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Geschichten einer Flucht vor dem Krieg:Endlich angekommen

Adan Rashid aus Somalia und Toufik Alali aus Syrien (rechts) berichten von ihrer monatelangen Flucht.

(Foto: Marco Einfeldt)

Adan stammt aus Somalia, Toufik aus Syrien. Beide sind vor Terror und Krieg in ihrer Heimat geflohen. Im Kardinal-Döpfner-Haus erzählen beide von den monatelangen Schrecken und Entbehrungen der Flucht.

Von Paulina Schmidt, Freising

Adan aus Somalia und Toufik aus Syrien erzählen die Geschichten ihrer Flucht, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was sie verbindet ist, dass beide aus Angst vor dem Krieg flohen und seit etwa einem Jahr in Moosburg leben. Am Mittwochabend schilderten sie vor rund 90 Zuhörern im voll besetzten Saal im Kardinal-Döpfner-Haus auf Deutsch ihre Erlebnisse. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Grünen Jugend.

"Ich bin in Somalia aufgewachsen und habe acht Geschwister. Ich machte mein Abitur", begann Adan seine Geschichte. Er konnte wegen der Terrororganisation Al-Shabaab nicht in Somalia bleiben. "Die wollen alle jungen Männer zu Soldaten machen. Ich wollte kein Soldat sein, deswegen bin ich weggelaufen", erzählt Adan. Gemeinsam mit seinem Bruder reiste er über Äthiopien in den Sudan. Die Brüder gerieten an eine Schleuserbande, mussten Pässe und Handys abgeben. Sie ahnten nicht, wie viel Geld die Schleuser verlangen würden. "Es gab nur zwei Wege: Bezahlen oder Tod", sagt Adan. Seine Mutter habe das Haus verkaufen müssen, um genug Geld aufzutreiben. Fünf Monate lang wurden die Brüder in einer Lagerhalle in der Wüste gefangen gehalten. "Wir bekamen nur einen halben Liter Wasser pro Tag, mit Benzin versetzt. Mit Benzin ist man nicht mehr stark in den Beinen und kann nicht weglaufen", erklärt Adan. Viele seien dabei gestorben, auch sein Bruder. Als die Schleuser das Geld erhalten hatten, ging es weiter nach Libyen, doch auch hier herrschte Krieg. Also entschied sich der junge Mann, in einem Boot gemeinsam mit 120 Menschen nach Europa zu fliehen. "Nach einer Stunde hatte das Boot Löcher, wir mussten Wasser abschöpfen. Ich dachte, ich komme nicht an", erzählt Adan. Er hatte Glück, ein italienisches Boot rettete die Flüchtlinge. In Italien sollte er seine Fingerabdrücke abgeben. Wer nicht bereit dazu war, bekam nichts zu essen. "Ich wollte meine Fingerabdrücke nicht abgeben, ich dachte Italien ist wegen der Mafia kein sicheres Land. Aber der Hunger trieb mich dazu", schildert Adan. Schleuser halfen ihm dabei, nach Rom und von dort aus mit dem Bus nach München zu kommen.

"Die Polizei hier war nett, und ich war froh, angekommen zu sein", sagt der junge Mann. Drei Jahre war er auf der Flucht. Nun lebt er in einer Flüchtlingsunterkunft in Moosburg, besucht die Berufsschule und trainiert die Moosburger F-Jugend im Fußball. Adans Familie lebt inzwischen in Äthiopien, er versucht, so oft wie möglich Zuhause anzurufen. An Deutschland mag Adan eigentlich alles, "außer Zugverspätung und Behörden", sagt er. "Ich will nicht zurück schauen, sondern nach vorne", beendet er seine Geschichte.

Auch Toufik floh aus seiner Heimat. Er wohnte mit seiner Frau und seinem Sohn in einem Dorf in Syrien. "Wir dachten nicht, dass der Krieg kommt", erinnert er sich. Toufik war nicht mehr sicher, er sollte zum Militär. "Ich wollte keine Menschen erschießen", erzählt er. Daher entschloss er sich, nach Europa zu fliehen. Wohin genau wusste er nicht. Mit einem kleinen Kind wäre die Reise nicht möglich gewesen. "Ich dachte, es wäre für meine Familie in Syrien erst mal sicherer", sagt der junge Mann.

Bei seinem ersten Fluchtversuch über das Land wurde Toufik in Griechenland festgenommen. Auf einem Boot wurden die Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt. "Uns wurden die Hände verbunden, man konnte nicht schwimmen", erzählt der 25-Jährige. Bei seinem zweiten Versuch floh er über das Meer nach Griechenland und von dort aus weiter nach Mazedonien. In Serbien angekommen, traf er auf Schleuser, die 1000 Euro pro Person verlangten, um die Gruppe nach Belgrad zu bringen. Aus einem angekündigten neunstündigen Fußmarsch wurden fünf Tage. Fünf Tage ohne Essen und mit nur wenig Wasser. Es war sehr kalt und regnete in Strömen. "Wir konnten nicht schlafen und nicht sitzen, alles war nass", erinnert sich Toufik. Irgendwie erreichten sie den Lkw, der sie nach Belgrad brachte.

Auf der weiteren Reise bestach die Gruppe die serbische Polizei, um die Grenze überqueren zu können und in Ungarn zwang man sie, ihre Fingerabdrücke abzugeben. Sonst würde man sie zurückschicken, hieß es. Ein Schleuser versprach, sie mit dem Taxi nach München zu bringen, doch er setzte die Flüchtlinge in Basel aus. Schließlich nahm sie die deutsche Polizei fest. "Sie brachten uns in die Bayern-Kaserne", schildert Toufik. In Deutschland angekommen, konnte Toufik seine Familie nicht abholen, doch seine Frau konnte nicht mehr länger warten. Sie floh gemeinsam mit dem Sohn, die beiden wohnen jetzt in Rostock. "Ich habe immer noch keine Anerkennung, meine Frau schon", sagt der 25-Jährige. Bald werden seine Frau und der Sohn nach Moosburg ziehen. "Wenn alles wieder gut ist in Syrien, möchten wir zurück und unsere Heimat aufbauen", erzählt er. Bis dahin ist sein Traum, in Deutschland arbeiten zu dürfen.

Ein Zuhörer fragt Toufik, ob sie in Syrien den Krieg nicht kommen sahen. "Wir dachten zuerst, der Krieg würde nicht lange dauern, aber es wurde immer schlimmer, kein Strom, kein Wasser, kein Essen. Die Leute wollen einfach weg. Ich habe keine Ahnung, wie das weitergeht", sagt er.

© SZ vom 11.12.2015
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