Inklusionstag in Hallbergmoos:Ein Vormittag im Rollstuhl

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Inklusionstag in Hallbergmoos: Den Korb vom Rollstuhl aus zu treffen, ist extrem schwierig, diese Erfahrung haben die Hallbergmooser Schüler gemacht. Vorne im weißen T-Shirt Roman Wenzel von den Thuringia Bulls.

Den Korb vom Rollstuhl aus zu treffen, ist extrem schwierig, diese Erfahrung haben die Hallbergmooser Schüler gemacht. Vorne im weißen T-Shirt Roman Wenzel von den Thuringia Bulls.

(Foto: Marco Einfeldt)

Hallbergmooser Schüler erfahren durch einen Perspektivwechsel auf spielerische Weise, mit welchen Alltagsproblemen Rollstuhlfahrer zu kämpfen haben.

Von Petra Schnirch, Hallbergmoos

Wie duscht man als Rollstuhlfahrer? Musste er eine spezielle Schule besuchen? Wurde er früher gemobbt? Wie kommt er überhaupt ins Flugzeug? Wie geht das mit dem Autofahren? Es sind viele Fragen, die an diesem Mittwochvormittag in der Hallbergmooser Schulturnhalle auf André Bienek und Roman Wenzel einprasseln. Zuvor hatten 70 Jugendliche der sechsten und siebten Klassen im Selbstversuch erlebt, wie schwierig es als Rollifahrer einerseits ist, selbst kleine Hindernisse zu bewältigen - und wie viel Spaß man andererseits etwa beim Rollstuhl-Basketball haben kann.

Wie sie sich mit den Sportgeräten schnell drehen und damit dem Ball hinterher rollen, haben die zwölf und 13 Jahre alten Schülerinnen und Schüler schnell drauf. Mit Tempo geht es von einer Seite der Halle zur anderen. Der Ball aber will einfach nicht in den Korb fallen, in 20 Minuten klappt das nur einmal. "Ich habe gemerkt, wie schwer das ist. Man braucht viel Kraft in den Armen", sagt Felix hinterher.

Im anderen Teil der Halle ist es wesentlich ruhiger, die Jugendlichen sind sehr konzentriert, fast keiner aber schafft es, mit dem Rollstuhl ohne Hilfe eine nur wenige Zentimeter hohe Rampe zu überwinden oder eine Treppenstufe zu bewältigen. Immer wieder kippt einer von ihnen um. Es sei interessant zu erleben, wie schwierig das ist, bilanziert Tino. Spaß gemacht aber hat es allen.

Inklusionstag in Hallbergmoos: Ganz vorsichtig, unterstützt von Paralympics-Teilnehmer André Bienek (l.), geht es mit dem Rollstuhl eine Stufe hinunter.

Ganz vorsichtig, unterstützt von Paralympics-Teilnehmer André Bienek (l.), geht es mit dem Rollstuhl eine Stufe hinunter.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Mittelschule in Hallbergmoos ist eine von nur acht Schulen in Bayern, die für diesen Inklusionstag ausgewählt wurden. Ziel ist ein Perspektivwechsel, sagt Lukas Parzych vom Förderkreis Goolkids, der die Veranstaltung mit Unterstützung des Bayerischen Basketballverbands, den Thuringia Bulls, der Sparkasse Bamberg und Rewe organisiert hat.

Teil des Konzepts ist in einem abgeteilten Bereich der Halle auch ein Parcours zum Thema gesunde Ernährung, den Ines Popp, Gesundheitsexpertin der Firma Rewe, zusammengestellt hat. Die Menge an Süßem, die man täglich zu sich nimmt, sollte maximal einer Handvoll Würfelzucker entsprechen, das haben die Jugendlichen schon gelernt. Etwas betreten schauen zwei Jungs gerade auf eine Flasche Eistee, die einen Zuckergehalt von 61 Würfeln hat.

Ja, gemobbt worden ist er früher auch

Der Inklusionstag sollte eigentlich schon vor zwei Jahren stattfinden, durch Corona musste er, wie so vieles andere auch, aufgeschoben werden. Die Thuringia Bulls mit Paralympics-Teilnehmer André Bienek, 35, und Roman Wenzel, 34, gehen regelmäßig zu solchen Aktionen in Schulen, etwa 30-Mal im Jahr, sagt Bienek. Er lebt seit seiner Geburt mit der Behinderung. Seine Eltern setzten durch, dass er eine Regelschule besuchen kann. Und, ja, gemobbt worden sei er auch, erzählt er. "Es gibt immer Menschen, die blöd zu euch sind", sagt er zu den Schülern - weil man eine Brille hat oder anders aussieht. Als Erwachsener könne man sich leichter wehren oder diese Menschen ignorieren.

Roman Wenzel ist seit einem Autounfall mit 19 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Beide beantworten die Fragen der Jugendlichen mit viel Humor. Sein Kind laufe mit 13 Monaten jetzt schon besser als er, sagt Bienek und bringt die Runde zum Lachen. Was ihn ärgert, sind vor allem "Hindernisse im Kopf" der Menschen und dass Betroffene bei Planungen nicht einbezogen werden. Er wünscht sich durch eine schnellere Digitalisierung und einen Abbau der Bürokratie Erleichterungen im Alltag - dass zum Beispiel mehr online oder per Telefon erledigt werden kann.

Schulleiter Rudolf Weichs zeigt sich, wie die Schüler, begeistert von dem Aktionstag. Er würde so etwas gerne jedes Jahr veranstalten, auch in der Grundschule. Er habe die Sechstklässler noch nie so aufmerksam, so konzentriert erlebt wie bei der Fragerunde.

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