SZ-Serie: Waren Sie schon mal in...Gammelsdorf, wo Nirvana spielte und Ritter kämpften

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Gammelsdorf liegt idyllisch am südöstlichen Ende der Hallertau im Landkreis Freising.
Gammelsdorf liegt idyllisch am südöstlichen Ende der Hallertau im Landkreis Freising. Marco Einfeldt
  • Gammelsdorf ist die kleinste Gemeinde im Landkreis Freising mit 1600 Einwohnern und wurde durch die Schlacht von 1313 und den legendären Liveclub „Circus" bekannt.
  • Im November 1989 trat Nirvana als Vorband im „Circus Gammelsdorf" auf, bevor der Club 1994 einer Brandstiftung zum Opfer fiel.
  • Die Schlacht von Gammelsdorf 1313 zwischen Habsburgern und Wittelsbachern prägte die bayerische Geschichte und wird heute durch ein Denkmal und jährliche Patriotentreffen gewürdigt.
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Die kleinste Gemeinde im Landkreis Freising hat wilde Zeiten erlebt. Dazu zählten eine richtige Schlacht und ein Konzert der legendären Grunge-Band.

Von Gudrun Regelein, Gammelsdorf

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Sogar Kurt Cobain war schon hier, im November 1989. Damals trat Nirvana als Vorband im weit über die bayerischen Grenzen bekannten Liveclub „Circus Gammelsdorf“, einem ehemaligen Dorfkino, auf. Kurz danach starteten die Grunge-Rocker ihre kometenhafte Karriere. Der Circus fiel am Abend des 14. Mai 1994 einer Brandstiftung zum Opfer – die Täter wurden nie gefunden. Wiederaufgebaut werden durfte er nicht mehr, das verhinderten unter anderem die Anwohner. Ihnen war die wöchentliche „Invasion“ der Musikfreaks nicht geheuer. In das kleine Dorf kehrte wieder Ruhe ein. Heute stehen an der Stelle des Circus mehrere Wohnhäuser.

Bürgermeister Bernhard Lochinger war als Jugendlicher oft mit Freunden im legendären Circus Gammelsdorf.
Bürgermeister Bernhard Lochinger war als Jugendlicher oft mit Freunden im legendären Circus Gammelsdorf. Marco Einfeldt

Bernhard Lochinger, neu gewählter Bürgermeister von Gammelsdorf, hat Nirvana nicht erlebt. Aber als Jugendlicher war er mit seinen Freunden oft im Circus, das erste Mal als 15-Jähriger. „Wenn der Club offen hatte, war das Dorf vollgeparkt“, sagt er. Auch mit vielen Autos mit auswärtigem Kennzeichen, aus Berlin oder sogar oder dem Ausland. Die Leute kamen scharenweise zu den Auftritten von Nina Hagen, der Spider Murphy Gang oder der Metal-Band Paradise Lost. „Das waren damals echt wilde Zeiten. Da waren Typen dabei, da ist mir die Kinnlade runtergeklappt“, erzählt Lochinger. Den Irokesenschnitt kannte man zu dieser Zeit in Gammelsdorf noch nicht.

Lochinger, 56 Jahre alt, ist in Gammelsdorf aufgewachsen. Hier führt er als Selbständiger sein Tiefbauunternehmen und ist seit ein paar Wochen ehrenamtlicher Bürgermeister der mit 1600 Einwohnern kleinsten Gemeinde im Landkreis Freising. „Woanders als hier möchte ich nicht leben“, sagt er überzeugt. Er sei im Urlaub gerne weg, war auch schon in Amerika, komme aber immer wieder gerne zurück. Gammelsdorf – oder „Gammerschdorf“, wie die Einheimischen sagen – sei zwar beschaulich, aber: „Langweilig ist es definitiv nicht.“

Tatsächlich hat die Gemeinde am südöstlichen Rand der Hallertau auch überregionale Berühmtheit erlangt. Die „Schlacht von Gammelsdorf“ ging in die Geschichtsbücher ein. 1313 eskalierte hier, an einem laut Chronik nebeligen Novembertag, der Streit zwischen den Habsburgern und den oberbayerischen Wittelsbachern. Bei einer der letzten großen Ritterschlachten ging Ludwig der Bayer als Sieger hervor. Seine Truppen schlugen den Gegner in die Flucht und vereitelten damit die habsburgischen Ansprüche auf Niederbayern. Ludwig wurde ein Jahr später zum König gewählt und festigte die Dynastie der Wittelsbacher in Bayern. An die blutige Auseinandersetzung, die die Geschichte des Freistaates mitprägte, erinnert heute ein 1842 errichtetes imposantes Denkmal, das unter hohen Weidenbäumen auf einer kleinen Anhöhe kurz vor den Toren von Gammelsdorf steht.

SZ-Grafik

Seit wann genau es Gammelsdorf gibt, ist unbekannt. Vermutlich entstand es zeitgleich mit dem heutigen Ortsteil Rehbach, der bereits 776 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Die ersten schriftlichen Belege für Gammelsdorf finden sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1075, dort wird der Ort als „Gamanolvesdorf“ bezeichnet. „Das heißt frei übersetzt: Dorf des Gamanolf“, erklärt Archus Neumeier. „Mit Gammeln hat der Ortsname also überhaupt nichts zu tun.“ Der 71-Jährige hat ein großes historisches Interesse, er kennt sich bestens in der Geschichte des Ortes aus, in dem er von jeher wohnt. Seine Familie besitzt dort schon seit Generationen einen Hof. „Als ältestes von fünf Kindern war es nach dem frühen Tod des Vaters selbstverständlich, dass ich Nachfolger werde – und hier bleibe.“

Archus Neumeier vor einem Gemälde, das die  Schlacht bei Gammelsdorf zeigt.
Archus Neumeier vor einem Gemälde, das die  Schlacht bei Gammelsdorf zeigt. Marco Einfeldt
Ein Denkmal erinnert am Ortsrand von Gammelsdorf an die Schlacht von 1313.
Ein Denkmal erinnert am Ortsrand von Gammelsdorf an die Schlacht von 1313. Marco Einfeldt

Maria Saller dagegen ist eine Neubürgerin. Sie und ihr Mann sind erst im Dezember 2023 nach Gammelsdorf gezogen. Ein paar Monate später sind beide dem Verein „Weiß-Blau Gammelsdorf“ beigetreten, um Anschluss im Ort zu finden, erzählt Saller. Seit diesem März ist die 50-Jährige die Vorsitzende. Zuvor hat das Paar im Münchner Norden gewohnt. „Aber dort ist es uns zu hektisch gewesen.“ Sie suchten die erholsame Abgeschiedenheit und fanden sie in dem in der sanften Hügellandschaft der Holledau eingebetteten Ort. „Hier wollen wir bleiben. Wir haben uns ein Haus und auf dem Friedhof eine Grabstelle gekauft.“

Der Verein „Weiß-Blau“ ist Mitorganisator des alljährlichen Patriotentreffens in Gammelsdorf, das an die Schlacht von 1313 erinnert. An die 200 Traditionalisten und Königstreue aus ganz Bayern rücken am dritten Januarwochenende an, in Festtracht, alten Uniformen und mit Fahnen. Nach einem Weißwurstfrühstück und vielen Ansprachen geht es mit Blasmusik zum Denkmal. Dort wird unter Böllerschüssen ein Kranz niedergelegt. Saller hat bislang ein Treffen miterlebt, „das war ein sehr imposantes Erlebnis“, sagt sie. Alte Zeiten seien da wachgeworden. „Einen König will ich zwar nicht, aber Brauchtum, die Verbundenheit zur bayerischen Tradition und Identität prägen auch unseren Verein.“ 200 Mitglieder zählt dieser, darunter einige junge.

Jahr für Jahr ziehen beim Patriotentreffen in Gammelsdorf Traditionalisten und Königstreue hinauf zum Schlachtendenkmal. Das Bild stammt aus dem Jahr 2011.
Jahr für Jahr ziehen beim Patriotentreffen in Gammelsdorf Traditionalisten und Königstreue hinauf zum Schlachtendenkmal. Das Bild stammt aus dem Jahr 2011. Marco Einfeldt
Im ehemaligen Gasthaus Pichlmeier gibt es jetzt Balkanspezialitäten statt bayerischer Küche.
Im ehemaligen Gasthaus Pichlmeier gibt es jetzt Balkanspezialitäten statt bayerischer Küche. Marco Einfeldt

Auch in seiner Gemeinde gebe es zwar eine Landflucht der Jungen, aber viele kämen dann doch zurück, sagt Bürgermeister Lochinger. „Von zehn sind es acht.“ Was Gammelsdorf so lebenswert macht? Die Grundversorgung sei gesichert, die Infrastruktur gut, antwortet Lochinger. „Und wir haben mit unseren vielen Vereinen eine gute Gemeinschaft.“ Bei einem kleinen Rundgang entdeckt man einen Bäcker, einen Metzger, das Restaurant „Bella Balkania“ – und immer wieder Ritterfiguren, die seit dem 700-Jahre-Jubiläumsfest der Schlacht im Ort stehen. „Eine Kita, Grundschule, Kirche, Freiwillige Feuerwehr und die Narrhalla Gammelsdorf gibt es auch noch“, zählt Lochinger später auf. Nur den berühmten Nachtfaschingsumzug, zu dem immer viele Tausende Besucher kamen, veranstalte man wegen hoher Sicherheitsauflagen nicht mehr. „Aber wir haben einen eigenen Segelflugplatz.“

Auf dem Segelflugplatz des LSV Gammelsdorf verbringt Vorsitzender Peter Weber viel Zeit. Am Steuer des  Seglers: Pilotin Zoe Marie Schulz.
Auf dem Segelflugplatz des LSV Gammelsdorf verbringt Vorsitzender Peter Weber viel Zeit. Am Steuer des  Seglers: Pilotin Zoe Marie Schulz. Marco Einfeldt

Der liegt nur wenige Kilometer entfernt. Der Weg führt über einen schmalen Schotterweg durch ein Waldstück zu dem gut fünfeinhalb Hektar großen Gelände mit der 980 Meter langen Grasbahn. Gerade wird dort ein Flieger von einer Winde in die Höhe gezogen, das Seil ausgeklinkt – und dann gleitet er von der Thermik getragen wie ein Vogel elegant durch die Lüfte. „Da oben fühlt man sich klein, das macht einen bescheiden“, sagt Peter Weber. Der 73-Jährige ist der Vorsitzende des Luftsportverbandes (LSV) Albatros. Seine Zeit verbringt der Rentner aus dem Landkreis Landshut wie viele andere Hardcore-Mitglieder auf dem Flugplatz.  Momentan zählt der Verein 40 aktive Mitglieder. „Nachwuchs ist gerne gesehen“, sagt Weber. Wer die grenzenlose Freiheit über den Wolken kennenlernen will, müsse nur den Weg nach Gammelsdorf nehmen. „Besucher sind willkommen.“

Ausflugstipps

Die Hallertau, oder Holledau, ist das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Das leicht hügelige Gebiet mit seinen vielen Flusstälern ist auch ein beliebtes Ziel für Radler. Der knapp 34 Kilometer lange Nandlstädter Kulturradweg (www.outdooractive.com/de/route/radtour/freising/nandlstaedter-kulturradweg) verbindet Radfahren mit Kulturgenuss. Der Rundweg führt zu historischen Orten, kleinen Kapellen und Sehenswürdigkeiten der Gemeinden Nandlstadt (wo man sich im idyllisch gelegenen Waldbad nach beendeter Tour wunderbar erfrischen kann), Mauern, Gammelsdorf und Hörgertshausen. In Gammelsdorf kann man sich für die Weiterfahrt im „Bella Balkania“, das im früheren bayerischen Traditionsgasthaus Pichlmeier balkanische Spezialitäten bietet, für die Weiterfahrt stärken (www.bella-balkania.de). Tipp: Von Gammelsdorf aus lohnt sich ein Abstecher zum nahen Ortsteil Gelbersdorf. Dort findet sich die katholische Filialkirche St. Georg, die für ihren wertvollen spätgotischen Flügelaltar aus dem Jahr 1482 berühmt ist. Den Kirchenschlüssel hat die Familie Kalteis (Telefon 08766/298), eine Besichtigung der Kirche ist nach Absprache möglich. 

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