Mehr Sichtbarkeit:Über Sprache das Handeln verändern

Gendersprache

Tweet mit Sternchen, hier von der Landesregeierung in Stuttgart: Die Politik geht mit einer geschlechtersensiblen Ausdrucksweise sehr unterschiedlich um.

(Foto: dpa)

Bevormundung oder eine Frage des Anstands: Wie die Parteien im Landkreis mit einer geschlechtersensiblen Ausdrucksweise umgehen.

Von Thilo Schröder, Freising

Sie äußert sich in Schreibweisen wie Bürger:innen, Schüler_innen oder Chef*innen. Auch Wörter wie Mitarbeitende oder Aktivisti können ein Ausdruck von ihr sein. Die Rede ist von geschlechtersensibler Sprache beziehungsweise gesellschaftlichen Strömungen, die eine Sprache etablieren wollen, in der sich alle wiederfinden, unabhängig vom Geschlecht. Parteien gehen damit sehr unterschiedlich um. Das zeigt eine Umfrage unter Gruppierungen im Landkreis Freising. Was für die einen Bevormundung oder Aufwand bedeutet, ist für die anderen schlichtweg eine Frage des Anstands oder eine Chance für gesellschaftlichen Wandel.

"Schön, wenn es in den Köpfen klickt"

"Ich erhoffe mir daraus Sichtbarkeit", sagt Verena Juranowitsch. "Man kann damit Veränderungen in der Gesellschaft erreichen", etwa im Berufskontext, sagt die Kreisvorsitzende der Grünen. "Dann sehen junge Frauen, dass sie da nicht die ersten sind." Die 36-Jährige gibt ein Beispiel: Sie habe ihren Kindern einmal einen Zeitungsbericht über eine Tauchrettungsaktion in einer thailändischen Höhle vorgelesen. Ihr Sohn habe daraufhin begeistert verkündet, er wolle Höhlentaucher werden; ihre Tochter sei dagegen in Tränen ausgebrochen. Denn weil von "Höhlentauchern" die Rede war, habe sie geglaubt, nur Männer könnten diesen Beruf ausüben.

Als Gemeinderätin in Langenbach spreche sie das Thema geschlechtergerechte Sprache immer wieder an, sagt Juranowitsch, inzwischen achte die Verwaltung von sich aus mehr auf ihre Wortwahl. "Das finde ich schön, dass es in den Köpfen klickt." Sie spricht von einem "Aushandlungsprozess", nicht zuletzt zwischen den Generationen. Gerade junge Menschen hätten geschlechtergerechte Sprache verinnerlicht. Natürlich könne man über zunächst befremdlich klingende Wörter wie "Feldwebelin" - jüngst aufgetaucht in einer Genderdebatte in der Bundeswehr - streiten. "Aber das muss es uns wert sein."

LANGENBACH: Verena Juranowitsch - STADTRADELN

Verena Juranowitsch, Grüne.

(Foto: Johannes Simon)

Auch für Nicolas-Pano Graßy hat geschlechtergerechte Sprache eine politische Dimension. "Wir sind der Meinung, dass man damit gesellschaftliche Probleme ansprechen kann", sagt der Kreisvorsitzende der Linken. Man könne über die Sprache das Handeln verändern. Über Jahrhunderte hinweg hätten etwa nur Männer Machtpositionen besetzt, was sich inzwischen ändere. Im Verband sei es schon länger üblich, zu gendern. "Bei uns findet das durchaus auch bei den älteren Mitgliedern Akzeptanz", sagt der 31-Jährige.

Wie er jenen mit Skepsis gegenüber geschlechtersensibler Sprache begegne? "Es schadet dir nicht und es ist kein großer Umstand. Aber es hilft anderen und kann eine große Wirkung haben." Anreize, über geschlechtersensible Sprache zu reflektieren, gebe es beispielsweise im Job: "Wenn man eine männliche Berufsbezeichnung im Kopf hat, vor sich aber eine weibliche Vorgesetzte, da wird einem bewusst, wie das auf Menschen wirkt."

Sprache bilde die momentane Gesellschaft ab, sagt SPD-Kreisvorsitzender Andreas Mehltretter. Jüngere Entwicklungen wie die Einführung des Gendersternchens, das den Einbezug aller Geschlechter unterstreicht, hätten daher "nichts mit Verhunzung von Sprache zu tun", wie teilweise behauptet werde, so der 28-Jährige. "Wir versuchen das im Kreisverband so gut es geht umzusetzen." Er glaubt: "Das ist eine Entwicklung, die sich nicht umkehren wird."

"Das ist eine Entwicklung, die sich nicht umkehren wird."

Dennoch brauche es Zeit, bis sich Veränderungen in der Alltagssprache festsetzten. Männer und Frauen getrennt zu nennen, würde Mehltretter prinzipiell als gleichwertig bezeichnen. Auch wenn die Sternchen-Schreibweise beziehungsweise deren gesprochenes Äquivalent, die Genderpause, "natürlich noch schöner" seien.

Für den CSU-Kreisvorsitzenden Florian Herrmann ist klar, dass sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau als wesentlicher Grundpfeiler der Gesellschaftsordnung "natürlich auch in der Sprache widerspiegeln" muss. "Mir ist es wichtig, Männer und Frauen in der Anrede gemeinsam anzusprechen, aber getrennt anzuführen", so der 48-Jährige. "Das ist eigentlich selbstverständlich und gebietet allein schon die Höflichkeit und der Respekt."

Ähnlich pragmatisch ist die Perspektive der Kreisvorsitzenden der Freien Wähler Maria Scharlach. "Das läuft automatisch, man übernimmt das", sagt die 56-Jährige. "Es ist natürlich klar, dass man sich mit "Damen und Herren" begrüßt." In der Vergangenheit seien Frauen vielleicht zu wenig genannt worden. "Heute ist das in den Köpfen drin." Zu weitergehenden Formen geschlechtergerechter Sprache vertrete sie keine feste Position, sagt sie. "Das kann jeder handhaben, wie es einem geläufig ist. Ich sehe da keine große Diskussion."

Mehr Sichtbarkeit: Timo Ecker, FDP.

Timo Ecker, FDP.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die männliche und weibliche Form zu nennen ist auch für den AfD-Kreisvorsitzenden Johannes Huber ausreichend. "Damit sind wir schon sehr lange sehr gut gefahren, da sehen wir keinen Handlungsbedarf." Eine Umstellung, etwa mit Gendersternchen, würde mehr Aufwand und Bürokratie als Nutzen bedeuten, so der 33-Jährige. Dass beispielsweise die Stadt Freising auf ihrer Homepage gendert, halte er daher für "übertrieben". Huber glaubt: "Wir sehen jetzt schon, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, auch Diverse."

Für den ÖDP-Kreisvorsitzenden Ulrich Vogl ist geschlechtergerechte Sprache Routine. "Ich mach das seit 20 Jahren, zunehmend mit Gendersternchen." Für ihn ist das "eine Frage des Anstands und der Höflichkeit". Es gebe in seiner Partei zwar keine sprachliche Doktrin, so der 51-Jährige, man praktiziere das aber weitgehend. "Natürlich vergisst man's hin und wieder."

Bei Bezeichnungen von Personen grundsätzlich nur die männliche Form zu nennen, erkläre er sich mit Bequemlichkeit, sagt Vogl. Er könne auch jene verstehen, die über sprachliche Entwicklungen sagen: Das haben wir noch nie so gemacht. "Aber ich habe auch Verständnis, wenn sich Frauen dann nicht angesprochen fühlen." Nicht verstehen könne er hingegen, wenn eine Ablehnung geschlechtergerechter Sprache ideologisch begründet werde.

"Ich bin der festen Überzeugung, dass es jedem freistehen sollte, wie er spricht"

"Ich bin der festen Überzeugung, dass es jedem freistehen sollte, wie er spricht", sagt FDP-Kreisvorsitzender Timo Ecker. Was mit Sprache ausgedrückt werden soll, entscheide der jeweils Sprechende. Er selbst verwende das Generische Maskulinum, richte sich damit aber an alle, so der 25-Jährige. Bei Berufsbezeichnungen sei das teilweise anders. Da sage er eher mal "Kindergärtnerin" oder "Bürgermeister", weil er aufgrund seiner Prägung mit dem jeweiligen Posten ein bestimmtes Geschlecht assoziiere. "Im Grunde mache ich mir da aber nicht so viele Gedanken."

Gendern als Vorschrift lehne er entschieden ab, "weil das politisch motiviert ist". Er habe gesamtgesellschaftlich den Eindruck, "dass das eine kleine Gruppe ist, die sich damit auseinandersetzt". Die Meinungen zu geschlechtergerechter Sprache gingen bei den Freien Demokraten allerdings auseinander.

FSM-Vorsitzender Lukas Reinhart widerspricht Ecker in puncto Verantwortung des Sprechenden. Wichtig beim Sprechen sei eben nicht nur die gesendete Botschaft, sondern auch, wie diese empfangen werde. "Es geht darum, dass sich niemand ausgegrenzt fühlt." Bei der Freisinger Mitte versuche man daher, eine möglichst genderneutrale Sprache zu verwenden. "Vielleicht", sagt der 29-Jährige, "gibt es ja irgendwann eine elegante, allumfassende Form der Sprache. Aber bis dahin find ich's eigentlich ganz charmant."

© SZ vom 26.09.2020/beb/ilos
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