Äpfel sogenannter Clubsorten wie Pink Lady kennt heutzutage vermutlich jeder. Die Früchte sind makellos, haben eine schöne rote Farbe, sehen immer gleich aus und werden in nahezu jedem Supermarkt verkauft. Dass es deutschlandweit aber mehr als 2000 verschiedene Apfelsorten gibt, ist kaum jemandem bewusst. Viele dieser Sorten sind weitgehend verschwunden, als die Landwirtschaft intensiviert wurde und man mehr auf den Ertrag schaute, als auf die Sortenvielfalt. Um zu retten, was zu retten ist, hat die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) ihre Obstwiese am Weihenstephaner Nordhang jetzt zu einem Streuobst-Lehrpfad aufgewertet und sie für Besucher zugänglich gemacht.
Die Mittel dazu stammen aus dem bayerischen Streuobstpakt, der 2019 nach dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ geschlossen wurde, wie Professor Dominikus Kittemann unlängst bei einer Führung für den Agenda-Arbeitskreis „Biostadt“ schilderte. Kittemann hat an der HSWT eine Forschungsprofessur für nachhaltige Produktionssysteme im Obstbau inne und hat sich den Waldlehrpfad an der Freisinger Plantage bei der Gestaltung des neuen Lehrpfads zum Vorbild genommen: „Für Kinder und verspielte Erwachsene“, sagt er.
Und so kann man an den Stationen des neuen Lehrpfads nicht nur Informatives lesen, sondern sich das Wissen auch erspielen oder zusammenpuzzeln. Es gibt Stationen mit Memory-Spielen und rollbaren Buchstaben, man kann die phänologischen Entwicklungsstadien von der Knospe bis zum fertigen Apfel über den Jahresverlauf nachvollziehen oder in einem Schiebespiel die verschiedenen Lebensräume für Insekten und Kleintiere erkunden. Denn im Hinblick auf Biodiversität und Ökosystemleistungen seien Streuobstwiesen mit bis zu 5000 verschiedenen Tier- und Pflanzenarten „Hotspots“, sagt Kittemann, und das wolle man erlebbar machen, aber fachlich interessant gestaltet.
Auch ein „grünes Klassenzimmer“ für Schulbesuche, Vorträge und Lehrveranstaltungen wurde deshalb gebaut, und wer will, kann sich für eine Pause auf einem der Hangsofas niederlassen – und sich zumindest im Herbst auch einen der Äpfel direkt vom Baum schmecken lassen. Erklärt werden die Sorten und ihre Unterlagen jeweils auf eigenen Schildern. Wildbienenhaus, Sandarium, Trockenmauern und Tothölzer geben zusätzlich Einblicke in die verschiedenen Lebensräume einer diversen Landschaft.



Zu dieser Jahreszeit muss man dabei auch nicht auf die Schafe achten, die sonst unter den Obstbäumen weiden – sie dürften die Äpfel nicht fressen und sind deshalb zur Erntezeit woanders untergebracht. Die Zusammenarbeit mit dem Schäfer funktioniere super, sagt Kittemann. Dieses System – oben Obst, unten Beweidung durch Schafe – sei vor etwa 100 Jahren etabliert worden, eine frühe Intensivierung der Landwirtschaft.
Der Begriff „Streuobstwiese“ leitet sich im Übrigen nicht, wie oft angenommen, davon ab, dass die Bäume ihr Obst verstreuen. Er bezieht sich vielmehr auf die früheren Landschaften mit ihren verstreut stehenden Obstbäumen. Die auf der Hangwiese gepflanzten Bäume sind Kittemann zufolge aber nicht wirklich alt. Die ältesten Exemplare wurden ungefähr 1970 gepflanzt und nach heutiger Definition würden sie wohl auch keine „richtige“ Streuobstwiese bilden, weil die Stämme zu niedrig sind.
„Das war eine Mostobstanlage, da wurde an Niederstämmen Mostobst produziert“ – mit der Ernte praktischerweise sozusagen auf Augenhöhe. Für die Unterstützung aus dem Streuobstpakt aber würden Hochstämme verlangt, die noch einmal einen ökologisch anderen Lebensraum böten. Um die Förderung nicht zu verlieren, habe man deshalb auf Schildern entsprechend aufgeklärt und hochstämmige Bäume nachgepflanzt, erläutert der Professor.

Klöster wie Weihenstephan haben in der Vergangenheit eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Obstbaus gespielt, der Beginn der obstbaulichen Lehre und Forschung aber kam erst nach der Säkularisation. Zuvor hatte bereits das Bildungsbürgertum den Obstbau für sich entdeckt: Apotheker, Pfarrer oder Ärzte, die sich als Pomologen damit beschäftigt haben – unter ihnen auch der bekannte „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner.
Heutzutage, auch das erfährt man auf dem neuen Lehrpfad, befassen sich Pomologen in erster Linie mit der Bestimmung von Apfelsorten – und das bedeutet mittlerweile auch, dass für Bäume genetische Fingerabdrücke angefertigt werden, Vaterschaftstests sozusagen. Und einer dieser Tests rüttelt nun ausgerechnet an der Geschichte vom „Korbiniansapfel“, einer Züchtung des Apfelpfarrers aus dessen Zeit als Häftling des Konzentrationslagers Dachau. Alle zuletzt mit den modernen Methoden getesteten „Korbininansäpfel“ hätten sich als eine norddeutsche Sorte namens Stina Lohmann erwiesen, so Kittemann: „Der echte ist möglicherweise verschollen.“

