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Neues Theaterstück in Freising:"Die Hölle, das sind die Anderen"

Drei Menschen, die nichts gemein haben als ihren Tod, sind dazu verdammt, auf ewig aufeinander zu hocken.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Kreative Schauspiel Ensemble zeigt Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft". Es geht darin um die menschliche Existenz.

Ein karger, bis auf drei Sofasessel unmöblierter Raum: Das ist die Hölle. Jedenfalls für Garcin, Inés und Estelle. Drei Menschen, die nichts gemein haben als ihren jüngst eingetroffenen Tod, sind nun dazu verdammt, hier auf ewig aufeinander zu hocken. Das ist der Rahmen von Jean-Paul Sartres Stück "Geschlossene Gesellschaft". Dem existentialistischen Einakter hat sich der Freisinger Theaterverein Kreatives Schauspiel Ensemble angenommen, am Mittwochabend feierte die Inszenierung von Svenja Vogel und Erik Hansen im vollbesetzten Veranstaltungsraum des "Et Cetera Premiere.

"Wo sind die Pfähle?", fragt Garcin (Alexander Kampmeier), der als erster ankommt, den Kellner (Philipp Schreyer), der ihn in den Raum geleitet. "Sie scherzen", antwortet dieser. Ob es eine Zahnbürste gebe, will Garcin weiter wissen. Der Kellner, routiniert: "Die Menschenwürde macht sich wieder bemerkbar. Wozu wollen Sie hier die Zähne putzen?"

Schnell wird jedem klar, dass sie nicht von ungefähr an diesem Ort gelandet sind

Ob Tag sei? "Sie sehen doch, das Licht ist an." Wo der Schalter sei? "Es gibt keinen." Auftritt Inés (Barbara Pointner). Sie schaut sich um, zunächst wortlos. "Wo ist Florence?", fragt sie. Keine Antwort. Dann, zu Garcin gewandt: "Drehen Sie ab und an draußen eine Runde?" Antwort Garcin: "Die Tür ist verschlossen." Inés: "Schade." Sie setzen sich, Garcin wirkt nervös. "Haben Sie denn keine Angst?", fragt er. Inés winkt ab: "Angst konnte man vorher haben, als wir noch Hoffnung hatten."

Dann betritt Estelle (Leoni Mäurer) den Raum, hysterisch gestikulierend. "Ich dachte, jemand wollte mir einen Streich spielen!" Sie beruhigt sich, sieht sich um und lästert über die Farbe der Sofasessel. Der mittlere ist noch frei. "Er ist spinatgrün und ich marineblau." Garcin bietet ihr sein Sofa an, es ist blau, sie entspannt sich. "Wichtig ist doch, dass wir unsere gute Laune behalten."

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Die drei Protagonisten beschnuppern sich zunächst. Doch schnell wird jedem klar, dass die anderen beiden keine Unschuldslämmer sind, nicht von ungefähr an diesem Ort gelandet sind. "Aber warum hat man uns zusammen gebracht?", fragt Estelle. "Zufall", meint Garcin. "Hier ist nichts dem Zufall überlassen", erwidert Inés kühl. "Dieses Zimmer wartete auf uns."

Nach und nach kommen die Lebensschicksale und menschlichen Abgründe der Charaktere ans Licht. Garcin, der vom Krieg desertierte, seine Frau misshandelte und schließlich auf der Flucht gestellt wurde. Inés, die ihre Geliebte Florence deren Mann, ihrem Vetter, entzog, bis Florence schließlich nachts unbemerkt den Gashahn aufdrehte und sich selbst und Inés tötete. Estelle, die ihr ungewolltes Kind tötete und ihren Liebhaber dazu brachte, sich das Leben zu nehmen, und daran schließlich selbst zerbrach.

Jeder ringt mit sich selbst, dem eigenen Leben und miteinander

Die drei ringen: jeder mit sich selbst, dem eigenen Leben und miteinander. Die lesbische Inés versucht sich Estelle anzunähern, die wiederum Garcins Nähe sucht, der wiederum von Inés' klugen Gedanken fasziniert ist. Charakteristisch für die Folgen dieses Wechselspiels ist eine Szene, in der Garcin vorschlägt, zu schweigen, um des Friedens willen. Nach kurzer Zeit fängt Inés an, provokante Texte zu singen, Estelle beginnt, sich zu schminken, und Garcin hält seinen Kopf in den verkrampften Händen.

Warum gibt es keinen Folterknecht, kein Fegefeuer, keine Pfähle? Das Klischeebild der Hölle, die Hölle an sich, tut in diesem Stück im Grunde nichts zur Sache. Denn wie Garcin feststellt: "Die Hölle, das sind die Anderen." Die Anderen, die nachbohren, die misstrauen, die urteilen. Die Anderen, die alle oberflächlich anfänglichen Versuche, sich zu verstellen, enttarnen. "Seh ich aus wie jemand, der locker lässt?", fragt Inés. Die Anderen, die jeder braucht, um sich selbst zu sehen.

Obgleich von den Schauspielern sehr humorvoll inszeniert, kommt der Zuschauende nicht umhin, dem Geschehen mit bangen Blicken zu folgen. Werden sich die Protagonisten irgendwann arrangieren, gar vertragen? Unwahrscheinlich. Werden sie ihr Leben und die darin gemachten Erfahrungen hinter sich lassen? Möglich. Und geht die Tür vielleicht irgendwann doch wieder auf? Ja, das tut sie an einem Punkt, aber keiner der drei wird den Raum verlassen.

Weitere Termine sind jeweils um 19.30 Uhr am 10., 11., 12., sowie am 17., 18. und 19. Januar. Der Eintritt ist frei.

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