Birgit Spadi unterstützt gemeinsam mit einer Kollegin in der Beratungsstelle Wohnungserhalt der Stadt Freising Menschen, die von Wohnungsverlust bedroht oder bereits betroffen sind. Für diese bietet die Stadt nun eine Schulung unter dem Titel „Fit für die eigene Wohnung“ an, um ihre Chancen auf dem öffentlichen und privaten Mietmarkt zu verbessern. Teilnehmen können auch Menschen, die einen Wohnberechtigungsschein haben und eine Sozialwohnung suchen.
SZ: Wie läuft es denn mit „Fit für die eigene Wohnung“? Gibt es viele Interessenten?
Birgit Spadi: Wir hatten bislang nur eine interne Schulung im Oktober, das war so eine Art Probelauf mit ausgesuchten Teilnehmenden – beispielsweise aus der Notunterkunft. Wir wollten wissen, was wir noch modifizieren müssen.
Was passiert in den Schulungen genau, was wird vermittelt?
Es handelt sich um ein niedrigschwelliges Angebot. Ziel ist, dass unsere Klienten am Wohnungsmarkt andocken können. Wir vermitteln in verschiedenen Einheiten Wissen rund um das Thema Wohnen und Mieten. Viele unserer Klienten wissen beispielsweise gar nicht, über welche Kanäle sie freie Wohnungen finden können und was die Abkürzungen im Inserat bedeuten. Oder dass sie als Mieter Rechte, aber auch Pflichten haben und welche das sind. In Rollenspielen wird den Teilnehmern vermittelt, wie Telefongespräche richtig geführt werden und wie man sich bei einer Wohnungsbesichtigung verhalten soll. Ein selbstbewusstes Auftreten, eine klare Kommunikation sind da wichtig. Die Teilnehmer bekommen viele Infos – und ein Verhaltenstraining.
Die Schulung basiert auf dem Neusässer Konzept? Können Sie das kurz erklären?

Das Neusässer Konzept wurde 2015 entwickelt, Anlass war die damalige Flüchtlingswelle. Damals kamen sehr viele Menschen nach Deutschland und es war bald klar, dass denjenigen mit Bleiberecht beim Thema Wohnungssuche etwas an die Hand gegeben werden muss. Alltägliche Dinge wie die Mülltrennung oder Brandschutz sind vielen Flüchtlingen ja unbekannt. Wir haben das Konzept für uns modifiziert. Es soll Migranten und deutschen Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe geben und ihr Selbstvertrauen stärken. Und es soll Vorurteile und Bedenken abbauen – bei Mietinteressierten ebenso wie bei den Vermietern. Faire Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu haben, ist das eine große Ziel, zukünftig prekäre Mietverhältnisse zu verhindern, ein anderes.
Öffentlich geförderter Wohnraum ist in Freising sehr knapp. Laut der Stadt Freising beträgt die Wartezeit für eine Sozialwohnung zwei Monate bis sieben Jahre. Haben manche nach einer so langen Zeit nicht schon resigniert?
Das ist definitiv ein Problem. Es gibt leider nicht so viele Sozialwohnungen wie eigentlich notwendig. Vor allem große Wohnungen, also für fünf- oder sechsköpfige Familien, sind sehr rar und Wartezeiten daher oft lang. Das sorgt immer wieder für Frustration. Aber wir können leider nichts vergeben, was wir nicht haben. Ganz wichtig ist in solchen Fällen die Präventionsarbeit, wir versuchen, die Abwärtsspirale zu stoppen. Eine zu kleine Wohnung ist immer noch besser als die Notunterkunft. Wir haben in unserer Beratungsstelle pro Jahr etwa 80 bis 90 Fälle mit drohendem Wohnungsverlust, meistens können wir eine Wohnungslosigkeit verhindern. Ein Wohnungsverlust ist fatal – und in einer Notunterkunft zu leben, sicher frustrierender als auf beengtem Wohnraum.
Es gibt keine oder kaum bezahlbare Wohnungen in Freising – der Wohnungsmarkt ist sehr angespannt. Kann eine Schulung da helfen?
Das Angebot an bezahlbaren Wohnraum in der Stadt entspricht nicht dem Bedarf. Ein Grund dafür ist die Nähe zu München und dem Flughafen mit vielen Jobs im Niedriglohnsektor. Außerhalb des Speckgürtels ist das einfacher, dort gibt es größere Chancen, eine Wohnung zu finden. Das könnte für jemanden, der nicht unbedingt in Freising bleiben muss, auch eine Option sein. In der Schulung wollen wir unsere Klienten stärken, ihnen Selbstwirksamkeit vermitteln. Defizite sollen so vermindert werden. Sie werden für ihr eigenes Verhalten sensibilisiert, sie lernen, ihre Kommunikation, ihren Umgang mit anderen Menschen zu reflektieren. Es gibt ihnen viel Selbstvertrauen, wenn sie wissen, worauf es bei Gesprächen mit potenziellen Vermietern oder Wohnungsbesichtigungen ankommt.
Sie haben vorhin schon die Vermieter angesprochen: Auch ihnen sollen mithilfe der Schulung Vorurteile und Bedenken genommen werden. Funktioniert das denn mit einem Teilnahmezertifikat, das ihnen bei Wohnungsbewerbungen vorgelegt wird?
Ich denke schon. Es ist ja nicht nur das Teilnahmezertifikat, sondern in der Schulung wird auch besprochen, welche Unterlagen für eine Besichtigung wichtig sind. Die Teilnehmenden sind gut vorbereitet - und alleine das zeigt schon Wirkung.

