bedeckt München
vgwortpixel

Freising:Von Profisportlern fürs Leben lernen

Life-Kinetik-Experte: Bernhard Winkler jongliert an der Mittelschule Neustift in Freising.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Projekt "SV Zukunft" versucht, durch Vorträge und Übungen von Athleten Jugendlichen bei der Persönlichkeitsentwicklung zu helfen und ihnen Wege aufzuzeigen, über die sie ihre Träume und Ziele erreichen können

In dem Raum, in dem noch vor wenigen Minuten rumgealbert und getuschelt wurde, ist es jetzt ganz still. Keiner redet, weil keiner etwas verpassen will. "Manchmal", sagt Bernhard Winkler, "muss man auch einen Schritt zurückgehen, um dann zwei nach vorne machen zu können. Ihr könnt nicht einfach mit dem Finger schnippen und dann habt ihr alles erreicht." Diese Nachricht ist nicht unbedingt etwas Neues für die 16 Achtklässler der Neustifter Mittelschule. Aber bei dem Zwei-Tages-Training des SV Zukunft, einem Projekt des gleichnamigen gemeinnützigen Vereins, hat sie eine andere Gewichtung bekommen. Wie manche Dinge gesagt werden und von wem, macht eben oft einen großen Unterschied.

Am Donnerstagmorgen ist es Bernhard Winkler, der diesen Unterschied ausmacht. Der frühere Fußballprofi wurde 1991 mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister und lief in 191 Bundesligaspielen auch für den TSV 1860 München im Sturm auf. Heute arbeitet er in der Nachwuchsabteilung des Traditionsvereins und als Referent des SV Zukunft. Das Konzept des 2007 vom früheren Fußballprofi Bernhard Hirmer und der Kommunikationsberaterin Birgit Mooser-Niefanger initiierten Projekts, die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen mit der Metapher Profisport zu fördern, funktioniert - auch für Winkler. "Jedes Kind hat Träume und Ziele", sagt der 49-Jährige. "Aber nicht jedes bekommt von Haus aus genug Unterstützung an diese zu glauben und sie zu erreichen." Dabei will er helfen.

"Vom Sport lernen heißt Siegen lernen" lautet das Motto des Projekts und schon als Bernhard Winkler seinen Lebenslauf referiert, zeigt sich warum. Mit Kreide hat er die Chronologie seiner sportlichen Karriere an die Tafel geschrieben und erzählt. Von der schwierigen Entscheidung, es überhaupt als Profi zu versuchen, von Erfolgen, von Niederlagen. "Was ich erreicht habe, hilft mir viel, das ist ein gutes Gefühl. Davon kann man auch zehren, wenn es einem nicht so gut geht", sagt Winkler. "Wenn ihr etwas wollt, dann glaubt daran. Egal, was andere euch sagen."

Sich in Niederlagen auf das zu Besinnen, was man kann. Sich nicht runterziehen zu lassen, wenn etwas mal nicht so läuft. Keine Ausreden zu suchen oder sich abbringen zu lassen, auch, wenn das Ziel nur über Umwege erreicht werden kann - all das habe er durch den Fußball gelernt und all das wolle er jetzt mit ihnen, den Schülern, teilen. "Aber haben Sie nicht irgendwann auch mal gedacht: jetzt schmeiß ich alles hin", fragt Barbara auf der simulierten Pressekonferenz nach dem Vortrag des Fußballers. Eine Frage folgt der nächsten. "Finden Sie es denn besser, lange über Entscheidungen nachzudenken oder lieber alles schnell, schnell zu machen", will Kathrin wissen. Er habe gelernt, dass es wichtig sei, Dinge gut abzuwägen und lieber eine Nacht länger darüber zu schlafen, sagt Winkler. Kathrin nickt und lächelt.

Das Interesse an den Erlebnissen und Erfahrungen von Bernhard Winkler ist groß. Bei manchen Schülern scheinen die Gedanken schon nach kurzer Zeit darum zu kreisen, wie sie die Antworten Winklers auf sich transferieren können. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass das gelingen und zum persönlichen Erfolg führen kann. "Der SV Zukunft kommt gut bei unseren Schülern an", sagt Franz Xaver Maier, Klassenlehrer der Teilnehmer. "Frühere Absolventen haben sich nach den Vorträgen auf einmal Pläne gemacht, wie sie ihr Ziel, den Schulabschluss, erreichen können." Auch diejenigen, die auf der Kippe standen, hätten es so aus eigenem Antrieb geschafft.

Schritt für Schritt ans Ziel, genau das Jugendlichen beizubringen, war der Wunsch der beiden Initiatoren Bernhard Hirmer und Birgit Mooser-Niefanger. Das Zwei-Tages-Training wird dabei immer von einem - ehemaligen oder aktiven - Sportler und einem betreuenden Coach geleitet. Die Athleten halten Vorträge, machen aber auch immer wieder Übungen mit den Schülern. Für die Schulen und anderen Einrichtungen ist das Angebot kostenlos. "Kindern fehlt es meistens nicht an Potenzial, sondern an Unterstützung und Möglichkeiten", sagt Mooser-Niefanger, Stellvertretende Landrätin im Landkreis Freising und Sprecherin der Grünen-Stadtratsfraktion. "Sport schafft sofort eine emotionale Bindung, aber es geht nicht nur um Erfolge. Auch Rückschläge können den Jugendlichen Wege aufzeigen."

Das Projekt SV Zukunft ist seit seiner Gründung vor neun Jahren vor allem in Bayern und Niedersachsen aktiv. Die Nachfrage sei inzwischen so hoch, dass sie täglich vier Veranstaltungen abhalten könnten, sagt Mooser-Niefanger. "Aber das läuft ja weitgehend ehrenamtlich, wir sind also an ein gewisses Limit gebunden." 100 Trainertage pro Jahr versucht der SV Zukunft jährlich anzubieten, inzwischen haben über 7000 Schüler bei dem Projekt mitgemacht. Zu den Referenten gehören beispielsweise Verena Bentele (zwölffache Paralympicssiegerin im Biathlon), Christoph Langen (Doppel-Olympiasieger im Bobfahren), Wolfgang Sacher (Paralympicssieger im Radfahren), Christian Schenk (Olympiasieger im Zehnkampf), Daniel Dörrer (mehrfacher Weltmeister im Kickboxen) und auch Spieler des FC Bayern München Basketball und des Fußball-Bundesligisten VFL Wolfsburg.

Es gehe darum, mit den jungen Menschen die wesentlichen Eckpunkte einer professionellen Sportkarriere auf ihre Lebenswirklichkeit zu übertragen und herauszufinden, was vom Sport abgeschaut werden könne, steht auf der Homepage des Vereins. An diesem Tag in der Neustifter Mittelschule scheint das gut funktioniert zu haben. "Wenn einem etwas Spaß macht, dann muss man immer weitermachen und sich nicht dafür schämen - das nehme ich heute mit", sagt Kathrin nach dem Seminar. "Und", ergänzt Ahmend, "wenn man ein Ziel hat, dann kann man das auch wirklich erreichen". Fürs erste bedeutet das: den Schulabschluss in einem Jahr zu schaffen.

Mehr Informationen unter: www.sv-zukunft.de

© SZ vom 27.02.2016
Zur SZ-Startseite