Die Touristen, die am Mittwoch extra nach Freising gekommen waren, um die auf der ehrwürdigen Mariensäule nistenden Störche live zu erleben, hatten einen spannenden Tag: Erst konnten sie die beiden Jungvögel in ihrem seltsam struppigen Horst in Marias Krone seelenruhig über dem Wochenmarkt thronen sehen. Und dann wurden sie auch noch Zeugen eines Umzugsangebots an die Tiere, das es so noch nicht oft gegeben haben dürfte.
Der Nistplatz in der Krone der Marienfigur ist alles andere als ideal, auch wenn die offensichtlich unerfahrenen Jungstörche das seit Wochen nicht so recht einsehen wollen. Zwar wäre das Nest auf der Mariensäule aus naturschutzrechtlichen Gründen zu dulden, doch die Auflagefläche auf der Krone ist eigentlich zu klein. Schon jetzt haben die Bauarbeiten der Störche den Kopfschmuck der Heiligen beschädigt, die Vögel haben Maria sozusagen einen Zacken aus der Krone gebogen.
Der Kot der Tiere dient auch nicht eben der Denkmalpflege – und: Ältere Storchenhorste können samt Gelege und den brütenden Eltern ziemlich schwer werden – von 100 Kilo bis zwei Tonnen ist da die Rede. In der Stadt fürchtet man schlicht, dass selbst das noch bescheidene aktuelle Konstrukt abstürzen, das Denkmal beschädigen oder sogar jemanden verletzen könnte.
Also hat die Stadt eine Ausnahmegenehmigung bei der Regierung von Oberbayern beantragt, um das Problem zu lösen, bevor die ersten Eier im Nest liegen – und den Störchen ein Angebot gemacht, das diese hoffentlich nicht ablehnen werden. Schräg gegenüber auf dem Marcushaus wurde am Mittwoch mithilfe der Feuerwehr ein neuer, künstlicher Horst angebracht.
Angefertigt wurde er von der Freisinger Firma Göls aus reinem Edelstahl, schön rund, deutlich größer und höher gelegen: verglichen mit dem Zweigeverhau auf der Mariensäule fast ein Luxus-Loft, quasi gebaut für die Ewigkeit. Maler Valentin Ottowa hat sogar weiße Kalkfarbe auf dem Horst versprenkelt – ein kleiner Trick, um den Vögeln zu suggerieren, dass hier bereits Storch-Exkremente hinterlassen wurden, ein Einzug also lohne.

„Das war ein ungewöhnlicher Job, aber sehr interessant“, sagt Thomas Göls, der im Drehleiterkorb der Feuerwehr Handwerker Alex Daffner geholfen hat, den Horst aufzubauen. Als er nach getaner Arbeit mit der Leiter wieder zu Boden gleitet, gibt es Szenen-Applaus von den Umstehenden.
Denn die Störche und ihr Nestbau locken nicht nur Touristen in die Stadt, auch die Freisingerinnen und Freisinger nehmen Anteil an ihrem Schicksal. Was den Umzug des Brutpaares angeht, herrscht unter den Umstehenden an diesem Tag eher Skepsis. Dass Helfer bereits heruntergefallene Zweige aus der Umzäunung der Mariensäule gefischt und in den neuen Horst gebracht haben, wird allgemein goutiert: „Aber ob das reicht“?
„Niemals, die hauen jetzt ab“, sagt einer bestimmt, und auch eine andere Passantin sieht die Aktion kritisch: „Die Menschen müssen immer alles kaputt machen“, ärgert sie sich: „Das hätte man ganz zu Anfang machen müssen, als da nur zwei Zweige lagen.“
Der Handwerker meldet sich am Funkgerät mit „Storch zwei“
Denn die Stadt hat den Umzugsservice sogar ausgeweitet. Zur Empörung des Storchenpaares, das die Aktivitäten bis dahin in aller Ruhe beobachtet hatte, bringt die Feuerwehr Handwerker Daffner und Vincent Zeitler vom Freisinger Hochbauamt im Korb der Drehleiter zum Horst auf der Säule. Weil das den Vögeln dann doch zu distanzlos ist, heben sie ab und das Nest kann untersucht werden. Zur Erleichterung aller ist tatsächlich kein Gelege zu sehen.



Vorsichtig wird Nistmaterial in eine Kiste gelegt, zu Boden gebracht und von Daffner über den Platz zum Marcushaus getragen. Dort wird er oben am Aufzug schon von Mitarbeiterinnen des ansässigen Modehauses erwartet. Sie wollen dokumentieren, wie das Nest ausgepolstert wird: „So was sieht man ja nicht alle Tage.“ Über Funk meldet sich Daffner übrigens mit „Storch zwei“.
Die Vögel ziehen unterdessen Kreise über dem Marienplatz. Ob es sich um das Paar von der Säule handelt, ist schwer zu sagen, denn es gibt Konkurrenz in der Nähe. Ein paar Häuser weiter nisten bereits zwei Paare, aber andere lungern noch heimatlos auf den Dächern der Umgebung herum.
Die Konkurrenz schläft nicht
„Wir haben ein bisschen Sorge, dass in den neuen Horst jetzt einer von denen einzieht, die noch gar nicht mit dem Nestbau begonnen haben“, hatte Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher vor Beginn der Aktion gesagt. Rund um die Mariensäule teilen die Beobachter diese Sorge. Nicht ganz zu Unrecht, wie Manfred Drobny, Geschäftsführer des Bundes Naturschutz in Freising und Umweltreferent des Stadtrats, bestätigt.
Das Paar von der Mariensäule werde die ganze Zeit schon von einem dritten Storch begleitet „der sich da vielleicht reindrängeln will“, sagt Drobny. Ob die Materialverlagerung vom Nest auf der Säule in den neuen Horst wirklich zielführend ist, könne er nicht einschätzen, sagt er. Seine Empfehlung wäre, den Horst von der Mariensäule jetzt ganz zu entfernen: „Sonst haben wir am Ende zwei Brutpaare in zwei Nestern.“
Donnerstagmittag allerdings sitzt ein Storch wie gehabt auf der Mariensäule. „Hey, hast Du nicht gehört? Du sollst umziehen!“, ruft eine Frau von unten. Wenig später landet der zweite Vogel in der Krone. Ihr gemeinsames Geklapper klingt ein bisschen wie Gelächter.

