Schäden in Millionenhöhe Mit dem Dellenreflektor auf der Suche nach Hagelschäden

Wer einen Hagelschaden an seinem Auto hat, ist bei Michael Polivka richtig. Sein Dellenreflektor findet jede Vertiefung im Lack.

(Foto: Marco Einfeldt)

Nach dem Unwetter haben die Kfz-Gutachter eine Menge zu tun. Die Versicherungen haben dafür zentrale Stellen eingerichtet.

Von Birgit Grundner, Neufahrn

Der junge Mann hat die Szene noch deutlich vor Augen: Als vor einer Woche das Unwetter losging, stand er am Fenster und sah, wie das Auto auf dem Parkplatz "komplett eingehagelt" wurde. Kurz überlegte er noch, "ob ich es retten kann". Aber dann haben bei dem Neufahrner die Vernunft und der Respekt vor den Riesen-Hagelkörnern gesiegt: "Ich hab gedacht, eher erschlägt es mich, als dass ich über das Auto eine Decke drüberschmeiß."

Jetzt sieht er zu, wie ein Gutachter einen Dellenreflektor schräg über das Autodach hält. "Diese Delle sehen sie immer", sagt der Experte und deutet auf eine Stelle, die tatsächlich schon aus einiger Entfernung ins Auge fällt. Aber mit seinem Streifensegel kann er auch kleine, sonst nur schwer zu erkennende Dellen sichtbar machen: Die Linienmuster des Reflektors spiegeln sich auf der Lackfläche - und wo sie sich optisch brechen, ist ein Schaden.

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Um die ganze Abwicklung zu vereinfachen, hat die Versicherungskammer Bayern für ihre Kunden eine zentrale Stelle eingerichtet: Wer den Schaden schon gemeldet und einen Termin zugeteilt bekommen hat, muss nur noch zum Feuerwehrgelände in Neufahrn fahren. Weitere solche Stellen gibt es in dieser Woche auch in Fürstenfeldbruck, Gröbenzell und Landsberg.

Prognosezahlen nach oben korrigiert

Zum Auftakt am Samstag in Neufahrn ist auch Vorstandsmitglied Christian Krams gekommen. Erst am Abend zuvor hat die Versicherungskammer Bayern ihre Prognosezahlen nach oben korrigieren müssen. Bis dahin rechnete sie bei ihren Kunden mit Schäden von 30 Millionen Euro und 10 000 Schadensfällen. Mittlerweile gehe man aber von bis zu 45 Millionen Euro und bis zu 18 000 Schadensfällen aus, sagt Krams. Das betreffe sowohl Autos als auch Gebäude. Für die Versicherungskammer sei es jedenfalls das größte Schadensereignis seit Jahren.

Der Landkreis Freising gehörte zu den besonders stark betroffenen Gebieten. In Neufahrn waren die Hagelkörner teilweise so groß wie Tischtennisbälle. "So eines möchten sie nicht auf den Kopf bekommen", sagt einer der Autogutachter. Aber auch die Landkreise Dachau, Fürstenfeldbruck, Landsberg und Kaufbeuren sowie die Regionen rund um Ammersee und Wörthsee hat es schwer erwischt. Rückversicherer schätzen den Gesamtschaden laut Krams inzwischen auf bis zu 700 Millionen Euro. Noch schlimmer wäre es wohl gekommen, wenn die Hagelschneise nicht eine "Kurve" um München genommen hätte und wegen der Ferien nicht so viele im Urlaub gewesen wären, weiß Krams: "Viele Autos, die es sonst getroffen hätte, stehen gerade an der Adria."

Der Hagel hat sogar ein Lüftungsgitter durchgeschlagen

Der Wagen, der jetzt in der Neufahrner Feuerwehr-Garage unter die Lupe genommen wird, stand nicht in Italien, sondern in Freising vor einem Schnellimbiss. "Das war schon krass", sagt der Besitzer und zeigt auf diverse Dellen. Das Lüftungsgitter an der Motorhaube hat der Hagel sogar durchschlagen.

Auf dem Feuerwehr-Gelände werden an diesem Tag alle Schäden genau erfasst, Formulare ausgefüllt und Werkstatttermine vereinbart. Mehr als 60 Prozent der Schäden lassen sich nach Einschätzung von Marcus Kumeth vom Hagelschaden-Centrum Douteil durchaus reparieren: Die Dellen werden dann "von unten so lange massiert", bis die Oberfläche wieder glatt ist. Freilich kann man sich Schadensbeträge auch auszahlen lassen. Betroffenen, die den Hagelschaden ihren Versicherungen noch nicht gemeldet haben, wird generell geraten, das möglichst schnell nachzuholen und die Schäden auch zu dokumentieren.

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