Süddeutsche Zeitung

Freisinger Gastronom:Kölner Jeck im Land der Träume

Karl Schimmel sind in seiner Geburtsstadt "die Biergläser zu klein". Zu seinem Glück steht er nun in Freising hinter der Theke.

Von Thilo Schröder, Freising

Das Feierwehrhaus an der Ecke Wiesenthalstraße/Alte Poststraße in Freising hat keinen Tippfehler im Namen. Denn die Angestellten hier löschen keine Brände, wohl aber den Durst ihrer Kneipengäste. "Achtung, hinter der Theke steht a Depp", heißt es auf einer Schiefertafel neben der Tür. Das beschreibt den Charme des Etablissements und den dort gelebten Humor ganz gut. Karl Schimmel, genannt Charly, steht hier seit fünf oder sechs Jahren hinter der Theke beziehungsweise sitzt mit seinen Stammkunden auf der Bierbank im Vorgarten. In Freising lebt der gebürtige Kölner aber schon seit fast 30 Jahren.

"Mein Traum war immer schon Bayern, die Gegend, die Landschaft, die großen Berge . . . wir haben in der Schulzeit Klassenfahrten nach Bayern gemacht", sagt Charly. Geboren wurde der 53-Jährige in Köln, den größten Teil seiner Jugend verbrachte er aber in Schleiden in der Eifel bei einer Pflegefamilie. Dort begann seine vielseitige berufliche Laufbahn mit einem Schulpraktikum im Wildgehege Hellenthal. Mit 17, nach der Schulzeit, zog er daheim aus und arbeitete zunächst in einem Lebensmittelgeschäft - "war aber nicht mein Ding, ich wollte unbedingt Tierpfleger werden".

Vom Wildgehege in die Pizzeria

Darum schmiss er den Job und nahm eine Lehre als Tierpfleger im Kölner Zoo auf. Danach zog es ihn zurück ins Wildgehege Hellenthal. "Das war persönlicher, nicht so groß wie ein Zoo", erklärt der heutige Barkeeper. Die Arbeit mit Tieren habe ihm zwar gefallen, doch mit dem Einkommen sei er nicht zufrieden gewesen. Wie es der Zufall wollte, habe ihn zu der Zeit ein befreundeter Italiener gefragt, ob er nicht in seiner Pizzeria arbeiten wolle - zu besseren Konditionen. "Und da bin ich dann quasi in die Gastronomie hineingerutscht."

So nahm ein kleiner deutscher Traum seinen Anfang. Als Spüler angefangen, habe er sich immer mehr in die Küche integriert, schließlich habe ihm sein Chef das Pizzabacken beigebracht, inklusive familieneigenem Rezept. "Die haben früher selbst eine große Pizzeria in Sizilien gehabt, bis sie dann in die Eifel gekommen sind." Drei Jahre arbeitete Charly dort, am Ende hielt er ein Zertifikat als Pizzabäcker-Meister in der Hand.

Bayern war immer das Traumland

Doch seine beiden Zwillings-Stiefschwestern hätten gewusst, dass er immer schon nach Bayern ziehen wollte. Als sie sich im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der Post im Jahr 1989 von Köln nach München versetzen ließen, hätten sie ihn gefragt, ob er nicht mitkommen wolle, sagt er. "Ich hab nicht lange gefackelt, alles hingeschmissen - sofort - ich war gleich dabei." Sie siedelten sich dann in Freising an, pendelten mit der S-Bahn nach München. Nach zwei, drei Jahren seien die Schwestern aber weggezogen. "Die haben es hier nicht ausgehalten."

Charly dagegen blieb. Er arbeitete bei einem Paketdienst, danach zehn Jahre in einem Neufahrner Möbelhaus. Doch dann starb der Chef, das Unternehmen wurde zerschlagen - und Charly arbeitslos. Knapp bei Kasse, wurde die Zeche in seiner Freisinger Stammkneipe, dem damaligen Café Gugelhupf, immer länger. Er beschloss, sie in der Bar abzuarbeiten, blieb dort dann zehn weitere Jahre. Später arbeitete er bei seinem jetzigen Chef in einem Marzlinger Lokal, der ihn als Gast aus dem Gugelhupf kannte. Das Lokal musste schließlich schließen, eröffnete jedoch wieder im Feierwehrhaus.

Das sind nur ein paar der Stationen auf Charlys Lebensreise. "Ich habe jetzt einiges ausgelassen", sagt er lachend, eine halb gerauchte Zigarette in der Hand. Was als Nächstes komme? "Man weiß nicht, was sich im Leben ergibt." Verheiratet ist er mit einer Freisingerin, auch sie kennt er aus dem Gugelhupf, und hat inzwischen Enkelkinder. Seine Liebe zu den Tieren und zur Natur kann er hier voll ausleben. "Früher bin ich in meiner Freizeit in die Wirtshäuser gegangen, heute bin ich froh, wenn ich in den Wald raus gehe - ich genieße das." Auf der anderen Seite sagt er: "Ich bin extra nach Bayern gekommen, weil in Köln die Biergläser zu klein sind."

"Freising", sagt Charly, "ist meine zweite Heimat, ich fühl mich sehr wohl hier. Mein Fußballverein ist aber immer noch der 1. FC Köln. Isch bin ene kölsche Jeck und bliev ene kölsche Jeck".

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SZ vom 27.08.2018/av
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