Flaute in der Textilreinigung:Das letzte Hemd

Flaute in der Textilreinigung: Vorrichtungen zum perfekten Bügeln von Hemden werden in Freisinger Reinigungen derzeit nur eingeschränkt benötigt. Es fehlt an Hemden.

Vorrichtungen zum perfekten Bügeln von Hemden werden in Freisinger Reinigungen derzeit nur eingeschränkt benötigt. Es fehlt an Hemden.

(Foto: Catherina Hess)

Viele Menschen im Homeoffice, kaum Betrieb am benachbarten Flughafen - durch die Corona-Krise brechen den Textilreinigungsbetrieben die Einnahmen weg. Schlimmstenfalls führt das auch zu Entlassungen.

Von Sara Livadas, Freising

Die Textilreinigungsindustrie, auch im Kreis Freising, bangt im Angesicht der aktuellen Lage um ihr "letztes Hemd". Denn genau das ist es, was den Reinigungen fehlt: Hemden. Wegen Corona befinden sich viele Menschen im Homeoffice, Betriebe arbeiten auf Minimalbasis und fast alle Feierlichkeiten werden abgesagt - hier im Landkreis wie anderswo. Als Resultat werden kaum noch Anzüge, Uniformen oder festliche Kleider zur Reinigung gebracht. Wer braucht schon saubere, gebügelte Kleidung, wenn die Kamera am Laptop eh nur den Oberkörper einfängt? Leidtragende sind die Wäschereien. Zwar mussten sie Corona-bedingt, im Gegensatz zu vielen anderen Dienstleistern, nicht schließen, von der Krise beeinflusst werden ihre Geschäfte trotzdem. Die Kundschaft fehlt, Miet- und Stromkosten fallen dennoch an.

Auch in Freising sind die Textilreinigungen von teils existenziellen wirtschaftlichen Einbußen betroffen. Die Geschäftsführerin der Reinigung Heilmaier, Anna Tynan-Eder, spricht von nur noch rund 30 bis 35 Prozent Umsatz. "Wir hatten sonst am Tag immer 300 Hemden, wenn wir jetzt 100 haben, dann ist das schon viel. Man vergisst oft, was alles an Wäsche wegfällt, und ohne funktioniert es nicht: Hemden, Anzüge, Brautkleider, Cocktailkleider, Dirndl und Schürzen, einfach alles", berichtet sie. Für ihr Geschäft sei es bis jetzt vergleichsweise glimpflich ausgegangen. Durch gutes Wirtschaften musste sie keine staatlichen Hilfen in Anspruch nehmen und keinen der Angestellten in Kurzarbeit schicken. Ein alternatives Konzept musste sich die Geschäftsführerin dennoch ausdenken: "Auf alle Fälle spüren wir die Auswirkungen. Wir haben zwar keine Kurzarbeit eingeführt, aber eine Art Zeitkonto für unsere Mitarbeiter erstellt, von dem aus sie - sobald sich das Ganze wieder normalisiert hat - abarbeiten können. Wir haben viele Frauen mit Kindern in unserem Betrieb, für die es schwierig wäre nur noch einen Teil ihres Gehalts zu bekommen. Wir haben das so geregelt, weil wir das einfach humaner finden", sagt Tynan-Eder.

Auch die Beschäftigten vom Flughafen fehlen

Andere Reinigungen hat es stärker getroffen. Der Inhaber der Schnellreinigung Leinthaler berichtet von einem Dilemma, das gerade die Wäschereien im Landkreis Freising betrifft. "Die ganzen Beschäftigten vom Münchner Flughafen gehen uns sehr ab. Die Piloten, Stewardessen und das Bodenpersonal mit ihren Uniformen fehlen schon seit Monaten, im Endeffekt seit Ausbruch der Corona-Pandemie", erläutert er. Auch das Ehepaar Leinthaler arbeitet momentan in einem Bereich von nur 30 bis 40 Prozent Maximum. Kurzarbeit mussten die beiden ebenfalls nicht anmelden. Laut eigenen Aussagen aber nur deshalb, weil sie als Chef und Chefin alleine den Laden führen. "Mehr Mitarbeiter könnten wir uns auch gar nicht leisten. Auch an staatlichen Hilfen haben wir nichts groß bekommen, weil wir ja offiziell nie haben schließen müssen", resümiert der Inhaber.

Bei ihnen persönlich kommt noch die Verkehrssituation hinzu, die das Parken vor der Ladentür für Kunden erschwert. "Freising macht immer mehr dicht durch die Baustellenproblematik in der Innenstadt. Wir hatten dreieinhalb Jahre eine Baustelle vor der Ladentüre, dann war das vorbei und jetzt kam noch Corona. Das heißt, du kannst dich gar nicht mehr erholen von dem Ganzen", lautet Leinthalers Fazit.

Auch Anita Niedermayer hat in ihrer Textilreinigung die Konsequenzen der aktuellen Lage gespürt. "Ich hatte eine weitere Mitarbeiterin als Festangestellte, die habe ich entlassen müssen. Das war wohl das einschneidendste Erlebnis", erzählt sie. "Ganz am Anfang hat man staatliche Hilfe bekommen, da habe ich auch was in Anspruch genommen, aber nur sehr wenig. Wenn ich es jetzt nicht bekommen hätte, hätte es auch nicht viel Unterschied gemacht", berichtet sie über die Anfänge. Für Anita Niedermayer alleine ist noch genügend Arbeit da, doch auch ihr Umsatz ist gesunken. In Zukunft plant sie, 450 Euro-Kräfte einzustellen und keine festen Mitarbeiter mehr. "Ich glaube, für Andere, die noch einen Haufen Angestellte haben, ist das bestimmt viel schwieriger", bewertet sie die allgemeine Lage der Reinigungen. Dennoch ist sie froh, überhaupt während der Beschränkungen durcharbeiten zu können, gerade wenn man andere Branchen betrachtet, wie zum Beispiel den Flughafen.

Richard Sterr, Präsident des Bayerischen Textilreinigungsverbandes spricht von einer "sehr düsteren Situation". Auch wenn die neuen Umstände für Wäschereien mit Kunden im Gesundheitswesen und in der Pflege deutlich eine höhere Auslastung versprechen, sind doch laut der Webseite des Deutschen Textilreinigungsverbandes für den Großteil der Branche mit Schwerpunkt Hotellerie, Gastronomiegeschäft oder Businesskunden Umsatzeinbußen von mehr als 60 Prozent zu verzeichnen - Tendenz steigend.

© SZ/nta
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