Gegen den Wegwerf-Wahn: Intelligent verpackt

Im Freisinger Fraunhofer-Institut suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten, die Haltbarkeit von Lebensmitteln zu verlängern

Von Petra Schnirch

Nur etwa die Hälfte der Lebensmittel in Deutschland kommt tatsächlich auf den Tisch. Der Rest landet im Müll. Oder wird schon bei der Ernte wieder untergepflügt. 81,6 Kilogramm Lebensmittel schmeißt jeder Bundesbürger pro Jahr im Durchschnitt einfach weg. Diese Zahlen der Universität Stuttgart haben Verbraucher und Politiker in den vergangenen Tagen aufgerüttelt. Die Bundesregierung sucht nun nach Ansatzpunkten, wie die Wegwerf-Quote verringert werden kann - und baut auf die Wissenschaft. Vorschläge kommen auch aus dem Freisinger Fraunhofer-Institut. Mit verbesserten Folien beispielsweise könnten frische Produkte deutlich länger aufbewahrt werden. In Kunststoffbeuteln verpacktes Gemüse wirkt oft wenig appetitlich. Hat sich unter der Schutzhülle Kondenswasser gebildet, entwickeln sich Mikroorganismen, vor allem Schnittsalat oder Pilze gammeln schnell - einer der Gründe dafür, dass in Privathaushalten Einkäufe in der Abfalltonne landen. Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Claudia Schönweitz, stellvertretende Institutsleiterin, spricht von einem "Potpourri an Möglichkeiten". Schon beim Transport kann einiges schief gehen. "Intelligente" Verpackungen zeigen deshalb an, wenn die Temperatur nicht stimmt - dann verfärbt sich das Label. Mit solchen Indikatoren lasse sich die Kühlkette überwachen, schildert Kajetan Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Materialentwicklung. Sie würden teilweise bereits eingesetzt, doch der Handel sei skeptisch. In Bayern schiebt der Forschungsverbund Forfood seit 2010 solche Projekte an, darin eingebunden ist auch das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising. Die Experten agieren auf einem ihrer Spezialgebiete und loten aus, wie Verpackungen weiter optimiert werden können. Für viele Verbraucher sind sie nichts als lästiger Müll, dabei kommen ihnen gerade im Bereich Lebensmittel zum Teil wichtige Funktionen zu, wie Schönweitz erklärt. Für Obst und Gemüse sind Verpackungen bisher nicht wirklich ausgelegt: "Sie atmen nicht mit", sagt Müller. Kohlendioxid und Wasserdampf werden abgegeben, die Tröpfchen bleiben zwangsläufig innerhalb der Tüten. Für schnell verderblichen, geschnittenen Salat sind Polypropylenbeutel nur sehr bedingt geeignet. Laut Schönweitz wäre schon viel erreicht, wenn ein Produkt "fünf statt drei Tage haltbar ist". In dieser Richtung wollen Müller und sein Team intensiv weiterarbeiten: Wird zum Beispiel Kochsalz in den Kunststoff eingebaut, kann er Feuchtigkeit aufnehmen. Das entscheidende Problem: Bisher gibt er gleichzeitig auch Salz ab, diese Idee müsse weiterentwickelt werden, sagt der Wissenschaftler. Auch an einem zweiten Teilprojekt von Forfood sind die Freisinger beteiligt: Dabei geht es um die Hochfrequenzerhitzung, das schonende Verarbeiten von Lebensmitteln, um Vitamingehalt und Farbe zu erhalten. Als weiteres Problemfeld hat sich das Mindesthaltbarkeitsdatum herauskristallisiert: Anders als bei Fleisch verschlechtere sich die Qualität von Milchprodukten selbst zwei Monate nach dem aufgedruckten Datum in der Regel nicht, schildert Müller. Dennoch lande Joghurt dann zumeist im Müll, weil der Aufdruck abschreckt. Intelligente Verpackungen könnten anzeigen, dass das Produkt noch schmeckt, erklärt Müller. Daran tüfteln die Fraunhofer-Forscher gerade. Doch das System ist noch nicht ausgereift. Die Frischeindikatoren reagieren, zum Beispiel bei Fisch, teilweise auf andere Stoffe, sind also nicht zuverlässig, wie Peter Muranyi, Leiter des Geschäftsfelds Lebensmittelqualität und sensorische Akzeptanz, schildert. Wenn die Indikatoren aber zu früh warnen, "kann das nach hinten losgehen" - dann wandern die Lebensmittel erst recht in den Müll. Andere Projekte zielen auf nachwachsende Rohstoffe, zum Beispiel schützende Hüllen aus Maisstärke. Müller sieht hier viel Potential, Reststoffe aus der Lebensmittelproduktion könnten verwertet werden. Ganz aktuell, seit Anfang Januar, laufen in Freising laut Muranyi Untersuchungen mit Beschichtungen aus antimikrobiellem Hopfenextrakt. Eine Datenbank für aktive und intelligente Verpackungsmaterialien gibt seit kurzem einen Überblick über Produkte und Forschungsvorhaben - denn der Markt ist komplex und unübersichtlich. Auch kleinere Portionsgrößen - obwohl bisher wegen des zusätzlichen Materialaufwands oft verteufelt - könnten ihren Teil dazu beitragen, dass weniger Lebensmittel weggeworfen würden, meint Claudia Schönweitz, ebenso verschließbare Verpackungen. In einer Forsa-Umfrage des Bundesverbraucherministeriums nannten 19 Prozent der Teilnehmer zu große Verpackungen als Hauptgrund dafür, dass sie Lebensmittel entsorgen - gerade in Großstädten wächst die Zahl der Singlehaushalte immer weiter. "Die beste Verpackung ist die, die leer in den Müll wandert", sagt Schönweitz - und hofft, dass der Bundestagsausschuss die Ergebnisse aus Freising tatsächlich abrufen wird. Vorsitzender Hans-Michael Goldmann hat vor kurzem bei einem Besuch in Freising schon einmal vorgefühlt, wohin die Entwicklung gehen könnte.