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Freisinger Wildtierbiologin:"Wir Forscher sind wie Detektive unterwegs"

Mit einer Telemetrieantenne kann Wibke Peters mit Sendern ausgestattete Rehe orten.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wissenschaftlerinnen wie Wibke Peters nutzen modernste Methoden - und sehen die Umgebung einer Gämse quasi durch deren Augen. Das liefert Daten für das Wildtiermanagement.

Interview von Katharina Aurich, Freising

Das Wildtiermanagement ist eine relativ junge, praxisorientierte Wissenschaft, in der Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen wie Wildtierökologie, Naturschutz, Biologie oder Forst- und Landwirtschaft zusammenfließen. Zur Lösung praktischer Fragestellungen zu Wildtieren stützt sich das Management auf wissenschaftliche Grundlagen. Für die Wildtierbiologin Wibke Peters ist es ein Glücksfall, dass es diesen großen und wachsenden Aufgabenbereich gibt, der die Bedürfnisse von Wildtieren sowie die Ansprüche von Menschen zusammenbringt. Dazu kommen seit einigen Jahren die Auswirkungen des Klimawandels, da sich alle Lebensräume aufgrund steigender Temperaturen spürbar verändern.

SZ: Was sind die Ziele des Wildtiermanagements?

Wibke Peters: Grundsätzlich versucht das Wildtiermanagement die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen und frei lebenden Tieren in Einklang zu bringen und dafür Fakten zu liefern. Die Gesellschaft gibt die Fragestellungen vor und wir überlegen, wie wir die notwendigen Daten gewinnen können, um darauf fundierte Antworten zu geben. Manchmal müssen Populationen geschützt werden, manchmal bedarf es einer Reduktion oder die Tiere können durch die Jagd nachhaltig genutzt werden.

Wie erhalten Sie Informationen über die Tiere?

Nicht nur durch die direkte Erfassung erhalten wir Informationen, wie viele Tiere vorhanden sind und wie es ihnen geht, sondern auch durch sogenannte Weiser. Dazu zählt der Kot der Tiere, in dem spannende Informationen über das Erbgut oder über Stresshormone stecken oder auch Hinweise über die Nahrungszusammensetzung. Weitere wichtige Informationen liefern Fotofallen, die in den Lebensräumen der Wildtiere platziert werden. Infrarotsensoren lösen die Kamera aus, wenn sie die Körperwärme vorbeiziehender Tiere erfassen, die sich quasi selbst fotografieren. Wir Forscher sind wie Detektive unterwegs und sammeln möglichst viele Indizien.

Mit welche Projekten befassen Sie sich aktuell?

Derzeit haben wir verschiedene Projekte, insbesondere zu Schalenwildarten - das ist die jagdliche Bezeichnung für Paarhufer wie Rot-, Reh-, Elch- oder Gamswild, deren Hufe Schalen genannt werden. Ein großes Projekt läuft im Moment im Karwendelgebirge und im Chiemgau, wo wir unter anderem untersuchen, wie hoch die Anzahl von Gams-, Rot- und Rehwild ist. Wie viele Tiere in einem Gebiet leben, scheint zunächst eine triviale Frage zu sein, erfordert jedoch sehr spezielle Methoden, wenn man es genau wissen möchte. Dafür nutzen wir genetische Ansätze. Ein weiteres Projekt zur Gamstelemetrie läuft ebenfalls im Karwendel. Dabei untersuchen wir, wie sich beispielsweise der Tourismus auf das Verhalten des Gamswildes auswirkt.

Wie erfahren Sie, wie sich diese scheuen, flinken und geländegängigen Tiere verhalten?

Während man früher die Tiere meist nur durch das Fernglas beobachten konnte, sind wir heute viel weiter und können quasi die Umgebung durch die Augen der Tiere sehen. Dazu erhalten sie besondere Halsbänder mit einem GPS-Sender, der uns in Abständen von wenigen Minuten bis zu Stunden genaue Positionsdaten vom Standort des Tiers auf den PC schickt. Die Tiere bewegen sich beispielsweise entlang der "grünen Welle" dahin, wo die Vegetation nach und nach im Frühjahr ergrünt. Diese Daten werden dann mit anderen Faktoren wie der Temperatur oder Weisern für die Nahrungsqualität verknüpft.

Wie fängt man eine Gämse und stattet sie mit einem Halsband aus? Und wie wird das Band wieder entfernt?

Die Gams bewegt sich ja gern in Lebensräumen, die für uns Menschen schwierig zu erreichen sind - in steilem und unwegsamem Gelände. Wir müssen hier in die wildbiologische Trickkiste greifen und nutzen Fallensysteme. Besonders bewährt haben sich Netzfallen. Diese werden von uns zum Beispiel um Salzlecken, welche Gämsen vor allem im Frühjahr nach dem langen Winter gerne aufsuchen, aufgebaut und manuell vor Ort ausgelöst. Das dabei verwendete weiche Netz wird wie eine Art Wand hochgezogen und die Gams wird darin schonend gefangen. Wir sind bei jedem Einsatz der Falle dabei und sofort bei einem gefangenen Tier, um es professionell zu versorgen. Wir müssen die Tiere nicht narkotisieren, um ihnen das Senderhalsband anzulegen. Wir nutzen lediglich einen Sichtschutz, denn wenn die Augen der Gämsen abgedeckt sind, werden sie ruhig. Der Eingriff dauert keine fünf Minuten und das Tier sammelt länger als ein Jahr Daten für uns. Sobald die Batteriespannung nachlässt, wird das Senderhalsband per Fernbedienung abgelöst und wir können es bergen und wiederverwenden.

Dasselbe wird auch in einem Projekt mit dem Rehwild gemacht?

Bei diesem Projekt fangen wir die Rehgeißen, statten sie ebenfalls mit Sendern aus und beobachten, wo sie ihre Kitze "setzen", also wo diese geboren werden. Wir können auf den Tag genau herausfinden, wann die Tiere ihre Kitze bekommen. Diese Information ist insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels sehr spannend. Mit dem besseren Verständnis des Setzgeschehens möchten wir unter anderem das Risiko des Mähtods von Rehkitzen in Grünlandflächen reduzieren. Junge Rehkitze flüchten nämlich nicht, wenn sich das Mähfahrzeug nähert, sondern drücken sich in den ersten sechs bis acht Wochen bewegungslos auf den Boden. Dieses "Unsichtbarmachen" schützt die Tiere zwar sehr wirksam vor ihren Fressfeinden, beim Mähen wird ihnen dieses Verhalten aber zum Verhängnis.

Wie beeinflusst der Klimawandel das Verhalten der Tiere?

Wir alle merken, dass sich unser Klima verändert, es wird spürbar wärmer. Gämsen zum Beispiel, die eher in den hohen Lagen vorkommen und eine bestimmte Umgebungstemperatur im Sommer bevorzugen, können nur bedingt nach oben in noch höhere und kühlere Regionen ausweichen. Die Frage ist daher, ob sie zukünftig bevorzugt auch tiefere Lagen im Wald nutzen werden. Unklar ist auch, wie sich die Nahrungsqualität in höheren Lagen verändern wird oder welche Auswirkungen mildere, aber stärker schwankende Witterungsbedingungen im Winter haben werden.

Der Tourismus in der Natur nimmt gerade jetzt in Corona-Zeiten zu. Was bedeutet das für das Wildtiermanagement?

Wichtig ist, die Erholungssuchenden zu sensibilisieren und auf Wildlebensräume aufmerksam zu machen. Dass Erholungssuchende auf den ausgewiesenen Wanderwegen bleiben sollten, ist leider nicht für alle selbstverständlich. Ich wünsche mir, dass wir mit unseren Projekten auch eine Wertschätzung für die Natur vermitteln können. Wenn jemand eine Getränkedose in den Wald wirft, ist das für die Natur so, als ob sie sie in ihr Wohnzimmer geworfen bekommt.

Kaum ein Thema polarisiert so sehr wie der Wolf...

Für den Wolf ist in Bayern das LFU (Bayerisches Landesamt für Umwelt) zuständig. Aber prinzipiell ist das Prädatorenmanagement ein typisches Betätigungsfeld für das Wildtiermanagement. Es gibt verschiedenste Interessengruppen mit zum Teil sehr diversen und verfestigten Meinungen - sie reichen vom Naturschützer, der sich über die zurückkehrenden Wölfe freut, bis hin zum Landwirt, der sich um seine Nutztiere sorgt. Wichtig ist vor allem eine sachliche und fundierte Information darüber, was es bedeutet, mit großen Beutegreifern zusammenzuleben. Welche Schutz- und Präventionsmaßnahmen stehen zur Verfügung und welche sind wann wirksam? Betroffene dürfen nicht allein gelassen werden. Eine Lösung wird es aber nur geben, wenn alle Beteiligten miteinander im Gespräch bleiben und fair miteinander umgehen. Das ist ein klassischer Fall für das Wildtiermanagement - ein Steuerungsprozess von Wildtieren und ihren Lebensräumen, zu denen in der Kulturlandschaft auch der Mensch gehört.

Welchen Stellenwert hat das Wildtiermanagement an der LWF?

Wir sind ein wachsender Bereich an der LWF und ich habe das Gefühl, dass unsere Arbeit wirklich wertgeschätzt wird. Ich fühle mich hier sehr wohl, gerade auch deshalb, weil ich mich mit sehr spannenden und wichtigen Fragen beschäftigen darf. Es ist auch ein großer Vorteil, dass wir hier am Campus mit der Fakultät Wald und Forstwirtschaft der TU München und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gut vernetzt sind. Dass unsere Arbeit positiv wahrgenommen wird, zeigt auch, dass sich bei uns in der Abteilung Biodiversität, Naturschutz und Jagd viele Studenten als Hilfskräfte, Praktikanten oder für Bachelor- oder Masterarbeiten bewerben.

© SZ vom 21.06.2021/vewo
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