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Großprojekt Westtangente:Ein Leben auf der Großbaustelle

Eine Lärmschutzwand wurde hinten, am Ende von Wittmanns Garten gebaut. Doch die ist nur 1,50 Meter hoch, der Garten liegt tiefer als das Gelände mit den Bürocontainern darauf.

(Foto: Marco Einfeldt)

Schleifendende Bohrgeräusche, Schwertransporte in der Nacht, viel Dreck. Seit Beginn der Tunnelarbeiten in Vötting ist für das Ehepaar Wittmann in ihrem Häuschen an der Giggenhauser Straße nichts mehr, wie es war.

Auf der Rückseite, hinter dem Garten, bilden Bürocontainer eine Wand. Links davon arbeiten riesige Bohrpfahlmaschinen. Jeden Tag von morgens sieben bis spätabends, an sechs Tagen in der Woche. Vor dem Haus ist die Giggenhauser Straße seit Monaten nur halbseitig befahrbar, wechselnde Absperrungen, Baustellenampeln und der Dreck von der Baustelle bestimmen das Straßenbild: Wer wissen möchte, wie es ist, mitten in einer Großbaustelle zu wohnen, der muss dieser Tage nur auf einen Kaffee bei Familie Wittmann vorbeischauen. Quasi rund um ihr Haus wird gerade der Tunnel für die neue Freisinger Westtangente gebaut.

"Um die unvermeidlichen Beeinträchtigungen der Anwohner/-innen so gering wie möglich zu halten, wurden nicht nur zusätzliche Lärmschutzwände errichtet: Bei den Arbeitsanweisungen wurde der ausdrückliche Auftrag erteilt, lärmintensive Arbeiten in den Nachtstunden nach Möglichkeit zu vermeiden." Homepage der Stadt Freising

Seit im Dezember 2016 die Bauarbeiten am Tunnel für die vor allem hier in Vötting ungeliebte Westtangente begonnen haben, ist für Andreas und Karin Wittmann in ihrem zwölf Jahre lang mühevoll renovierten Häuschen an der Giggenhauser Straße nichts mehr, wie es war. Über allem liegt der ständige Lärm der Bohrpfahlmaschinen - ein anhaltendes, komisch schleifendes Geräusch, das nur unterbrochen wird, wenn die Zylinder mit dem Erdaushub hochgezogen und entleert werden. "Die Bohrköpfe werden ausgeschlagen", sagt Wittmann, je nach Aushubmaterial könne das auch mal dauern, "das nervt dann besonders".

Ein Paar mit einem zwölf Wochen alten Sohn kann Probleme bei den Bohrarbeiten längst nach Gehör diagnostizieren

Klar haben er und seine Frau - die beiden haben kürzlich geheiratet, Sohn Max ist gerade einmal zwölf Wochen alt - sich über die Zeit irgendwie ein wenig dran gewöhnt, jedenfalls solange sich der Bohrer nicht in härterem Gestein festfrisst. Oder einen Hydraulikschaden hat - das Paar kann Probleme bei den Bohrarbeiten längst nach Gehör diagnostizieren. Seit mit der Grundwasserabsenkung begonnen wurde, rauscht außerdem eine Art Gebirgsbach ganz nah am Haus der Wittmanns vorbei. Das möge ja idyllisch sein, wenn man Urlaub im Gebirge macht, sagt Karin Wittmann: Im Alltag gehe ihr das ziemlich auf die Nerven.

Arg wird es auch, wenn Schwertransporter neues Material oder Maschinen für die Baustelle bringen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Arg wird es auch, wenn Schwertransporter neues Material oder Maschinen für die Baustelle bringen. Andreas Wittmann erinnert sich an eine Nacht, in der ein spezielles Bohrgerät geliefert wurde - mit einem Schwertransporter, der wohl auch ein Hydraulikproblem gehabt habe. "Weil er irgendwie nicht abladen kann, drischt der da stundenlang mit dem Vorschlaghammer drauf, bis ich im Schlafanzug raus bin und ihn angebrüllt habe", sagt Wittmann und muss selber lachen: "Die Nachbar haben am nächsten Tag gesagt, das hätte man schon gehört...." Von der verantwortlichen Firma sei in so einem Moment natürlich niemand da, nur der Fahrer, bedauert Wittmann: "Was will man da machen?"

Seine Frau räumt ein, dass man natürlich auch selber Infrastruktureinrichtungen nutze; mit dem Bau der Westtangente treffe es nun halt mal sie selber, aber im Sommer sei das schon sehr hart gewesen. Man habe nicht ein einziges Mal draußen frühstücken oder grillen können: "Das macht einfach keinen Spaß, wenn da jede Minute der Bagger mit großen Getöse die Schaufel ausleert." Auch die Vibrationen seien ziemlich belastend; während ihrer Schwangerschaft sei sie ins Freibad gefahren, um sich mal eine halbe Stunde in Ruhe hinlegen zu können.

Eine Lärmschutzwand wurde hinten, am Ende von Wittmanns Garten tatsächlich auch gebaut. Doch die ist nur 1,50 Meter hoch, der Garten liegt tiefer als das Gelände mit den Bürocontainern darauf, das Ehepaar kann den Ingenieuren auf die Schreibtische schauen. Über den Sinn der Lärmschutzwand können sich die beiden nur wundern. Zum Glück ist aber das Haus frisch renoviert und hat relativ neue Fenster, die einigen Lärm schlucken - wenn sie geschlossen sind.

"Für die Bohrpfahlarbeiten des künftigen Notausgangs Süd des Tunnels wurde die Giggenhauser Straße auf nur einen Fahrstreifen verengt, die Durchfahrt erfolgt wechselseitig durch Ampelregelung. Abhängig vom Bauablauf, besteht diese Verkehrsführung voraussichtlich bis in den Spätsommer 2018. Um diese Engstelle nach Möglichkeit ganz zu umfahren, wird eine weiträumige Umleitung angeboten, die besonders für Lkw-Gespanne gedacht ist." Homepage der Stadt Freising

An Notarzteinsätze will Anwohner Wittmann lieber gar nicht erst denken. Dafür könne man sonntags Motorradfahrer beobachten, die den Hügel in der Baustelle als Sprungschanze nutzen

Vorne an der Giggenhauser Straße nervt die Wittmanns vor allem das tägliche Verkehrschaos. Er verstehe einfach nicht, wieso man nicht wenigstens für die Dauer der Bauarbeiten den Schwerverkehr von dieser Strecke fernhalten könne, sagt Wittmann - bei der Bürgerversammlung Anfang November in Vötting hatte er das den Oberbürgermeister auch gefragt, aber keine schlüssige Antwort erhalten. Auch nicht, warum das Tempo nicht auf 30 beschränkt werden könne. Oder wenigstens eine vernünftige Umleitung ausgeschildert wird. Mittags kämen beispielsweise immer vier Busse stadtauswärts hintereinander, hat Wittmann festgestellt. Wenn denen in der Engstelle ein Lastwagen entgegen komme, sei das Chaos perfekt. Von Notarzteinsätzen wolle er gar nicht reden. Dafür könne man sonntags Motorradfahrer beobachten, die den Hügel in der Baustelle als Sprungschanze nutzen würden, sagt Wittmann resigniert: "Da würde man sich ein wenig mehr Polizeipräsenz wünschen, die müssten sich nur mal für zwei Stunden da hinstellen."

Ein bisschen mehr direkte Information seitens der Stadt würde auch helfen, findet Karin Wittmann. Neulich sei sie morgens rausgekommen und habe eine Baustellenampel hinter ihrem Auto vorgefunden. "So was könnte man uns doch wirklich wissen lassen, das Ausparken ist von Woche zu Woche ein neues Manöver." Lange hat auch die Telekom zum allgemeinen Chaos beigetragen, hat Löcher gegraben und dann passierte tage-, wenn nicht wochenlang nichts mehr. "Darauf haben wir keinen Einfluss", hatte Tiefbauamtsleiter Franz Piller bei der Bürgerversammlung bedauert. Den Bürgern hilft das wenig - und dass bei den Umlegearbeiten am Ende auch noch ein Kabel abgerissen wurde, macht die Sache nicht besser. Zwei Wochen lang musste man in den Häusern stadtauswärts links zuletzt ohne Telefon und Internet auskommen.