Süddeutsche Zeitung

Geplanter Schulcampus in Freising:Visionen von einem Boulevard

Im Kreuzgang des Freisinger Landratsamtes sind die Entwürfe für den geplanten neuen Schulcampus an der Wippenhauser Straße zu sehen. Bei den Führungen gibt es viel Lob, aber auch Kritik von aufgebrachten Anwohnern, die noch mehr Chaos befürchten

Von Peter Becker, Freising

Contenance ist die Fähigkeit, gelassen zu bleiben, auch wenn man Angriffen ausgesetzt ist. Zumindest verbalen. Diese Kunst bewies Ingrid Abend, Sachgebietsleiterin am Hochbauamt des Landratsamts. Während der Führung zu den Entwürfen zum geplanten neuen Schulcampus traktierte sie ein offensichtlicher Anwohner der Wippenhauser Straße, mit profunden, sehr ins Detail gehenden Fragen. Dem Gemütszustand des Mannes nach zu urteilen, ist er kein Freund des Siegerentwurfs der Schulz und Schulz Architekten aus Leipzig. Das mögen die Preisträger nicht als Kritik an ihrem Werk verstehen, der etwas echauffiert wirkende Mann ist generell der Auffassung, dass der Schulcampus dort am falschen Ort ist. Er würde ihn lieber am ehemaligen Baywa-Gelände an der Angerstraße sehen. Dort, wo jetzt ein neues Freisinger Wohnquartier entsteht.

Weitaus gemessener ging es Tage zuvor zu, als die Ausstellung in Anwesenheit der Preisträger eröffnet wurde. Viel Lob gab es da für das Verfahren, die Entwürfe und die Preisträger. Der Auftakt der Führungen verlief am Dienstag verhalten. Zwei Personen seien gekommen, sagt Ingrid Abend. Interesse bestehe natürlich bei Kollegen aus dem Landratsamt oder den Lehrkräften, sagt sie. Aber für die kommende Woche hätten sich schon weitere zehn angemeldet. So bohrende Fragen wie der Anwohner werden aber wohl die wenigsten Interessenten stellen. Hätte sie das gewusst, hätte sie sich noch detaillierter eingearbeitet, sagt Ingrid Abend.

Unter den künftigen Besuchern werden wohl noch weitere Betroffene der Campuspläne sein. Die Vision der Siegerarchitekten, die Wippenhauser Straße werde sich zu einem "Boulevard" entwickeln, teilen der streitbare Anwohner und seine mit ihm erschienen Frau mitnichten. Beide fürchten noch mehr Chaos auf den Straßen und Gehwegen. "Die fahren alle auf dem Bürgersteig", sagt die Anwohnerin. "Oft kommen wir kaum aus unserer Einfahrt raus." Dass sich in Zukunft dort etwas verbessere, daran glauben beide nicht. Vor allem, was den geplanten Mittelstreifen auf der Wippenhauser Straße anbelangt, ist der Anwohner skeptisch. "Der ist furchtbar." Ein geparkter Möbelwagen auf der Straße könne den ganzen Verkehr lahm legen, fürchtet er. Und der Autoverkehr werde künftig noch zunehmen.

Was dem Anwohner noch schwer im Magen liegt, ist die Versiegelung von Boden und die damit einhergehende Hochwassergefahr. Der Beteuerung von Ingrid Abend, dass viel Wasser auf dem Schulcampus versickern werde, glaubt er nicht. Das Wasser komme die Hügel herunter, fürchtet er. Abflüsse und Wippenhauser Graben seien oft mit Abfall oder durch Blätter und Äste verstopft. Der Anwohner sieht die Gefahr, dass Letzterer bei Starkregen über die Ufer treten könne.

Ingrid Abend versucht, seine Bedenken zu zerstreuen. Das Siegermodell ist ja noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Mit den drei Preisträgern werde noch einmal gesprochen, sagt sie. Es gebe sicher noch Modifikationen. Bis die Bagger anrollen, wird es ohnehin eine ganze Weile dauern. Der Anwohner will auf jeden Fall noch bei Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher vorsprechen. Fürs Erste ist er zufrieden. "Jetzt ist mir wohler", sagt er zum Abschied zu Ingrid Abend.

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Quelle:
SZ vom 18.09.2021
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