Wer den Freisinger Mariendom betritt, den umfängt erst einmal Stille. Keine Spur von der Großbaustelle, die draußen auf dem Domberg lärmt. Doch dann dringen auch hier Hammergeräusche nach oben - in der Krypta ist Hochbetrieb. Hinter einen Plastikvorhang eröffnet sich eine Welt, die wenig mit der Atmosphäre im Dom darüber zu tun hat: Kabel schlängeln sich durch den gesamten Raum, der Boden ist mit Plastikplanen bedeckt, überall liegt Werkzeug.
Seit über einem Jahr sind die Restaurierungsarbeiten in der Krypta und der barocken Maximilianskapelle im Gange. Die Geschichte der Krypta geht weit zurück - errichtet wurde sie zwischen 1159 und 1161 nach dem Dombrand. Etwa vierzig Jahre später, im Jahr 1205, wurde die Gruft eingeweiht, nun befinden sich dort der Steinsarkophag des Heiligen Korbinian und der Korbiniansschrein sowie die Reliquien weiterer Heiliger.


Lange Zeit passierte beim Thema Restaurierung gar nichts - laut Domrektor Marc-Aeilko Aris fand die letzte Renovierung der Krypta im Jahr 1856 statt. Dafür wird jetzt umso mehr investiert: Der Löwenanteil der zwei Millionen Euro, die im vergangenen Jahr in die Großbaustelle Domberg flossen, steckt in dem unterirdischen Projekt.
Das Meiste ist laut Projektleiter Richard Sicker vom Staatlichen Bauamt schon geschafft: Es fehlten nur noch kleinere Ergänzungen an Boden, Wänden und Sockeln sowie eine finale Reinigung der Krypta. "Die wird fertig", versichert Sicker - pünktlich zur Eröffnung der Bayerischen Landesausstellung im Mai.



Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das Kreuzgewölbe der Krypta erstrahlt in reinem Weiß, auch die Säulen sind blitzsauber. Domrektor Aris erinnert sich noch an ganz andere Zeiten: Vor der Restaurierung hatte der Ruß der Kerzen sämtliche Decken, Wände und Säulen bedeckt. "Die Kapelle wirkt wie ein Kamin für den Ruß", so Aris. Er habe selbst einmal mit einem nassen Schwamm über eine kleine Stelle gewischt und sei erstaunt gewesen, dass sich darunter eine helle Oberfläche befand, erzählt der Priester lachend.
Genau aus diesem Grund ersetzen LED-Leuchten nun einen Großteil der Kerzen in der Krypta. Doch das ist nicht die einzige Veränderung: Die Altäre, die vorher den Raum schmückten, sind ebenfalls verschwunden. Richard Sicker zufolge sollen auch nicht alle davon zurückkehren. Eines der großen Ziele der Krypta-Restaurierung sei es, den Raum zu leeren, damit er besser auf die Besucher wirken könne. Andreas Kronthaler, Leiter des Staatlichen Bauamtes, bestätigt dies und verrät das zentrale Leitbild für die Arbeiten - Stimmigkeit.
Wie wichtig dieses Prinzip für alle Beteiligten ist, zeigt sich hinter einem weiteren Plastikvorhang am hinteren Ende der Krypta. Dieser führt in die Maximilianskapelle, in der drei Restauratorinnen an eindrucksvollen Wandbildern arbeiten. Mit feinsten Pinselstrichen entstehen hier Teufelsfratzen, Heiligenporträts und viele weitere Kunstwerke. "Jeder Handwerker hat seine eigene Handschrift", betont Kronthaler.
Deshalb arbeiteten bei den Restauratoren nie mehrere Menschen gleichzeitig an einem Ausschnitt, jeweils eine Person kümmere sich um einen Teilabschnitt. Selbst kleine Abweichungen in der Arbeitsweise fielen beim Endergebnis auf, so der Behördenleiter. Dies beeinflusse das allgegenwärtige Ziel der Stimmigkeit.

Angelika Porst, Fachbauleiterin und eine der drei Restauratorinnen, die gerade in der Kapelle arbeitet, lässt den Pinsel sinken und ergänzt, dass ihre Arbeit generell sehr intensiv sei. Erschwert werde dies in der Maximilianskapelle dadurch, dass Feuchtigkeit die Wandbilder beschädigt habe.
Die erste Frage, die sich in solchen Fällen stelle, sei "rekonstruieren oder ergänzen?". In ihrem Fall stützt sich Porst dabei auf nicht-visuelle Hilfsmittel: Ein alter Text, in dem das Wandbild beschrieben wird, ist ihre Arbeitsgrundlage.

Zurück in der Krypta in einem Gruftraum. Dort zieht Sicker auf einmal einen Backstein aus der Wand. Stolz präsentiert er die neueste Entdeckung auf der Baustelle: eine alte Grablege, in der ein Steinmetz neben Gebeinen auch Teile eines alten Sarkophags fand. Andreas Kronthaler vermutet, dass sich in den Wänden noch weitere solcher Grabstätten befinden. Zur Landesausstellung im Mai wird dieser Fund aber noch nicht zu besichtigen sein: "Wir lassen uns Zeit", um den ganzen Raum in Ruhe erforschen zu können, sagt er.
An spektakulären Entdeckungen mangelt es in der Krypta des Mariendoms nicht. Bei der Frage, was der bisher spannendste Fund gewesen sei, lautet die einstimmige Antwort: ein Wandgemälde aus der Zeit um 1300, das den Christuskopf auf dem Schweißtuch der Veronika zeigt. Auch dieses Kunstwerk wurde, wie beim ganzen Projekt Krypta, mit Sorgfalt wiederhergestellt. "Historisch informiert restaurieren" lautet der Leitsatz von Domrektor Aris.

