Das Grauen, das die entkräfteten KZ-Häftlinge noch in den letzten Tagen vor ihrer Befreiung erlebten, ist unvorstellbar. Tausende wurden von SS-Wachposten zu Fuß aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Hersbruck und Flossenbürg in Richtung Dachau getrieben; sie litten Hunger und Durst. Die Todesmärsche forderten viele Opfer, auch im Landkreis Freising. Rund um Allershausen sind sieben Tote belegt. An sie erinnert nun ein Gedenkstein, der vor wenigen Tagen an den Glonnterrassen in der Ortsmitte eingeweiht wurde. Fast alle von ihnen blieben namenlos, bis auf eine Ausnahme.
Dass sich die Elendszüge durch viele Ortschaften im Landkreis schleppten, wissen heute nur noch wenige. Als die Alliierten vorrückten, wurden Lager wie Flossenbürg geräumt. Augenzeugen sollten beseitigt und Arbeitskräfte gesichert werden, sagte der polnische Generalkonsul Rafal Wolski bei seiner Ansprache in Allershausen. „Verluste waren erwünscht.“ Für das Wachpersonal hatte das Leben der Häftlinge keinen Wert. Er stehe mit Demut vor diesem Denkmal, betonte Wolski. Das Leid der Opfer aber könne kein Mahnmal wiedergutmachen. Er bedauerte, dass es so lange gedauert habe, bis die Verbrechen aus der Endphase des NS-Regimes ins Bewusstsein gerückt seien.
Der Anstoß in Allershausen ging vom Dritten Bürgermeister Josef Lerchl aus; die Gemeinde unterstützte die Initiative. In Nörting, Aiterbach und Appercha war im April 1945 jeweils ein Häftling umgekommen, in Allershausen und Tünzhausen je zwei. Fast alle wurden am Wegrand verscharrt. Nur einer ist namentlich bekannt – dank des Einsatzes beherzter Helfer.
Nördlich von Appercha, auf einem Hohlweg bei Höchenberg, erlitt Wojciech Madej am 24. April 1945 einen Schwächeanfall und brach zusammen. Als er nicht mehr aufstehen konnte, schoss ihm ein SS-Mann in den Kopf. Beim nächsten Bauernhof in Appercha ordnete die SS an, Madej zu verscharren, man hielt ihn für tot. Das Ehepaar Loher und der benachrichtigte Pfarrer Johann Nepomuk Bauer stellten jedoch fest, dass er noch lebte. In der Backstube des Schabl-Anwesens pflegte ihn die Familie, doch vier Tage später starb Madej an Wundstarrkrampf im Alter von 41 Jahren. Der Pfarrer war täglich gekommen, um ihn zu verbinden – der Arzt traute sich nicht, dem Verletzten zu helfen. Die Fakten hat Josef Lerchl zusammengetragen, Konrad Loher erinnerte sich an einige Details. Die falsche Schreibweise „Madey“ auf dem Gedenkstein geht auf den Eintrag im Sterberegister von 1945 zurück und ließ sich nicht mehr korrigieren.

Aus dem Sterberegister der Pfarrgemeinde Jarzt geht hervor, dass Madej aus dem polnischen Zawiercie stammte und Vater von vier Kindern war. Die SS hatte ihn in der Nacht vom 6. auf den 7. November 1944 in „politische Schutzhaft“ genommen. Über das KZ Groß-Rosen kam er Mitte Februar 1945 nach Hersbruck, ein Außenlager von Flossenbürg. Von dort musste er mit Hunderten Leidensgenossen Richtung Dachau aufbrechen, bis ihn die Kräfte verließen. Am 30. April wurde Wojciech Madej, versehen mit den Sterbesakramenten, auf dem Friedhof in Appercha beerdigt. Am 20. Mai 1958 bettete ihn der französische Suchdienst auf den KZ-Friedhof Flossenbürg um.
Madejs Familie aber wusste bis vor wenigen Wochen nicht, was ihm widerfahren war – trotz Anfragen bei verschiedenen Stellen. Dem Journalisten Andrzej Bialas gelang es nun im Auftrag des polnischen Generalkonsulats, seine Enkelin Halina Ciastko ausfindig zu machen. Die Familie sei regelrecht geschockt gewesen, als er sie kontaktierte, erzählte er am Rande der Veranstaltung. „Sie haben so viele Jahre versucht, etwas herauszubekommen.“ Die Enkelin „konnte kaum sprechen, so gerührt war sie“. Sie sei erleichtert und dankbar, dass ein Denkmal an ihren Großvater erinnert.
Wachposten hindern eine Frau daran, den Häftlingen Wasser zu geben
Viele der SS-Leute, die die Todesmärsche begleiteten, zeigten besondere Grausamkeit. Mehrfach verhinderten sie, dass Dorfbewohner die KZ-Häftlinge mit Wasser oder Nahrung versorgen konnten. Ein Zeitzeuge aus Tünzhausen berichtete Lerchl, zwei Männer seien erschossen worden, als sie sich auf das Brot stürzten, das ihnen die Frau vom Krämerladen gebracht hatte.
„Die Monstrosität der Verbrechen ist das, was uns heute immer noch bewegt“, sagte Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann bei der Gedenkfeier. Das Denkmal sei wichtig, denn es werde noch bestehen, „wenn wir nicht mehr da sind“. Es brauche solche Mahnmale. „Nie wieder“ – diese politische Forderung sei in der DNA der Nachkriegsgeneration verankert und müsse der jüngeren Generation auch künftig vermittelt werden. „Schuld kann man nicht vererben, Verantwortung schon.“ Herrmann rief dazu auf, wachsam zu sein. Auch damals habe alles mit „bösen Gedanken und Worten“ begonnen.

Der stellvertretende Generalkonsul Frankreichs, Pierre Clouet, zeigte sich so bewegt, dass es ihm schwerfiel zu sprechen. Er erinnerte an den französischen Suchdienst, der sich nach dem Krieg darum bemühte, Opfer zu identifizieren und umzubetten. Nur der unbekannte Tote aus Aiterbach liegt noch immer auf dem dortigen Friedhof. An ihn erinnert seit Kurzem eine Gedenktafel an der Kirche.
Hinter jedem Namen stehe ein Mensch mit einer Geschichte, mit einer Familie, sagte Clouet. Diese Identität, diese Menschsein, wollten die Nationalsozialisten den Häftlingen nehmen, indem sie sie zu Nummern degradierten. Nummer 85 217, Wojciech Madej, hat – für alle sichtbar – seinen Namen zurückbekommen.

