Sein abenteuerliches Leben steht dem des weitaus bekannteren Baron von Münchhausen in nichts nach. Der entscheidende Unterschied: Theodor von Hallberg-Broich hatte es nicht nötig, haarsträubende Geschichten zu erfinden. Dennoch ist die schillernde Gestalt des Theodor von Hallberg-Broich den wenigsten ein Begriff, obwohl sein Leben genug Stoff für eine ganze Netflix-Serie böte, wie Thomas Goerge findet. Der Autor und Regisseur hat zumindest eine bunte Theater-Zirkus-Revue über den Gründer von Hallbergmoos mit 70 Grundschülern und zwei Chören auf die Bühne gebracht – oder besser gesagt in die Manege des Circus Feraro.
Kurz vor Beginn der Aufführung hält es die Kinder kaum auf ihren Bänken. Kleine Matrosen, uniformierte Schilderträger, Pharaonen und Windgeister laufen aufgeregt durch die Manege, verschwinden hinter den Kulissen und tauchen kurz darauf wieder auf. „Ja, es ist sehr lebhaft“, meint Christoph Ammer, rechte Hand des Regisseurs, mit stoischer Ruhe. Dutzende Trinkflaschen stehen auf einer Bierbank bereit, die Zeltplanen sind wegen der Hitze etwa anderthalb Meter nach oben gerollt.
In vier Akten zeigen die jungen Darstellerinnen und Darsteller um Zirkusdirektor Goerge, der stilgerecht mit Fliege und Zylinder auftritt, mit bewegten Bildern Stationen aus dem abenteuerlichen Leben des adeligen Sonderlings. Schon als Zehnjähriger hatte Theodor genug von der Schule und heuerte als Schiffsjunge an. Das Fernweh blieb. Spätere Reisen führten ihn im Laufe seiner 94 Lebensjahre – oft zu Fuß, mit Pferd, Esel, Kutsche oder per Schiff – nach Nordeuropa, Konstantinopel, Tunis, Ägypten, Syrien und Indien. Manche seiner Abenteuer überlebte Theodor von Hallberg-Broich nur knapp. Vor der schottischen Küste erlitt er Schiffbruch. In Paris verdächtigte man ihn, ein englischer Spion zu sein, und sperrte ihn ein. Die Engländer wiederum sahen in ihm einen französischen Agenten und warfen ihn in den Kerker.


1826 schließlich kaufte Theodor von Hallberg-Broich Schloss Birkeneck, damals von Mooren, Sümpfen und Birkenwäldern umgeben. Dort lebte er mit seiner Familie und vielen Tieren. In seinem Schloss ging es ebenso farbenfroh und lebendig zu wie auf seinen Reisen. Zahlreiche Kuckucksuhren tickten, Singvögel schwirrten herum. Hallberg selbst sah Berichten zufolge aus wie ein Harlekin. Zugleich ließ er aber auch Entwässerungsgräben anlegen und schaffte so die Voraussetzungen für die Besiedlung dieses unwirtlichen Fleckchens Erde südlich von Freising. König Ludwig I. verfügte, dass der Ort nach dem ungewöhnlichen Freiherrn benannt werden sollte.
Die Idee zu dem Stück habe er seit mehreren Jahren im Kopf, erzählt Goerge, der im Hallbergmooser Ortsteil Goldach wohnt. Als Bühnenbildner und Regisseur hat sich der SZ-Tassilopreisträger in der deutschsprachigen Kulturszene einen Namen gemacht. Mit dem Kulturverein Udei bringt er oft Stoffe mit regionalem Bezug auf die Bühne. Als Quelle dienten ihm in diesem Fall die umfangreichen Aufzeichnungen des Freiherrn über seine Reisen. Da sich der Kauf von Schloss Birkeneck durch Theodor von Hallberg 2026 zum 200. Mal jährt, stand fest, dass die Aufführungen in diesem Sommer stattfinden sollten.


Dass daraus eine Revue „bunt wie eine Zirkusshow“ wurde, liegt an der freundschaftlichen Verbindung Goerges zum Circus Feraro. Bereits zum vierten Mal arbeitet er mit der Familie Feraro zusammen. Sichtlich bewegt stand Hermann Schmidt-Feraro am Rand der Manege und verfolgte die Premiere. Die Zirkusfamilie unterbrach eigens ihre Tour durch Südbayern und schlug ihr Zelt mit dem schönen Sternenhimmel am Volksfestplatz in Hallbergmoos auf. „Die Familie ist spitze“, sagt Goerge.
70 Mädchen und Buben der Grundschule Hallbergmoos wirkten an dem Spektakel mit. Für jedes Kind fand Goerge passende Rollen. Er habe kein Casting machen wollen, um einige der Kinder auszuwählen, erzählt er. Dazu kamen Auftritte der „Moosspatzen“ und des Grundschulchors. Live-Musik des Kammerorchesters der Musikschule Hallbergmoos-Neufahrn komplettierte die Zirkusatmosphäre. Insgesamt standen rund 150 Mitwirkende auf und neben der Bühne.


Mit umjubelten Auftritten verbreitete die Familie Feraro echte Zirkusatmosphäre. Um Hallbergs abenteuerliche Besteigung der Pyramiden darzustellen, zeigte Sissi Feraro eine Akrobatiknummer auf Stühlen, die lediglich auf vier Flaschen standen. Roberto Feraro ließ symbolisch Teller auf schmalen Stangen kreisen: Als der Freiherr am 18. September 1768 zur Welt kam, soll während eines schweren Sturms das Geschirr in den Schränken gewackelt haben.
Spannend findet Theatermacher Goerge, dass der Ort Hallbergmoos von heute in der Nachbarschaft des Flughafens mit seinen 12 000 Einwohnern ebenso weltoffen sei wie einst sein Gründer. In der Gemeinde leben Menschen aus etwa hundert Nationen. Entscheidend sei die Frage, wo man lebe, nicht wo man herkomme, sagt Goerge. So vielfältig wie die Einwohnerschaft waren auch die jungen Mitwirkenden auf der Bühne.

