Die Freisinger Altstadt ist zurzeit um eine Attraktion reicher. Am Marienplatz haben am Osterwochenende weder das historische Rathaus noch das aufwendig sanierte Asamgebäude so viele Blicke auf sich gezogen wie die Mariensäule – oder vielmehr das, was sich darauf abspielt. Ein Storchenpaar hat diese exponierte Stelle dazu auserwählt, um dort einen Horst zu bauen. Mit einem Gewirr von Zweigen um den Kopf wirkt die Himmelskönigin Maria nun eher wie eine Schmerzensmutter mit Dornenkrone.
Vom benachbarten Rathaus lässt sich das Schauspiel aus nächster Nähe beobachten. Dort begegnet man dem Treiben allerdings mit wenig Begeisterung. Im Gegenzug dazu zücken neugierige Passanten reihenweise ihre Handys. Die Krone sei bereits erheblich beschädigt, sagt Pressesprecherin Carolin Nünemann. Aufgrund der kleinen Auflagefläche gelten die Bauversuche in der Stadtverwaltung als wenig erfolgversprechend. Tatsächlich ist von einem Horst bislang wenig zu erkennen.
Mitte vergangener Woche orientierten sich die Störche kurzzeitig um und starteten am aufgemauerten Giebelabschluss des benachbarten Marcushauses einen weiteren Bauversuch. Dieser scheiterte jedoch am glatten Blech. Seit dem Osterwochenende haben sie sich wieder ganz auf die Mariensäule fokussiert, bringen Stöckchen um Stöckchen und klappern lautstark mit den Schnäbeln.
In der Stadt suchen die Fachabteilungen nach einer Lösung, um den Störchen einen alternativen Standort anbieten zu können. In den kommenden Tagen wird in Abstimmung mit der Höheren Naturschutzbehörde entschieden, wie es weitergeht – denn die Zeit drängt. Ein anderes Storchenpaar, das vor drei Jahren einen Horst auf einem Kamin an der Oberen Hauptstraße gebaut hat, brütet bereits. Als neuer Nistplatz kommen vor allem höher gelegene Dächer in der Umgebung infrage.
Die Freisinger Stadtwerke haben mit der Verlegung eines Storchenhorstes im vergangenen Jahr bereits positive Erfahrungen gemacht. An der Angerstraße musste ein Nistplatz auf der Heizzentrale abgebaut werden, weil die Funktionsfähigkeit des Kamins beeinträchtigt worden war. Den angebotenen Alternativstandort in unmittelbarer Nähe nahmen die Vögel schnell an. An anderer Stelle war das jedoch nicht möglich: In Ebersberg ließen sich zwei Störche in diesem Frühjahr nicht vertreiben.
Dass Störche mitten in der Stadt brüten, sei nicht ungewöhnlich, sagt Manfred Drobny, Geschäftsführer des Bund Naturschutz in Freising. Dass sich das Paar jedoch ausgerechnet für die Mariensäule entschieden hat, wundert ihn aber doch. Die umliegenden Gebäude seien deutlich höher, was das Ausfliegen zur Nahrungssuche erschwere. Drobny vermutet, dass es sich bei dem Paar um Jungstörche handelt, „es sieht nicht so aus, als ob sie sehr erfahren wären“. Am Samstag wurde zudem ein dritter Storch gesichtet. Offenkundig sei noch nicht „alles geklärt“, sagt der Naturschützer. Auch Günther Knoll vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) bezweifelt, dass der Bauplatz geeignet ist.


Die Zahl der Störche in der Region hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Ihnen dürfte zugutekommen, dass die Zahl der Wiesen im Freisinger Moos, die extensiv bewirtschaftet werden, wieder steigt, erklärt Drobny.
Am derzeitigen Standort auf der Mariensäule wäre ein Horst zwar vorübergehend zu dulden, teilt die Stadt mit. Allerdings kann ein solches Nest ein erhebliches Gewicht erreichen: von 100 Kilogramm bis zu zwei Tonnen bei älteren Horsten. „Das wäre eine dauerhafte Belastung, die für das Denkmal problematisch wäre.“


