen auf eine Wolke und lasst sie wegziehen“, sagt Claudia Müller. Müller, braun gebrannt, sportliche Figur, langes dunkles Haar, ist Kursleiterin für Waldbaden und zertifizierte Waldcoachin.
An diesem Nachmittag begleitet sie die beiden Freundinnen Annemarie und Kim beim Baden in der Waldluft. Etwa drei Stunden streift die kleine Gruppe quer durch den Wald. Wege werden verlassen, immer wieder wird Halt gemacht, um Achtsamkeitsübungen zu praktizieren. Raue Rindenstücke und Blätter werden mit geschlossenen Augen ertastet, so könne man viel intensiver fühlen, erklärt Müller. Die Natur wird mit allen Sinnen wahrgenommen, das Rauschen der Blätter genauso wie der Duft der Walderde. Für ihr Waldparfüm sammeln Annemarie und Kim unterwegs Fichtenzapfen und kleine Zweige in einem kleinen Becher. „Das riecht so unglaublich intensiv“, sagt Kim begeistert und schnuppert an dem Zapfen.
Die Sonne zeichnet einen hellen, tanzenden Streifen auf den hellgrünen Waldboden. „Das ist für mich immer wieder ein magischer Moment“, sagt Claudia Müller. Im Japanischen gebe es dafür sogar einen eigenen Begriff, Komorebi. Auch das Waldbaden stammt aus Japan, dort wurde es in den Achtzigerjahren entwickelt, berichtet die Naturcoachin. „Die Japaner sagen Shinrin Yoku dazu, das bedeutet, mit all seinen Sinnen in der Atmosphäre des Waldes zu baden oder tief in sie einzutauchen.“ Das Baden in der Waldluft sei viel mehr als nur ein Spaziergang, es sei eine wunderbare Möglichkeit, sich wieder selbst zu fühlen, sich zu erden – abzuschalten und zu entschleunigen. „Wir sind Getriebene einer digitalen Leistungsgesellschaft. Stress, Lärm, Druck aus allen Richtungen machen uns krank und unzufrieden“, sagt Müller. Im Wald könne man sich Zeit nehmen, sein Handy ausschalten und danach merken: Man hat nichts verpasst.

Waldbaden werde zwar oft in die esoterische Ecke gedrängt, das Baumumarmen belächelt – habe aber nichts mit Hokuspokus zu tun, betont Müller. Im Gegenteil: Japanische Studien hätten belegt, dass der Wald einen positiven Einfluss auf die Gesundheit habe. Es stärke das Immunsystem, steigere Abwehrkräfte und Konzentration und senke den Blutdruckt. Folgen seien ein ruhiger und erholsamer Schlaf und eine bessere Stimmung. „Stress wird abgebaut, das ist also eine sehr effektive Burn-Out-Prävention.“
In Japan ist Waldbaden bereits staatlich geförderte Präventionsmaßnahme
In Japan gibt es bereits etwa 60 Wald-Therapiezentren, berichtet Müller. „Shinrin Yoku ist dort im Gesundheitswesen anerkannt und eine staatlich geförderte Präventionsmaßnahme.“ In Deutschland werde es seit 2017 praktiziert und seitdem immer populärer: Auf Usedom gebe es bereits einen Heil- und Kurwald, die Berliner Charité besitze einen eigenen Waldbadepfad – und auch Heil- und Kurbäder bieten Waldbaden an. Sogar einige Krankenkassen haben inzwischen das Waldbaden als Achtsamkeitskurs anerkannt.

Heute fühle sie sich frei, sagt Kim. „Hier in der Natur und im Wald ohne Handy zu sein, Abstand vom Stress zu haben, tut mir gut.“ Sie schlafe schlecht, erzählt Kim. „Ich bin gespannt, wie ich heute Nacht schlafen werde – ich denke, wie ein Bär.“ Beim Loslassen und sich treibenlassen könnten neue Kräfte getankt werden, sagt Müller. „Die Ruhe hier im Wald ist Seelenbalsam.“ Die Farbe Grün führe dazu, dass über das Nervensystem Hormone ausgeschüttet werden, die das Wohlbefinden steigern. Und die Terpene in der Luft, die Duft- und Botenstoffe der Bäume, stärkten das Immunsystem. „Medizin zum Einatmen“, sagt Claudia Müller.
Sie sei schon immer ein Naturmensch gewesen. Schon als Kind war Müller, eine gebürtige Münchnerin, mit ihrem Bruder nach der Schule im Perlacher Forst unterwegs. „Der Wald ist für mich schon immer ein Kraftort, eine Kathedrale, die mich beschützt.“ Vor gut zehn Jahren zog Müller schließlich mit ihrer Familie aufs Land, nach Vierkirchen, eine kleine Gemeinde in der Nähe von Hohenkammer. 2016 pachteten sie und ihr Mann dann dort das 15 Hektar große Waldstück. Es sollte aber noch zwei Jahre dauern, bis sich Claudia Müller ihren großen Traum erfüllte: 2018 kündigte sie ihren Job in München als Versicherungskauffrau. „Zahlen hin und herzuschieben, erfüllte mich einfach nicht mehr.“ Danach ließ sie sich zur Kursleiterin für Waldbaden bei der Deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit ausbilden und bot noch im selben Jahr das erste von ihr begleitete Waldbaden an. „Es wird gut nachgefragt, Teilnehmende kommen aus ganz Bayern“, sagt sie.

Für Kim und Annemarie geht die Führung allmählich zu Ende. Aber erst gibt es noch eine Baumumarmung. Jede der drei Frauen schmiegt sich an einen mächtigen, hochgewachsenen Baum, hält ihn eng umfangen. „Wie unendlich groß du doch bist“, sagt Annemarie leise. Das Umarmen eines Baumes verbinde den Menschen mit der Natur, es beruhige und entspanne, erklärt Müller später. „Beim Umarmen erfasst man erst die unglaubliche Stärke des Baumes, spürt, dass er das Anlehnen intensiver als eine Wand unterstützt.“ Bäume seien mächtige Riesen, die größten Lebewesen. „Sie haben ein großes Energiefeld – aber sie tun einem nichts. Im Gegenteil, sie vermitteln Geborgenheit.“
Auch ihren in der letzten Lebensphase schwer demenzerkrankten Vater, der nicht mehr sprechen konnte, nahm Claudia Müller oft mit in den Wald. Einmal sei er sichtlich mit einem Baum verschmolzen, habe ihn nicht mehr loslassen wollen, erzählt sie. Eine halbe Stunde sei er so an den Baum geschmiegt gestanden. „Danach hat er ein unglaubliches Leuchten in seinen Augen gehabt. So wie schon lange nicht mehr.“ Der Wald gab ihm Kraft. Für sie war das Waldbaden eine „superschöne Erfahrung“, sagt Annemarie bei der Verabschiedung. Im Wald könne man alles loswerden, das sei tröstlich. „Ich wollte etwas für die Seele tun. Ich wurde nicht enttäuscht. Ich bin total entspannt – und nehme viel mit.“ Ihre Augen leuchten.
Anfahrt und Einkehrmöglichkeiten
Hohenkammer liegt nördlich von München, mit dem Auto ist die Gemeinde gut über die A9 (Ausfahrt Allershausen) oder über die B13 erreichbar. Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln gestaltet sich komplizierter, ist aber möglich. In Hohenkammer gibt es eine Busstation, die Taktung ist aber nicht besonders dicht. Von Freising aus geht es beispielsweise mit der Linie 619 dorthin. Von München kann man vom Marienplatz mit der S2 bis nach Petershausen fahren, von dort geht es dann mit dem Bus oder Rad die letzten gut fünf Kilometer weiter nach Hohenkammer. Für eine Einkehr bietet das bekannte „Schloss Hohenkammer“ einen idyllischen Biergarten. Das Restaurant und Café „Waldhof“ in Niernsdorf, einem Ortsteil von Hohenkammer, hat bei schönem Wetter Terrassenbetrieb. Im etwa zehn Kilometer entfernten Kranzberg findet sich die „Tafernwirtschaft Hörger“ mit Bio-Küche. Auch hier kann man auf der Terrasse speisen.

