70 Jahre Grundgesetz Hunger nach Freiheit

70 Jahre Grundgesetz: Freisinger erzählen von der Zeit, in der die Verfassung in Kraft tritt. Und wissen, dass es damals andere Sorgen gab.

(Foto: dpa)

Freisinger erinnern sich an die Nachkriegszeit, als das Grundgesetz in Kraft tritt. Groß interessiert ist das Volk damals nicht, es hat andere Sorgen: den Hunger, den Aufbau und 60-Stunden-Wochen für die, die Arbeit haben.

Von Katharina Horban, Freising

Am 23. Mai 1949, vor genau 70 Jahren, wurde das Grundgesetz verkündet, und die Bundesrepublik Deutschland war gegründet. Auch in Freising erinnert man sich an die Zeit, in der die Jugend wieder frei reden, denken und handeln wollte. "Wir waren gebrannte Kinder und politisch desinteressiert. Nach 1945 hatten wir keine Ideale mehr", sagt der Freisinger Wieskurat Walter Brugger. Der 90-Jährige sitzt in seinem Wohnzimmer und erinnert sich an die Nachkriegsjahre, die Zeit, in der das Grundgesetz entstand: "Wir wurden beschlagnahmt durch die Propaganda der Nazis", sagt er und betont, man könne sich das heute nicht mehr vorstellen. 1928 in Laufen an der Salzach geboren, erlebte er als Neunjähriger den Einmarsch Hitlers in Salzburg und wurde 1944 als 15-Jähriger mit seiner ganzen Klasse in Salzburg "an die Flak geschickt", wie Brugger es nennt.

Von 1946 bis 1950 besuchte er das erzbischöfliche Studienseminar in Traunstein und machte 1950 sein Abitur. Im gleichen Jahr trat er in das Priesterseminar in Freising ein. Weil der jugendliche Idealismus seiner Generation schamlos ausgenutzt worden war, seien sie in den Nachkriegsjahren ausgebrannt gewesen: "Viele meiner Alterskollegen sind nie mehr zu einer Partei gegangen. Die hatten genug von den ganzen Enttäuschungen. Unsere Idealgestalten waren Verbrecher." Die Jungen gingen die Zukunft lieber praktisch an, anstatt die Entstehung der neuen deutschen Verfassung genau zu verfolgen. Seine Augen blitzen, als er von 1949 erzählt. Aufrecht sitzt der Wieskurat in einem hölzernen, mit Leder bezogenen Stuhl und beugt sich manchmal vor, um nach seinem Notizzettel auf dem Couchtisch zu greifen. Aufgeschrieben hat er die wichtigsten Punkte, die Dinge, die seine Generation damals umgetrieben hat. Mal als Gedankenstütze, mal um das Gesagte noch einmal zu betonen.

Info

Am Donnerstag, 23. Mai 2019, feiert Deutschland "70 Jahre Grundgesetz". Die Projektgruppe "Migration und Teilhabe" des Agenda21- und Sozialbeirats und die Interkulturelle Stelle der Stadt Freising möchten auf diesen besonderen Tag aufmerksam machen: Ab 15 Uhr werden an einem Aktionsstand am Kriegerdenkmal kostenlose Taschenbuchausgaben des Grundgesetzes verteilt. Besonders vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen erscheint das Gesetz wichtiger denn je. So lehrt das Grundgesetz, dass kein Mensch wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Außerdem darf ein Mensch aufgrund von Behinderung keine Benachteiligung erfahren (Art.3, III GG). Die Veranstalter wollen mit der Freisinger Bevölkerung erarbeiten, wie der Grundsatz der Teilhabe eines jeden Menschen auch in Freising in die Gesellschaft getragen werden kann: "Kommt vorbei, diskutiert und philosophiert mit uns!", lautet ihr Aufruf. sz

Der Staat entstand zwischen Hungerwinter, Währungsreform und Armut

"Die Jugendlichen damals sind in einem anderen Umfeld aufgewachsen, dem Umfeld der Diktatur. Deshalb war nach 1945 gerade die Jugendpolitik ein herausragendes politisches Thema. Man hatte Sorge, dass eine Generation herangewachsen war, die von der NS-Ideologie geprägt war", erklärt Ferdinand Kramer. Er ist Professor für Bayerische Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die ältere Generation jedoch, die 1933 von den Nazis verdrängt worden war, konnte nach Kriegsende zurückkehren, wenn sie auf Distanz zur Diktatur gegangen war. Dazu zählten laut Kramer Politiker wie Wilhelm Hoegner, der als Vater der bayerischen Verfassung gilt, oder Hans Ehard, Bayerns erster Ministerpräsident. Egal, ob jung oder alt, die Alltagssorgen beschäftigten laut Kramer 1949 alle: Man hatte zwei Hungerwinter hinter sich, dazu kam die Währungsreform 1948, die die Bevölkerung zu einem finanziellen Neuanfang zwang. Es fehlte überall an materiellen Gütern, Kramer erinnert sich an ein Ehepaar, bei dem das Hochzeitskleid aus einem Fallschirm genäht war. "Das war eine Situation, in der die Menschen stark von existenziellen Ängsten geplagt waren und viel Kraft brauchten, um den Alltag zu bewältigen. Gleichwohl denke ich, hat man wahrgenommen, dass ein Staat gegründet wird - das wurde vor allem über die Wochenschau kommuniziert", sagt er. Bei seiner Forschung zur Nachkriegszeit kann sich Kramer auf vielfältige Quellen stützen, etwa die Akten der amerikanischen Besatzungsverwaltung oder die Entnazifizierungsakten - doch er betont, vieles verstecke sich noch im Privaten.

Für Freising gibt es laut Florian Notter, dem Leiter des Freisinger Stadtarchivs, außer Zeitzeugen sehr wenige Quellen zum Alltagsgeschehen 1949. Lokale Zeitungen waren lange verboten, das Freisinger Tagblatt wurde erst im August 1949 wieder erlaubt. So gibt es auch keine lokalen Zeitungsberichte über die Zeit, als das Grundgesetz verabschiedet wurde. Trotzdem könne man davon ausgehen, dass die Verabschiedung auch in Freising keine überschwängliche Euphorie ausgelöst haben dürfte. Die Leute hätten schlicht andere Sorgen gehabt. "Die Sache mit dem Grundgesetz war damals für den Normalbürger eher nichts Besonderes: Jetzt haben wir halt ein neues Gesetz. Da hat ein jeder geschaut, dass er was verdient. Die meisten haben ja erst mal geschaut, dass sie überhaupt eine Wohnung haben. Alles war kaputt", erinnert sich der 92-jährige Adolf Huber. Von 1972 bis 1984 saß der Schneidermeister für die SPD im Freisinger Stadtrat, war als Rentner 18 Jahre Schülerlotse vor der Grundschule St. Korbinian.

An den 23. Mai 1949 kann sich Huber nicht erinnern, der schrittweise Rückzug der Amerikaner habe das Leben der Freisinger viel mehr verändert: Mit den deutschen Beamten habe man Deutsch reden können. Er sieht den Übergang in den neuen Staat vor allem von der praktischen Seite: "Zum ersten Mal hat's dann wieder ein Vollbier gegeben. Davor haben die Amerikaner in Freising das richtige Bier getrunken, und wir hatten nur Dünnbier." Damals habe der Grundsatz "Vogel friss, oder stirb" gegolten, 60-Stunden-Wochen oder mehr seien normal gewesen. Politisch interessiert sei er in den Nachkriegsjahren eher nicht gewesen, hätte erst einmal seinen Meisterbrief gemacht. Auch zu den ersten Wahlen ging er nicht, das sei erst später gekommen - als er sein eigenes Geld verdiente und im Leben stand, wie Huber es formuliert. Denn eines habe viele junge Menschen verbunden: "Nach dem Krieg war der Grundgedanke in jedem Kopf: Nie mehr Partei, nie mehr Waffen."

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