Heilmittel aus der Natur Gegen viele Leiden ist ein Kraut gewachsen

Über die heilenden Kräfte des Sonnenhuts informiert Apothekerin Ingrid Kaiser ihre Zuhörer.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ingrid Kaiser führt durch den Apothekergarten auf dem Weihenstephaner Berg und erklärt, welche Heilpflanzen sich zur Linderung von Krankheiten eignen.

Von Katharina Horban, Freising

Rosen, Lavendel, Kräuter und hohe Stauden füllen die Beete des Oberdieckgartens auf dem Weihenstephaner Berg aus. Auf den ersten Blick scheint es ein ganz normaler Garten zu sein. Dann fallen die kleinen Schilder auf, die neben jeder Pflanze stehen: Verbena officinalis, Herba marrubii. "Apotheker haben die dumme Angewohnheit, alles auf Latein zu sagen", erklärt Ingrid Kaiser ihrem Publikum. Dreimal im Jahr bietet die Inhaberin der Freisinger Engel-Apotheke eine Führung durch den Apothekergarten an, der 1989 als Teil des Oberdieckgartens angelegt wurde. Das Interesse ist groß, viele der Zuhörer stellen Fragen und möchten individuelle Tipps für den richtigen Umgang mit Heilpflanzen.

"Die Leute wollen sanfte Pflanzen", versichert Kaiser. Weltweit ist der Bedarf groß: Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung nutzen Heilpflanzen, entweder weil sie chemisch produzierte Medikamente ablehnen oder schlichtweg keinen Zugang dazu haben. Schnell wird klar, wie viele verschiedene Anwendungsmöglichkeiten und Wirkungsweisen es gibt. Beim Sammeln der Heilkräuter muss man einiges beachten: Blühende Pflanzen zu Beginn der Blütezeit, Wurzeln, wenn sie kräftig und voll entwickelt sind, und Rinden im Frühling von jungen Zweigen sammeln.

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Eisenkraut hilft bei Erkältung, Hafer ist ein Kräftigungsmittel

"Jetzt fangen wir mit der Erkältung an", kündigt Kaiser an. Die Gruppe folgt der Apothekerin zu einem Beet, in dem ausschließlich Pflanzen gegen Erkältungs- und Atemwegserkrankungen wachsen. "Eisenkraut ist ein ganz tolles Mittel, wenn man im Hals verschleimt ist", stellt Kaiser die krautige Pflanze mit den kleinen lilafarbenen Blüten vor. Ihre Begeisterung ist ihr in jedem Satz anzumerken, ausführlich und lebensnah präsentiert die Apothekerin jede der Pflanzen. "Hafer ist eine meiner Lieblingspflanzen", stellt Kaiser einen ihrer besonderen Favoriten vor. Dieser eigne sich sehr gut als Kräftigungsmittel und als Schonkost bei sehr vielen Beschwerden. Der grüne Hafertee wird zum Beispiel kurz vor der Vollblüte geerntet, er regt Nieren und Darm beziehungsweise den gesamten Verdauungsstoffwechsel an.

Neben Pfefferminze, Melisse und Hopfen gibt es viele Namen, welche die Zuhörer noch nicht kennen. "Pestwurz hat man in der Steinzeit als Toilettenpapier hergenommen", erläutert Kaiser und sorgt mit dieser Bemerkung für ein Schmunzeln bei ihren Zuhörern. Bei den großen, tellerförmigen Blättern sei das schon verständlich. Und wegen der seifenartigen Inhaltsstoffe könne man mit Efeublättern sogar Wäsche waschen und Ostereier färben, verrät die Apothekerin dem Publikum. Vor manchen Pflanzen warnt Kaiser aber auch: "Einer der Inhaltsstoffe von Mutterkraut wird heute als Läusemittel verwendet. Deshalb sollten Sie daraus lieber keinen Tee zubereiten." Der Rundgang geht weiter durch den Apothekergarten. Die Sonne steigt allmählich immer höher, es geht gegen Mittag zu.

Stoff aus dem Pharmazie-Studium erspart Kaiser den Zuhörern

In kleinen, oft unscheinbaren Pflanzen verbergen sich interessante Geschichten. Blutwurz sei eine wunderbare Pflanze für Tiere, wenn Wunden nicht abheilen. Kaiser erinnert sich an ihr Meerschweinchen, das sich nach einer Operation wund gebissen hatte. Daraufhin hat sie dem Tier das getrocknete Pulver der Pflanze auf die Wunde geschmiert, es entstand eine dunkle Kruste und die Wunde heilte vollständig ab. Und wegen des bitteren Geschmacks schleckte das Haustier die Wunde nicht so oft ab.

Es sind gerade solche Anekdoten, welche die Gruppe für die Pflanzenheilkunde einnehmen. "Wenn was lustig oder spannend ist, merken sich es die Leute leichter", betont Kaiser. Den Stoff aus dem Pharmazie-Studium habe sie ihren Zuhörern bewusst erspart, mit der chemischen Strukturformel beispielsweise von den Wirkstoffen der Pfefferminze könne doch niemand etwas anfangen. Die tagtägliche Herausforderung in ihrem Beruf ist, den Kunden etwas Kompliziertes einfach zu erklären: "Als guter Apotheker muss man sich in sein Gegenüber hineinversetzen." Sie bedauert es, dass junge Leute sich eher weniger für Heilpflanzen interessieren und betont, dass das Wissen darüber nie in Vergessenheit geraten dürfe.

Nach der Führung bleiben viele der Zuhörer noch da und möchten einen Rat. Eine Frau erkundigt sich bei Kaiser nach einem Mittel gegen Arthrose, es geht ihr um ihre alte Mutter. Auch da fällt der Apothekerin etwas ein, sie liefert Ratschläge für jede Lebenslage.

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