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Mieterqualifizierung:Hilfe bei der Wohnungssuche

Die Wohnungssuche in Freising ist schwierig, schon Studenten haben es schwer. Für Flüchtlinge scheint die Lage oft aussichtslos. Die Mieterqualifizierung soll helfen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bei der Mieterqualifizierung des Landratsamts werden die Teilnehmer fit für den Wohnungsmarkt gemacht. Flüchtlinge wie Masoume Rezai haben bei der Suche nach einer Bleibe oft einen schweren Stand.

Eng aneinandergedrängt sitzt die Familie auf einem der Kinderbetten, bestehend aus einer dünnen Matratze und einem einfachen Aluminiumgestell. Sie haben zwei kleine, weiße Tische zu einem gemeinsamen Esstisch umfunktioniert, auf dem jetzt ein selbstgebackener Kuchen, eine Schüssel voller Süßigkeiten und mehrere Tassen Tee stehen. Kinder und Eltern lachen viel, während sie dort sitzen.

Dieser Anflug von Gemütlichkeit kann aber nur schwer darüber hinwegtäuschen, dass die vier Familienmitglieder sich das schlichte Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft am Rande Moosburgs teilen, ohne eigenes Bad. Sie wollen umziehen, Mutter Masoume Rezai hat kürzlich an der Mieterqualifizierung des Landratsamtes teilgenommen und hofft, dass das der Familie bei der Wohnungssuche hilft.

Auf das Angebot aufmerksam geworden ist Rezai durch die Betreuerin der Familie. Die Afghanin ging daraufhin zum Landratsamt und meldete sich an, einmal die Woche nahm sie im April an der Mieterqualifizierung teil, nach erfolgreichem Abschluss bekam sie ein Zertifikat. "Mama weiß jetzt, wie man Müll trennt", ruft der siebenjährige Irfan dazwischen. "Und ich weiß es auch!" Aufgeregt fängt er an, die unterschiedlichen Kategorien aufzuzählen. "Restmüll, Biomüll." Er kommt ins Stocken, denkt kurz nach. "Papier und Glas", ergänzt sein älterer Bruder Alireza stolz.

Inserate richtig lesen und kulturelle Gräben überwinden

"Die Kurse sind in drei Module unterteilt", erklärt Silvia Flenner das Konzept der Mieterqualifizierung. Sie ist im Landratsamt für die Übergangsberatung für Flüchtlinge zuständig und organisiert den Kurs. Im ersten Modul, sagt sie, ginge es um eben die Dinge, die Irfan angesprochen hat: Ordnung, Sauberkeit, Mülltrennung, Heizen, Lüften, Energiesparen. "Im zweiten Teil geht es um die eigentliche Wohnungssuche." Dort lernen die Teilnehmer zum Beispiel, wie man im Internet sucht und Inserate liest. "Schon bei für uns üblichen Bezeichnungen wie ZKB, Zimmer Küche Bad, tauchen bei vielen Teilnehmern Probleme auf", sagt Flenner.

In den letzten Sitzungen der Mieterqualifizierung geht es dann ans Eingemachte: Die Wohnungsbesichtigung. "Hier geht es auch um kulturelle Aspekte wie das Händeschütteln. In einigen Ländern ist es nicht üblich, dass Frauen fremden Männern die Hand geben", weiß Flenner aus Erfahrung. "Wir erklären ihnen, dass das hier als unhöflich empfunden wird und ihre Chancen verschlechtern könnte." In Rollenspielen lassen Flenner und ihre Kollegen die Kursteilnehmer gute und schlechte Beispiele durchspielen. Auch Masoume Rezai hat so zum Beispiel gelernt, dass man bei einem Besichtigungstermin mit einer Bewerbungsmappe und der ganzen Familie auftauchen sollte. Die 30-jährige Afghanin weiß jetzt auch, was sie bei den Anschreiben auf Inserate immer falsch gemacht hat. "Ich habe sehr lange Texte geschrieben und alles Mögliche erzählt. Dabei hat kein Vermieter Zeit, das zu lesen", bemerkt sie lachend. Sie hofft, mit dem Zeugnis der Mieterqualifizierung bessere Chancen bei der Bewerbung zu bekommen.

"Wenn ich schreibe: Afghane, Flüchtling, bin ich direkt raus"

"Es ist schwierig, viele Vermieter haben Angst vor Flüchtlingen", glaubt ihr Mann Hassan Anmadi, sein Blick trübt sich. Seit vier Jahren ist die Familie in Deutschland, fast so lange schon in Moosburg, sie fühlt sich langsam angekommen. Irfan und Alireza gehen hier zu Schule, spielen Fußball im Verein, die Familie hat Freundschaften geschlossen. Trotzdem bleibt die Wohnungssuche schwer, bisher haben Rezai und Anmadi kaum Rückmeldungen bekommen und hatten nur eine Wohnungsbesichtigung, obwohl sie schon lange suchen und seit drei Jahren einen Antrag auf Sozialwohnungen gestellt haben. "Ich glaube, wenn ich schreibe: Afghane, Flüchtling, dann bin ich oft direkt raus", bemerkt Anmadi. Dabei hat er seit zwei Monaten einen Arbeitsvertrag, er arbeitet in einer Druckerei, und hat oft Nachtschicht. Seine Arbeitszeiten stören den Rest der Familie, seine Frau Rezai hat Migräne und oft damit zu kämpfen, mit Mann und Kindern im selben Raum zu schlafen. "Zwei oder drei Zimmer, mehr brauchen wir doch gar nicht", sagt sie.

Silvia Flenner rechnet der Familie ganz gute Chancen bei der Wohnungssuche aus. "Die Familie ist gut integriert, spricht gut Deutsch, und Frau Rezai kann toll schreiben", schwärmt sie. Nichtsdestotrotz kennt Flenner die für Flüchtlinge schwierige Situation im Landkreis - und sie kann den Eindruck Anmadis, dass Vermieter teils Vorbehalte haben, teilen. "Es kommt immer wieder vor, dass wir Vermieter auflaufen lassen, weil sie uns schon in ihrer Anfrage sagen: Bitte niemand mit Kopftuch oder anderer Hautfarbe." Auf so etwas ließen sie und ihre Kollegen nicht ein.

Pro Monat laufen bei ihnen ein bis zwei Angebote von Wohnungsbesitzern ein, die die Übergangsberatung an Flüchtlinge weitervermittelt. "Die Angebote sind aber nicht immer zumutbar, es sind meist Objekte, die auf dem freien Wohnungsmarkt kaum Aussicht auf Erfolg haben", bemerkt Flenner. 17 Teilnehmer haben die Mieterqualifizierung des Landratsamtes bisher durchlaufen, drei von ihnen haben mittlerweile eine Wohnung gefunden. Masoume Rezai und ihre Familie gehören noch nicht dazu, sie sucht weiter und hofft auf baldigen Erfolg.

© SZ vom 21.05.2019/lada
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