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Deutschland als Wahlheimat:"Freising ist bunt"

Roya Klingner hat Deutsch, Persisch und Arabisch an der Volkshochschule unterrichtet, leitet das Sprachcafé und unterstützt hochbegabte Kinder.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Iranerin Roya Klingner, 49, lebt seit zwölf Jahren in Freising. Richtig angekommen ist sie in der Stadt über das soziale Engagement. Einfach war ihr Weg trotzdem nicht.

Von Francesca Polistina, Freising

Es gibt Menschen, die das soziale Engagement als alltägliche Aufgabe verstehen. Roya Klingner ist so einer. Von sich selbst sagt sie, sie sei gesellschaftlich aktiv, aber nicht politisch. Und zwar absichtlich: "Ganz bewusst habe ich mich von der Politik ferngehalten", sagt die Iranerin, die seit zwölf Jahren in Freising lebt. Das Mitmachen in Vereinen und interkulturellen Projekten habe ihr hingegen eine Tür geöffnet, dort habe sie die ersten Freundschaften hierzulande geschlossen. "Das war mein Weg, um in der neuen Stadt Fuß zu fassen", erzählt sie. Einfach war das trotzdem nicht. "Freising kam mir damals konservativ vor."

Roya Klingner ist 1970 im Iran geboren. Von ihrem Herkunftsland, das sie als "sehr gastfreundlich" beschreibt, habe sie positive sowie negative Erinnerungen, die sie bis heute prägen. "Die Revolution 1979 und der Erste Golfkrieg waren schreckliche Momente, worunter ich immer noch leide", sagt die 49-Jährige. Ein Teil ihrer Familie wohnt noch im Iran, und nein, die Situation sieht nicht gut aus. "Die US-Sanktionen führen dazu, dass die Lebenskosten steigen, und damit die Proteste", sagt Klingner. Die Sanktionen haben eine Auswirkung nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Wissenschaft und die Gesundheit. "Ein Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte", betont sie.

Die zweite Heimat von Roya Klingner heißt Österreich, oder besser: Wien. Dorthin ist sie 1986 aus familiären Gründen gezogen, dort lebte und studierte sie, vier Jahre lang Medizin, dann der Wechsel zur Pädagogik. Seit 2007 wohnt Klingner, Mutter einer Tochter, mit ihrem Mann in Freising. Wenn man sich über die interkulturellen Veranstaltungen in der Stadt informiert, stößt man immer wieder auf ihren Namen. Sie hat Deutsch, Persisch und Arabisch an der Volkshochschule unterrichtet, ist in der iranischen Gemeinde aktiv, leitet das Sprachcafé, das sich neu zugewanderten Eltern widmet. In der Freisinger Stadtbibliothek organisiert sie den "Miteinander reden"-Stammtisch, der einmal monatlich stattfindet und Nichtmuttersprachlern die Möglichkeit bietet, in einer lockeren Atmosphäre Deutsch zu üben. Auch als Malerin und Kinderillustratorin hat sie schon ausgestellt.

Sie will hochbegabte Kinder fördern

Ihr Lieblingsthema, und zwar das, was ihr wirklich am Herzen liegt, heißt aber: Hochbegabung. Als Kind besuchte Roya Klingner im Iran eine Schule für Hochbegabte, seitdem möchte sie ähnliche Kinder unterstützen und beraten, denn häufig, sagt sie, "haben solche Kinder Schwierigkeiten in den normalen Klassen oder in den Beziehungen". Deshalb gründete sie in München das "Global Center for Gifted and Talented Children", schrieb schon mehrere Bücher zum Thema und hält immer wieder Vorträge. Auf Anhieb wirkt das arrogant - ihr Ziel sei aber nicht, eine Elite zu schaffen, sondern anzuerkennen, dass manche Kinder "einfach anders geboren sind", sagt sie.

Wenn man Roya Klingner nach ihrer Anfangszeit in Freising befragt, antwortet sie direkt. "Ich kam aus Wien, einer großen und weltoffenen Stadt", sagt sie. Das Ankommen sei nicht einfach gewesen, Freising wirkte "geschlossen". Zwölf Jahre später habe sich aber vieles geändert: "Freising ist heute deutlich offener und toleranter geworden, es gibt mehr Akzeptanz", betont die 49-Jährige. Handlungsbedarf gebe es vor allem in den Schulen. "Dort passieren immer noch Fälle von Mobbing gegen ausländische Kinder oder Fremdenfeindlichkeit. Es gibt außerdem Diskussionen, ob die Kinder miteinander in der Schule ihre Muttersprache sprechen dürfen". Laut Klingner sollte man diese Fällen mit Lehrerfortbildungen und Aktionsveranstaltungen begegnen. Denn: "Freising ist bunt."

© SZ vom 28.12.2019/FPOL

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