Freising wandelt sich:Parken auf dem Friedhof

Im Konzept für die Sanierung der Freisinger Innenstadt haben sakrale Räume nicht mehr die Bedeutung, die sie früher einmal hatten. Eine Führung mit dem Kunsthistoriker Alexander Heise wird da zu einer ganz besonderen Spurensuche

Von Katharina Aurich, Freising

Die Stadt Freising entwickelt sich, überall wird gebaut. Man könne sich aber durchaus fragen, ob sich die Kirche aus der Stadtplanung zurückgezogen habe, sagte der Kunsthistoriker Alexander Heise am Samstag bei der Aktion "Walk und Talk", ein Stadtspaziergang unter dem Motto "Sakrale Räume im öffentlichen Raum". Gemeinsam mit Stephan Mokry, Referent für theologische Erwachsenenbildung der Dombergakademie, gab er den Teilnehmern viele Hinweise und fundierte Erläuterungen, um ihre Stadt mit anderen Augen zu sehen. "Wir machen eine Art Sehschulung, es gibt viel zu entdecken", sagte Mokry zu Beginn des rund zweistündigen Rundgangs am Samstagnachmittag von der Sankt Georgs Kirche bis zur Korbiniansbrücke. Städte und Dörfer seien von sakralen Räumen - Kirchen, Skulpturen, Reliefs geprägt - aber häufig würden sie gar nicht mehr wahrgenommen.

Die Idee dieser Stadtspaziergänge, die regelmäßig angeboten werden, entstand 2018 in Anlehnung an Kardinal Döpfner, der oft spazieren ging, um mit den Menschen in das Gespräch zu kommen. Die alten Strukturen würden in der Stadtplanung heute kaum noch eine Rolle spielen, bedauerte das Alexander Heisig. Ursprünglich befand sich rund um die Sankt Georgs Kirche der Friedhof, die Menschen besuchten ihre verstorbenen Angehörigen und gingen in die Kirche, um zu beten. Der Friedhof wurde dann ausgelagert und direkt neben der Kirche beginnt heute öffentlicher Grund mit eine Parkplatz und Gehwegen, es sei eine Art Hinterhofsituation für das Rathaus entstanden.

Im Konzept für die Sanierung der Freisinger Innenstadt spielten sakrale Räume offensichtlich keine Rolle mehr, stellte Heisig fest. Mit der Stilllegung des Friedhofs neben der Sank Georg Kirche sei aber etwas Substantielles verloren gegangen, bedauerte er. Früher hätten der Alltag der Menschen und kirchliche Rituale selbstverständlich zusammen gehört. Stephan Mokry erzählt, dass neben der Kirche eigentlich die Toten in der Hoffnung auf Auferstehung am jüngsten Tag ruhen würden. Jetzt befinde sich dort ein Parkplatz, man grabe die Stadt während der Sanierungsmaßnahmen auf und störe die Totenruhe, sagte er.

Alexander Heisig wies dann die Spaziergänger auf die Ornamente in einer kleinen Tür an der Rathausrückseite hin: Herz, Blume und Anker als Symbole für Glaube, Liebe und Hoffnung. Darunter befinden sich noch zwei Kreise als Symbole für Ringe. Dies sei das alte Brautportal, durch das früher die frisch Vermählten aus dem Rathaus in die Kirche gingen. Weiter ging es zur "Blickschulung", wie Mokry sagte, zum Bereich Rathaus und Marienplatz. Es lohne sich, die Bildwerke an den Häuserfassaden zu betrachten, denn sie erzählten von der Geschichte Freisings. Über dem Bürgerbüro wacht der Heilige Georg und im Stadtbild seien viele Madonnen zu sehen. Maria symbolisiere die Freisinger Frömmigkeit, so der Kunsthistoriker. Weiter ging die Tour zur Heiliggeistkirche, die seit ihrem Bau im 17. Jahrhundert keine Pfarrkirche sei, sondern ein Ort der inneren Einkehr. Einmal im Monat finde dort auch ein Gottesdienst statt.

Der Höhepunkt der Führung waren die Erläuterungen zu den Heiligenfiguren auf der Korbiniansbrücke. An ihnen gehen oder fahren täglich unzählige Menschen vorbei, die wenigstens werden sich fragen, warum auf einer städtischen Brücke Heiligenfiguren stehen. Aber das weltliche Freising hatte sich entscheiden, hier sieben Figuren aus der sakralen Geschichte der Stadt zu zeigen. Ins Auge fällt neben dem Heiligen Nepomuk, Otto von Freising und Bischof Korbinian besonders der Heilige Bonifaz von Bruno Wank, der als Mensch von heute mit Aktentasche oder Laptop unter dem Arm dargestellt ist. Bonifaz hatte nichts mit Freising zu tun, er war ein wichtiger Organisator, der die Kirchenstruktur in Deutschland aufbaute. Ein Zeichen für ein versöhnliches Miteinander des weltlichen und kirchlichen Freising.

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