Geschichten entlang der Gleise Nächster Halt: Eine Mass für den Lokführer

Im Hallertauer Modellbauverein "Bockerl fahr zua" bauen vier Männer eine still gelegte Eisenbahnstrecke nach. Sie tun das mit viel Liebe zu Details, die sie Anekdoten aus der Hallertau entnehmen

Von Nadja Tausche

Rudelzhausen - Die Grasart Nummer 3363 heißt "Wintergras" und ist braun wie Heu. Eine andere Art, Name "mittelgrün", Nummer 3365, ist fast schon giftig grün. Manfred Lohr hat zig verschiedene Arten von Gras, kurze und längere Halme, weiche und borstige. Manche davon hat er gekauft, andere selbst hergestellt: Der Waldboden etwa besteht aus den Haaren von Maiskolben, die er getrocknet hat. Die Erde, die er benutzt, hat er selbst gesiebt.

Die Plastikboxen, in denen Lohr die Materialen für die Böden seiner Modelle aufhebt, stehen im Keller seines Hauses in Rudelzhausen. Dort steht auch ein Teil der Eisenbahnstrecke, die er baut. Sie besteht aus Modulen, jedes davon ist etwa 40 Zentimeter lang. Das erste Modul zeigt die Haltestelle Berg. Lässt man den moosgrünen Zug die Schienen entlangfahren, überquert er eine Straße, auf der ein Menschlein auf dem Mofa unterwegs ist. Die Gleise führen dann an einem kleinen Waldstück vorbei, wer genau hinschaut, sieht einen Mann mit winzigem Korb beim Schwammerl sammeln. Und auf der anderen Seite der Schienen kippt ein kleiner Lastwagen Bentonit in einen bereitstehenden Güterwagen.

Manfred Lohr ist einer von vier Männern im Verein "Bockerl fahr zua". Er arbeitet bei einem Autobauer in München, in seiner Freizeit bauen er und die drei anderen die Landschaft der Hallertau nach. 2017 haben die vier bei der Internationalen Messe für Modellbau in Dortmund den dritten Platz für die Anlage des Jahres gewonnen.

Das verbindende Element bei dem Ganzen ist die Eisenbahnstrecke des früheren "Bockerl". Denn wo heute größtenteils Fahrradwege verlaufen, fuhr von den 1890er Jahren an die Eisenbahn: von Rohrbach über Wolnzach nach Mainburg der eine Ast, über Attenkirchen nach Freising der zweite. In den Ausstellungen zeigen die vier Vereinsmitglieder auch Texte, Kurzfilme und historische Gegenstände, eine alte Bahnhofslampe etwa. Wie es in der Hallertau damals aussah, wissen sie von historischen Bildern, die ihnen die Menschen in der Region schenken.

Ursprünglich hatten sich im Jahr 2002 neun Modellbauer zusammengetan, zehn Jahre später haben sich die vier Mitglieder von "Bockerl fahr zua" abgespalten. Heute reden die beiden Vereine nicht mehr miteinander. Ein paar der Mitglieder wollten sich auf den Zugverkehr konzentrieren, sagt Lohr: Dass die Zugstrecke ganz genauso verläuft wie damals, oder dass sich die Züge an den Originalfahrplan halten. "Wir wollen aber die Geschichten neben der Strecke machen", sagt Lohr.

Wichtig sind ihnen dafür die Anekdoten. "Das ist alles irgendwie tot, aber mit einer Geschichte wird es lebendig", findet er. Die Haltestelle Figlsdorf zum Beispiel, das hätten ihm schon mehrere Leute erzählt, sei eigentlich ein Bedarfshalt gewesen. Trotzdem sei der Zugführer jeden Morgen von sich aus stehen geblieben: Denn neben der Haltestelle stand ein Wirtshaus, im Modell schmücken Tischdecken mit blau-weißen Rauten die Tische, und die Wirtin sei rausgekommen und habe dem Zugführer eine Mass Bier in die Lok gestellt.

Das ist ihnen auch wichtig bei "Bockerl fahr zua": Die Lebensrealität von damals zu vermitteln, geschichtliches und kulturelles Wissen weiterzugeben. Das Bentonit etwa, das der Laster im ersten Modul in den Güterwagen kippt, wurde in der Hallertau bis in die Fünfziger Jahre abgebaut, unter Tage, weiß Lohr, und noch bis in die 80er Jahre überirdisch. Ein Stück weiter laufen die Gleise an Hopfenreben vorbei, die Menschlein spritzen die Reben gegen einen Schädling namens rote Spinne. Wie in echt eben, sagt Lohr. Damit alles authentisch aussieht, nimmt er einiges auf sich: Das Dach des Zuges bearbeitet er mit dem Pinsel. Damit das Plastik nicht glänzt, schmiert er "den Dreck drauf, den man eigentlich aus dem Pinsel rauswäscht".

Von Wien über Au nach Zolling

Die nächste Ausstellung von "Bockerl fahr zua" findet von 25. bis 28. Oktober in Wien statt. In Deutschland präsentieren die Modellbauer ihre Werke wieder im März 2019 in Au in der Hallertau. Die Modellbauer stellen hier von Sonntag, 10., bis Sonntag, 24. März, jeweils an den Wochenendnachmittagen aus. Im November und Dezember 2019 ist die "Bockerl"-Strecke dann in Zolling zu sehen. Für Kinder und Jugendliche bietet der Verein ein spezielles Ferienprogramm an. Dabei können die Kinder im echten "Bockerl" mitfahren: Der Teil der historischen Strecke von Enzelhausen nach Rudelzhausen wurde durch eine Privatinitiative erhalten. In diesem Jahr ist die Fahrt in der Diesellok allerdings schon ausgebucht, Interessierte sollten sich im nächsten Sommer frühzeitig anmelden. Wer dem Verein beitreten will, kann sich unter www.bofz.de informieren. NTA

Wie viele Details jeder der vier Modellbauer einbaut, bleibt ihm selbst überlassen. Sie teilen sich die Strecke auf, dann baut jeder seine eigenen Module. Und bezahlt sie auch selbst: Die Ausstellungen finanziert der Verein zwar über Spenden, manchmal gibt auch die Gemeinde, in der sie ausstellen, einen Zuschuss. Den Rest aber zahlen sie aus eigener Tasche, auch den Umbau der Garage, in der sie die Module lagern. Allein das Schwammerlsammler-Modul habe ihn etwa 250 Euro gekostet, sagt Lohr. Ins Geld gehen vor allem die Details: Einen kleinen T1er VW-Bus hat er neben die Strecke gesetzt, und in einem anderen Modul kommen Mini-Maulwürfe aus dem Boden, wenn man auf einen Knopf drückt.

Wenn die Leute solche Kleinigkeiten bemerken, freuen sie sich, wie Lohr sagt. Früher habe er sich öfter bei seiner Frau beschwert: Da baue er im Keller seine Eisenbahn, und keiner sehe es - außer dem Onkel, der ab und zu vorbeikomme. Heute legen sie bei jeder Ausstellung ein Gästebuch aus, allein in Dortmund haben die Besucher 47 Seiten vollgeschrieben. Die Reaktion der Leute, sagt Lohr: Das sei es, wofür er das Ganze mache.