Ukrainische Schüler„Ich wollte mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen“

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„Ich ziehe es jetzt hier durch“, sagt Alina Byrka. Die junge Frau aus der Ukraine lebt seit gut drei Jahren mit ihrer Familie im Landkreis Freising.
„Ich ziehe es jetzt hier durch“, sagt Alina Byrka. Die junge Frau aus der Ukraine lebt seit gut drei Jahren mit ihrer Familie im Landkreis Freising. (Foto: Marco Einfeldt)

Alina Byrka ist nach dem russischen Angriff auf ihr Heimatland mit ihren Eltern geflüchtet, hat in kurzer Zeit Deutsch gelernt und wurde nun in ein Stipendienprogramm für Talente aufgenommen. Damit ist die 19-Jährige aus Freising allerdings eine Ausnahme, denn bei der Integration ukrainischer Schüler gibt es einige Defizite.

Von Francesca Polistina, Freising

An den Kriegsbeginn kann sie sich noch sehr gut erinnern, so etwas vergisst man einfach nicht. Es war der 24. Februar 2022 gegen vier Uhr in der Früh, als bekannt wurde, dass Putin den Angriff auf die Ukraine begonnen hatte. Alina Byrka war damals 15 Jahre alt, ihre Familie versammelte sich vor dem Fernseher, die Panik brach aus. Sie war als normaler Teenager ins Bett gegangen, nun stand sie mitten in der Nacht da und sah, wie ihre Unbeschwertheit in tausend Stücke zerbrach, wie ihre Freiheit verloren ging. Und nein, erwartet hatte sie das nicht. „So einen Krieg erwartet man nicht im 21. Jahrhundert“, sagt die 19-Jährige. „Ich hatte viele Pläne, und plötzlich war alles weg.“

Alina Byrkas Stadt, Kropywnyzkyj in der Zentralukraine, wurde zuerst nicht angegriffen. Trotzdem gab es Befürchtungen, dass die russische Armee die ganze Region um Kiew einkesseln könnte. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn entschieden sich deshalb ihre Eltern, das Land zu verlassen. Da zur Familie drei minderjährige Kinder gehören – neben Alina Byrka noch zwei jüngere Schwestern – durfte der Vater auch mitreisen. Bloß wohin, wenn man im Ausland keine Verwandten und Bekannten hat?

Freising, ein gemütliches Café nah an der Altstadt und weit weg von der Kriegsmisere. Alina Byrka erzählt von ihrem Leben nach dem 24. Februar 2022 – einem Leben, das sie sich zuvor nie hätte vorstellen können. Nach dem Kriegsausbruch floh die Familie zuerst nach Polen, ein paar Wochen später weiter nach München. „Wir dachten, das ist eine große Stadt und hat viele Möglichkeiten“, sagt sie. Die ersten Tage verbrachte die Familie in einem Gymnasium, das kurzfristig für Flüchtlinge genutzt wurde. Dann fanden sie dank der Freiwilligen am Ort eine Wohnung bei Zolling im Landkreis Freising. Inzwischen leben sie in Freising.

Anerkanntes Talent: Alina Byrka mit Kultusministerin Anna Stolz bei der Aufnahme in das Stipendiatenprogramm.
Anerkanntes Talent: Alina Byrka mit Kultusministerin Anna Stolz bei der Aufnahme in das Stipendiatenprogramm. (Foto: Obermeier/StMUK)

Mit welchen Worten beschreibt man den Zustand einer Familie, der plötzlich den Boden unter den Füßen weggezogen wurde? Alina Byrka sagt, es sei eine sehr anstrengende Zeit, obwohl „anstrengend“ fast zu banal klingt für all das. Und dann – auch das klingt wieder banal – musste das Leben weitergehen.

Nach den Osterferien 2022 begann Alina Byrka die Schule in einer „Willkommensklasse“ am Freisinger Camerloher-Gymnasium – so nennen sich Klassen, in denen geflüchtete Schülerinnen und Schüler getrennt von den anderen unterrichtet werden. Inzwischen besucht sie eine reguläre elfte Klasse, ihre Noten liegen meistens im Einser-Bereich. Es sei beeindruckend, wie gut und wie schnell sie Deutsch gelernt habe, sagt die Deutschlehrerin und stellvertretende Schulleiterin Hanne Singer.

Jugendliche aus Syrien und Afghanistan fühlen sich nach zwei Jahren stärker mit ihrer Schule verbunden

Vor Kurzem wurde Alina Byrka gemeinsam mit 34 anderen Schülerinnen und Schülern in das Stipendienprogramm „Talent im Land – Bayern“ aufgenommen. Dieses richtet sich an begabte und engagierte Jugendliche, die aufgrund ihrer persönlichen Biografie oder sozialen Herkunft besondere Hürden zu überwinden haben. Menschen wie Alina Byrka sind ein Vorbild, sie verdienen eine Förderung – aber sie sind natürlich Ausnahmeerscheinungen. Und so stellt sich auch die Frage: Wie läuft es mit der Integration ukrainischer Schüler?

Laut einer Analyse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge werden fast alle ukrainischen Schulkinder bis 17 Jahre inzwischen in Regelklassen unterrichtet. Doch verglichen mit der Gesamtschülerschaft besuchen sie überproportional häufig Mittel- und Hauptschulen. „Dies deutet darauf hin, dass sie nicht immer Schulen besuchen, die ihrem Leistungsniveau entsprechen. Hier besteht Handlungsbedarf, um Chancengleichheit zu gewährleisten“, so das Bundesamt.

Eine Studie des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung kommt zu dem Schluss, dass die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine inzwischen oft gut Deutsch beherrschen. Trotzdem fühlen sie sich weniger zu ihrer Schule zugehörig als Gleichaltrige ohne Fluchthintergrund. „Vielen Schulen ist es demnach noch nicht gelungen, neu zugewanderte Kinder und Jugendliche aus der Ukraine so in den Schulalltag zu integrieren, dass sich ein Großteil in der Schule wohlfühlt und dort gute soziale Kontakte knüpfen kann“, erklärt Katharina Spieß, Mitautorin der Studie, in der Pressemitteilung. Im Vergleich dazu fühlten sich Jugendliche aus Syrien oder Afghanistan etwa zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland deutlich stärker mit der Schule verbunden.

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Alina Byrka sagt, nach dem Schulanfang in Deutschland habe sie von acht Uhr in der Früh bis zum Abend Deutsch gebüffelt, „weil ich mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen und kontrollieren wollte“. Sie kennt aber auch viele ukrainische Jugendliche, die sich schwertun – weil ihnen die Motivation und die Kraft fehlen, von null anzufangen. „Niemand ist freiwillig geflohen“, betont sie.

Die politische Stimmung schwappt in die Schule hinein

Eine andere Frage ist, wie diese Schüler aufgenommen werden. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), bemängelt, dass der „eklatante Lehrermangel“ gerade im Grund- und Mittelschulbereich dazu führt, dass weder das didaktisch wertvolle „Sprachbad“ in Regelklassen noch die Förderung in speziellen Klassen gut funktionierten, mit der Folge, dass viele Kinder auf der Strecke blieben. Und Fleischmann bringt auch ein anderes Thema auf den Tisch: die gesellschaftliche Diskussion um das Thema Migration.

„Wir versuchen, auf diese Kinder positiv zuzugehen. Aber wir haben oft das Gefühl, dass die Gesellschaft dagegen arbeitet“, bedauert sie. Was sie meint: Die politische Stimmung schwappt in die Schule hinein, die allgemeine Haltung gegenüber Geflüchteten ist auch dort zu spüren. Fleischmanns Wunsch: „Wir müssen die politische Landschaft dahin bringen, dass jedes Kind mit Migrationshintergrund, das eine bayerische Schule besucht, ein bayerisches Kind ist.“ Und wenn das das Ziel ist, schlussfolgert sie, dann brauche man für diese Kinder mehr Personal: mehr Lehrer und Lehrerinnen für die Regelklassen und für das Fach „Deutsch als Zweitsprache“, Soziale Dienste und Psychologen, die wüssten, wie man mit traumatisierten Kindern umgeht. „Das ist der einzige Schlüssel zum Erfolg“, sagt die Präsidentin des Lehrerverbandes.

Alina Byrka erzählt, dass sie erst vergangenes Jahr das Gefühl bekommen hat, wirklich „zur Ruhe gekommen“ zu sein. Trotzdem spürt sie immer noch einen inneren Konflikt zwischen ihrem patriotischen Gefühl und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Sie möchte gerne in Deutschland studieren, entweder Chemie oder etwas Künstlerisches wie Illustration und Animation. Aber sie schließt nicht aus, in die Ukraine zurückzukehren, wenn der Krieg einmal vorbei ist, und beim Wiederaufbau zu helfen. Aber wer weiß schon, wann dieser Krieg enden wird. „Ich ziehe es jetzt hier durch“, sagt Alina Byrka. Ein Schritt nach dem anderen.

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