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Hallbergmoos:Mode für Käthe Kruse und Co

Ob Dirndl oder Matrosenanzug: Elisabeth Stegschuster hat sich als Designerin für Puppenkleider einen Namen gemacht.

Caroline Ischinger

An der Türschwelle zwischen dem heimischen Flur und ihrem Atelier, sagt Elisabeth Stegschuster, befinde sich eine "imaginäre Schranke". Hinter dieser Schranke beginnt die Welt der Puppen. In dem bunt geschmückten Raum mit Blick auf Hallbergmoos, umgeben von Spielfiguren und ihrer Nähmaschine, könne sie "alles vergessen", schwärmt Stegschuster.

Ihre eigenen Puppen dienen Puppenschneiderin Elisabeth Stegschuster vor allem als Modelle für die Einzelstücke, die sie anfertigt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Es ist "Lissy's Puppenmanufaktur", hier stellt die 57-Jährige vorrangig Puppenkleider her, und zwar vom Dirndl bis zum Matrosenanzug. Mehr als die Hälfte ihrer Kreationen verkauft sie über das Internetportal Ebay. Etwa hundert kleine Kleider, Jacken und Mäntel lagern derzeit in einer großen Pappkiste unter ihrem Nähtisch. "Arbeit ist das in keinster Weise", sagt Stegschuster und lacht: "Es macht mir den allergrößten Spaß."

"Immer schon Puppenmutter" sei sie gewesen, erzählt die gebürtige Münchnerin, die als 17-Jährige mit ihren Eltern nach Hallbergmoos zog. Es gebe Fotos von ihr als Mädchen, auf denen sie mit fünf oder sechs Puppen beim Kaffeeklatsch zu sehen ist. Und im Fach Handarbeit war Stegschuster auch "immer schon penibel", wie sie sagt.

Erst vor zwanzig Jahren aber entstand ihre erste selber gemachte Puppe: Nach der Geburt ihrer drei Kinder besuchte sie 1990 einen Volkshochschulkurs, während dem sie eine braunhaarige Stoffpuppe namens "Linda" bastelte. Ihre Tochter wünschte sich dann eine solche Puppe zu Weihnachten, dann fragten die Mutter und eine Freundin. "Ich konnte nicht mehr aufhören", sagt Stegschuster.

70 Kleider pro Monat

Inzwischen stehen aber die Kleider der Puppen im Vordergrund - und aus einem Hobby ist ein Geschäft geworden. Nur manchmal bastelt oder repariert Stegschuster noch Spielpuppen. Die Zeit reicht nicht. Denn mit Hilfe des Internets hat sie sich im Laufe weniger Jahre als Modeschöpferin für edle Käthe Kruse- und alte Celluloid-Puppen einen Namen gemacht.

Sie erinnert sich noch auf den Tag genau, wann sie sich mit Hilfe ihrer Kinder bei Ebay angemeldet hat: Es war der 14. Dezember 2002. Inzwischen verkauft sie über das Portal im Sommer etwa 50 bis 70 Kleider pro Monat. Im Winter - der "Hauptsaison" - sind es sogar 100 und mehr.

In einem Korb im Atelier liegen auch ein paar nackte Puppen. Denn Kleidung tragen Stegschusters eigene Modelle nur, bis die Ware verkauft ist - und das geht oft schnell. Wieder muss Stegschuster lachen: "Das ist wie mit dem Schuster und seinen Kindern, die barfuß laufen."

"Auch Puppen unterliegen der Mode"

Echte Puppenliebhaber, so ist in der Puppenmanufaktur außerdem zu erfahren, legen Wert auf Abwechslung. "Auch Puppen unterliegen der Mode", betont Stegschuster. In den warmen Monaten schmücken ihre Besitzer sie gerne mit luftigen Sommerkleidchen; wenn es kälter wird, sind wieder Mützen, Mäntel und Jacken gefragt. "Ich habe so viele Ideen, ich könnte Tag und Nacht nähen", sagt Stegschuster.

Matrosenanzüge bestellen vor allem die Bayern in der Hallbergmooser Puppenmanufaktur.

(Foto: Marco Einfeldt)

Jedes Teil aus ihrem Atelier sei ein Einzelstück, es sei denn ein Kunde wünsche die exakte Wiederholung. Pro Kleid verlangt sie zwischen 20 und 40 Euro, je nach Aufwand. Besonderen Wert legt Stegschuster dabei auf "Bodenständigkeit", auf "das Alte", wie sie erklärt. Auf Flohmärkten sucht sie deshalb nach alten Stoffen. In diesem Jahr seien keine Blümchenmuster sondern Pünktchenstoffe im Stil der 50er Jahre der "totale Renner" gewesen, sagt Stegschuster.

Trachten und Dirndl in Miniaturform schneidert die Puppenmutter auch sehr gern: "Die Preußen lieben solche Sachen", schmunzelt sie. Viele ihrer Bestellungen kämen aus Norddeutschland oder aus Holland, in Sachen Puppen ist der Süden ihrer Ansicht nach dagegen eine "Wüste". Und wenn ein Bayer bestelle, dann bevorzugt Matrosenanzüge. Auch für die Puppenliebhaber gilt offenbar: Jeder Mensch will das, was er noch nicht hat.

Stegschuster weiß noch mehr über das Wesen ihrer Zielgruppe zu berichten: Das Klientel sei zumeist weiblich und in höherem Alter, sagt sie. Dass Eltern etwas für ihre Töchter bestellten, komme eher selten vor. Sie bediene eher die "Erwachsenenschiene". Denn die edlen Figuren, die das Label "Lissy" tragen sollen, sind als Spielzeug für Kinder nur bedingt geeignet - schon der Kaufpreis von mehreren hundert Euro für manche Exemplare spricht dagegen.

Für ihre Kunden seien die Puppen wohl so etwas wie Kinder, vermutet die Designerin. Womöglich hätten einige auch früher, in Kriegszeiten, kein Spielzeug gehabt, und holten dies nun nach. Obgleich - gespielt wird eher weniger. Das Dekorieren stehe im Vordergrund, erklärt Stegschuster. Manche Kunden schickten ihr Fotos, etwa von neu eingekleideten Puppen vor einer Winterlandschaft aus Wattebäuschen.

Auch Elisabeth Stegschuster selbst hat die Sammelleidenschaft gepackt. "Was ich verdiene, wird direkt wieder investiert", gesteht sie freudestrahlend. Besonders die Käthe Kruse-Puppen haben es ihr angetan. Sie sammelt sie auf einer Empore über ihrem Atelier. Eine hölzerne Treppe führt dorthin, wie eine zweite, geheimnisvolle Schwelle in "Lissys" bunter Puppenwelt.

© SZ vom 14.08.2010/afis
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