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Freisinger Tafel:"Wenn jemand etwas braucht, bekommt er etwas"

Archivbild: Der Vorsitzende der Freisinger Tafel, Peter Bach (links), und Gründer Eberhard Graßmann verpacken gespendete Ware in Tüten. Nur etwa zehn Prozent der Kunden sind Rentner.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die vor zehn Jahren gegründete Freisinger Tafel versorgt heute um die 600 Menschen. Unterstützt wird der Verein von 60 bis 70 aktiven Mitgliedern und zahlreichen Spendern. Gerne würde man mehr Rentnern helfen, die sich oft scheuen, zur Ausgabe zu kommen

Draußen, neben der dunkelroten Eingangstür der Freisinger T afel, stehen Kisten mit Gemüseabfällen. Innen sind eifrige Helfer dabei, die gespendeten Nektarinen und anderes Obst in Tüten zu verpacken. An diesem Donnerstagnachmittag werden wohl an die 130 Kunden zur Ausgabe kommen, sagt Tafel-Vorsitzender Peter Bach. Am Vortag waren es 160 bis 170 gewesen. Im Gespräch mit der SZ Freising erzählen er und sein Vorgänger Eberhard Graßmann von der rasanten Entwicklung seit der Gründung vor zehn Jahren.

SZ: Wie viele Kunden haben Sie derzeit?

Peter Bach: Wir haben die Tafel-Ausweise im Frühjahr ausgetauscht: 370 wurden neu ausgestellt, dazu kommen aber noch einige, die noch von 2015 gelten. Ich gehe davon aus, dass wir derzeit etwa 500 Ausweise im Umlauf haben. Wöchentlich zählen wir etwa 300 Besucher - das heißt, dass wir mit deren Familienmitgliedern rund 600 Personen versorgen.

Vor zehn Jahren, als die Tafel mit ihrer Ausgabe startete, waren es am ersten Tag gerade einmal 26 Besucher. Haben Sie damals mit einer solchen Entwicklung gerechnet?

Eberhard Graßmann: Nein, mit einer solchen Entwicklung habe ich nicht gerechnet - auch wenn wir in der zweiten Woche dann bereits 70 Besucher hatten. Die Zahlen sind unglaublich schnell angestiegen.

Sie gelten als der Gründer der Tafel. Wie kam es damals dazu?

Graßmann: Ich fragte 2004 den damaligen Oberbürgermeister Dieter Thalhammer, was er davon halten würde, in Freising eine Tafel zu gründen. Er fand das gut. Nach der Genehmigung einer Freisinger Tafel durch den Bundesverband Deutscher Tafeln konnten wir nach einigem Vorlauf am 1. Februar 2006 als Abteilung der Wärmestube hier in der Kammergasse mit der Warenausgabe beginnen. Im September 2006 gründeten wir dann den selbständigen Verein Freisinger Tafel.

Die große Kundenzahl bedeutet doch aber, dass im Vergleich zu früher die ganze Logistik umgestellt werden musste: Sie brauchen mehr Helfer, mehr Ware - ist der Aufwand inzwischen nicht riesig?

Bach: Der Aufwand ist größer geworden, ohne Frage. An den Zahlen sieht man die Entwicklung sehr gut: 2015 haben wir beispielsweise insgesamt 112 Tonnen Ware umgeschlagen, in diesem Jahr waren es bislang bereits 109 Tonnen, bis Ende des Jahres werden es wahrscheinlich etwa 150 Tonnen sein. Seitdem wir einen zweiten Ausgabetag haben, sammeln die Helfer dreimal in der Woche die Ware ein. Das bedeutet, dass auch die Helfer mehr Stunden investieren: 2015 waren es insgesamt 8200 Stunden. In diesem Jahr haben wir mit 8100 ehrenamtlichen Stunden diese Zahl bereits fast erreicht, insgesamt werden es bis Jahresende an die 11 500 Helferstunden werden. Allerdings haben wir gar nicht so viele Helfer mehr als früher. Derzeit sind es 60 aktive Mitglieder, die regelmäßig kommen, viele sogar zweimal in der Woche, manche auch dreimal - und zehn, die sporadisch auftauchen. Ohne diese fleißigen Leute würde es nicht laufen.

Herr Bach, Sie haben den Vorsitz vor etwa einem Jahr übernommen. Damals haben Sie die Umstellung auf EDV und eine Barrierefreiheit als Wunsch geäußert - was wurde daraus?

Bach: Die EDV-Geschichte haben wir realisiert. Die Erfassung und Auswertung läuft mittlerweile über Computer. Jetzt wollen wir noch unseren Internet-Auftritt neu gestalten. Die Barrierefreiheit dagegen ist leider nur schwer machbar. Das liegt auch an den räumlichen Begebenheiten - kurzfristig ist da leider nichts zu ändern. Schwerbehinderte Menschen ziehen wir deshalb immer aus der Warteschlange.

Welche Menschen kommen zu Ihnen?

Bach: 2016 sind gut die Hälfte unserer Kunden Asylbewerber und Flüchtlinge, etwa ein Viertel sind Empfänger von Hartz-IV oder einer anderen Unterstützung, von etwa 17 Prozent haben wir keine weiteren Angaben und nur etwa fünf Prozent - und das ist enttäuschend - sind Rentner.

Weshalb enttäuschend?

Bach: Es gibt bei uns im Landkreis sicher mehr Senioren, die bedürftig sind und Anspruch auf eine Unterstützung durch uns hätten.

Graßmann: Viele alte Menschen schämen sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen und mit sehr wenig zurechtzukommen.

Gibt es auch Probleme?

Bach: Wir hatten im Februar, als sehr viele Flüchtlinge zu uns kamen, eine Schlange über den ganzen Parkplatz und eine Wartezeit von bis zu zwei Stunden. Zu Beginn gab es auch eine fürchterliche Drängelei, da die Flüchtlinge aus ihren Erfahrungen heraus dachten, nur wer ganz vorne steht, bekommt etwas. Damals wurden sicher auch viele alte Menschen verschreckt. Inzwischen hat sich die Situation aber wieder entspannt. Wir haben inzwischen am Donnerstag einen Türsteher, der darauf achtet, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig in der Ausgabe sind.

Andere Tafeln haben sich dazu entschieden, keine Ware an Flüchtlinge auszuteilen. Wurde das in Freising auch diskutiert?

Graßmann: Wenn jemand zu uns kommt und etwas braucht, dann bekommt er auch etwas von uns. Insofern wurde das nie ernsthaft diskutiert. Wir waren uns schnell einig, dass wir diese alte Linie weiterführen.

Bach: Im März war die Situation allerdings so, dass wir wussten, wir müssen die Bremse ziehen. Damals waren auf einen Schlag 170 Neukunden bei uns, nachdem in der Unterkunft in der Steinkaserne der Caterer abgezogen wurde. Auch die Unterkünfte in Zolling und Langenbach hätten für uns eine Verdoppelung der Kundenzahl bedeutet. Wir haben uns entschlossen, einen zweiten Ausgabetag einzuführen. Seitdem beschränken wir die Neuaufnahme von Asylbewerbern auch auf Familien.

Die Ware reicht aber trotz der gestiegenen Kundenzahl?

Graßmann: Die Unterstützung ist insgesamt sehr groß. Eine Rolle spielt auch die Spendenbereitschaft vieler regionaler Geschäfte, Institutionen und Discounter.

Bach: Viel mehr Besucher können wir aber nicht mehr verkraften: 350 Kunden wären noch zu schaffen, dann erreichen wir allmählich unsere Grenzen.

Sie erfahren im Landkreis große Unterstützung. Gibt es dennoch einen Wunsch?

Bach: Ein paar zusätzliche Helfer wären sehr schön. Und größere Liegenschaften - andererseits aber ist die derzeitige zentrale Lage ideal.