Weil es seinen Horst unbedingt auf der Krone der Mariensäule mitten in der Freisinger Altstadt bauen wollte, hatte ein Storchenpaar im April bundesweit Aufsehen erregt. Unter großer Anteilnahme von Einheimischen und Touristen wurde das „Marienstörche“ getaufte Paar erfolgreich auf das nahe Marcushaus umgesiedelt. Seither ist Freising im Storchenfieber und rätselt, ob das junge Paar im neuen Eigenheim wohl schon mit Nachwuchs gesegnet ist – und wie es um die Familienplanung bei den anderen beiden Brutpaaren in der Innenstadt steht.
Schließlich gilt der Storch gemeinhin als Symbol der Fruchtbarkeit. Dem nord- und mitteleuropäischen Volksglauben und vielen Märchen zufolge bringen Störche sogar die Babys zu den Familien. Müsste da nicht auch im eigenen Nest schnell neues Leben Einzug halten?
Und tatsächlich. Vom 84 Meter hohen Turm der St. Georgskirche aus sind im künstlichen Horst auf dem Marcushaus schräg gegenüber zwei Küken zu erkennen – auch wenn man für einen genaueren Blick ein Fernglas oder ein gutes Teleobjektiv braucht. Das Familienglück im Nest der Störche auf dem Rathaus dagegen lässt sich von hier oben mit bloßem Auge beobachten. Drei Jungstörche werden dort aufgezogen – wohingegen etwas weiter nördlich der Horst auf dem Huss-Haus verwaist ist.
Dort muss sich um den 22. Mai herum ein kleines Drama abgespielt haben: In der Facebook-Gruppe „Freisinger Fotos“ zeigte ein Bild zwei tote Jungstörche neben dem leeren Nest, von den Elterntieren keine Spur. Die Kommentarspalte füllte sich rasch – mit Bedauern, aber auch mit Spekulationen: Abgase vom nahen Kamin? Das wechselhafte Wetter? Angriffe von Krähen oder konkurrierenden Störchen?

Der Freisinger Vogelkundler Christian Magerl vermutet, dass die Hitzewelle Ende Mai die Küken das Leben gekostet hat. Die seien schon etwas größer gewesen als die anderen, sodass die Storcheneltern mit ihren Schwingen vielleicht nicht mehr für ausreichend Schatten hätten sorgen können. So etwas komme immer wieder vor. Für ein Nachgelege in diesem Nest sei es jetzt schon zu spät im Jahr, die Störche würden daher nun immer seltener zu diesem Horst kommen – „wahrscheinlich nur noch zum Schlafen“, so der Experte.
Dass überhaupt so viele Störche in der Stadt sind – außer in der Altstadt brüten weitere Paare an der Alten Brennerei in Weihenstephan und an der Angerstraße – führt Magerl auch auf die Aktivitäten des Bundes Naturschutz zurück. Dieser habe 2019 den ersten künstlichen Horst an der Alten Brennerei installiert.
Zum anderen seien die Lebensbedingungen für die Vögel im Umland nahezu ideal. Das Freisinger und das Erdinger Moos böten ausreichend Nahrung, außerdem fänden die Störche an der Kompostieranlage Wurzer bei Eitting jederzeit einen gedeckten Tisch. Bis zu 90 Exemplare hat Magerl rund um die Anlage schon gezählt. Wohnen würden Störche jedoch bevorzugt auf hohen Dächern – eben wie in der Stadt Freising.
Dort blickt man jedoch mit ein bisschen Sorge in die Zukunft. Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben Anfang der Woche ebenfalls einen Ausflug auf den Georgsturm unternommen, um zu sehen, wie viele Jungtiere in den Nestern sind. Im nächsten Jahr wolle man besser vorbereitet sein, wenn die Störche einfliegen, hieß es. Von der Hartnäckigkeit, mit der die Marienstörche an ihrem Nistplatz in der Krone festgehalten hätten, sei man doch überrascht gewesen.
Elisabeth Maier, die der kleinen Delegation den Aufstieg auf den Turm mit seinen 212 Stufen geöffnet hat, mag die Störche durchaus und formuliert aber auch die Bedenken, die inzwischen viele in der Stadt umtreiben: „Wenn die Küken im nächsten Jahr alle mit Partner wiederkommen und dann auch hier brüten, wird es vielleicht doch zu viel.“
Eine Idee ist, rechtzeitig weitere Nisthilfen anzubieten – vielleicht sogar außerhalb der Innenstadt. Denn der Kot der Vögel kann unter anderem an alten Dachziegeln durchaus Schaden anrichten. Einen Beschluss dazu gibt es noch nicht – in der Frage, wie viele Störche erwünscht sind und wo, ist sich der Stadtrat nicht einig.
Vorerst aber kann Ornithologe Magerl die Freisinger ohnehin beruhigen. Geschlechtsreif würden junge Störche erst mit drei oder vier Jahren. Was sie bis dahin machen? „Irgendwo rumgeistern.“


