Freisinger in Berlin:Strampeln statt fliegen

Fahrradprotesttour "Ohne Kerosin nach Berlin", V.l. Jakob Voerkelius, Till Reuter und Samuel Arndt aus Freising vor dem Brandenburger Tor

Jakob Voerkelius, Till Reuter und Samuel Arndt (von links) aus Freising vor dem Brandenburger Tor.

(Foto: Privat)

Drei Freisinger Klimaaktivisten haben an der bundesweiten Fahrradprotesttour "Ohne Kerosin nach Berlin" teilgenommen

Von Thilo Schröder, Freising/Berlin

Freisinger Klimaaktivisten haben sich an der bundesweiten Fahrradprotesttour "Ohne Kerosin nach Berlin" (OKNB) beteiligt. Am 21. August sind sie in der Domstadt gestartet, nach mehreren Etappen am vergangenen Dienstag, 7. September, nun in der Hauptstadt angekommen. Initiiert haben die Demo mit sechs verschiedenen Routen aus allen Landesteilen die Students for Future Deutschland. Die Aktion dauert bis diesen Freitag an. Ziel ist es demnach, vor der anstehenden Bundestagswahl auf die Klimakrise und die politische Inaktivität in Bezug auf sie aufmerksam zu machen. Jakob Voerkelius, Till Reuter und Samuel Arndt von der Freisinger Ortsgruppe von Fridays for Future berichten von dem Konzept, von ihren Erfahrungen und warum es ihrer Ansicht nach keine Kurzstreckenflüge braucht.

Till Reuter, 21:

"Mit unserer Radltour wollen wir protestieren gegen Inlandsflüge, für die Verkehrswende, für einen Strukturwandel. Wir wollen zeigen, dass man mit einem Fahrrad viel erreichen kann, dass Muskelkraft einen weit bringt und es eine ganz große Mobilitätswende braucht. Wir stehen für das 1,5-Grad-Ziel und wollen mit viel Signalwirkung deutschlandweit zeigen, dass wir eine neue Politik brauchen. Weil wir uns mitten in der Klimakrise befinden, die auf lange Sicht Hitzewellen und Hungersnöte mit sich bringt, Menschen verlieren ihre Heimat. Die aktuelle Politik steuert auf dieses Ziel nicht hin. Es war uns wichtig, den Menschen, denen wir begegnet sind, mitzuteilen, dass es da einen großen Wandel braucht und wir bei der Bundestagswahl am 26. September viel verändern können und müssen für eine bessere Klimapolitik.

Wir sind viel durch ländliche Gebiete gekommen. Da die meisten Aktivistinnen und Aktivisten aus Großstädten kommen, wollten wir das auch in kleine Dörfer bringen. Unsere Tour begann in Nürnberg, wir sind aber direkt in Freising losgefahren. Von einem Zubringer in München sind wir dann mit ungefähr zehn Leuten gestartet. Insgesamt waren etwa 50 vorwiegend junge Leute dabei. Von Nürnberg ging es über Coburg, Erfurt, Jena, Halle, Magdeburg und Potsdam nach Berlin - grob gesagt, es waren 13 Etappen über 16 Tage inklusive drei Pause-Tagen. Speziell erwähnen möchte ich Gießübel, ein Dorf mitten im Thüringer Wald, weil es da übel geregnet hat. Jeder Meter der Tour war als Demo angemeldet, damit wir auf der Straße fahren können. Entsprechend hatten wir durchgehend Polizei-Begleitung und durften uns jederzeit politisch äußern.

Geschlafen haben wir meistens in Zelten, etwa auf Vereinsplätzen, bei Naturfreundehäusern oder auf Bauernhöfen, wo man uns sanitäre Anlagen und Steckdosen gestellt hat; in Potsdam und hier in Berlin gibt es ein großes Klimacamp. Gekocht haben wir meistens selbst und immer vegan. Die Zutaten haben wir zu großen Teilen von lokalen Foodsharing-Initiativen bekommen. Das Equipment hatten wir in einem begleitenden E-Transporter, den wir nachts aufgeladen haben."

Samuel Arndt, 21:

"Meistens sind wir zwischen 7 und 9 Uhr aufgestanden. Dann gab es Frühstück in der Gruppe, wir haben die Zelte gepackt und den Transporter beladen. Während der Etappen gab es Trinkpausen und eine Mittagspause, da haben wir das Foodsharing-Essen gegessen oder an Supermärkten Halt gemacht. Je nach Tour sind wir zwischen 30 und 100 Kilometer gefahren, mal flacher, mal bergiger, vor allem im Thüringer Wald war es ziemlich bergig.

Auf der Fahrt haben wir viele Leute getroffen, die meisten haben uns gegrüßt. Es haben sich auch einige Gespräche ergeben. Manchmal gab es Kundgebungen. Einige Menschen waren genervt von den Staus, die wir verursacht haben, einzelne auch ablehnend eingestellt. Abends gab es manchmal Workshops, etwa einen Improvisationstheater-Workshop in Halle oder einen Antirassismus-Workshop. Vieles war im Voraus organisiert, den Rest habe wir basisdemokratisch entschieden. An den Pause-Tagen sind viele ins Schwimmbad gegangen, haben Wäsche gewaschen, Kraft getankt. Die Gruppendynamik würde ich als sehr offen und kommunikativ, sehr solidarisch beschreiben. Die meisten kannten davor nur ein paar Freunde, mit denen sie da waren, man hat also viele neue Leute kennengelernt."

Jakob Voerkelius, 21:

"OKNB fordert ein Umdenken in der Verkehrspolitik, Kurzstreckenflüge sind absolut ersetzbar, es soll deutlich mehr in Radinfrastruktur investiert werden, damit man sich in der Stadt auch gut mit dem Rad fortbewegen kann. Die Menschen, mit denen wir geredet haben, haben wir aufgefordert, wählen zu gehen. Es ist unglaublich wichtig, wählen zu gehen. Auch wenn keine Partei bisher ein Programm vorgelegt hat, mit dem das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden kann, gibt es doch deutliche Unterschiede bei den Ideen, wie zumindest ein Teil der Klimaziele erreicht werden kann. Wir rufen auch dazu auf, sich uns beim Globalen Klimastreik am 24. September anzuschließen, in Freising um 13.30 Uhr am Marienplatz"

© SZ vom 10.09.2021
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