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Abschied aus dem Freisinger Stadtrat:Helmut Weinzierl: "Ein bisserl Stolz ist schon dabei"

Helmut Weinzierl saß für die SPD sagenhafte 48 Jahre lang im Freisinger Stadtrat. Er hat sich unter drei verschiedenen Oberbürgermeistern vor allem um die Belange des Sports gekümmert und erlebt, wie sich die starren Mehrheiten in dem Gremium aufgelöst haben.

Wenn es das Coronavirus erlaubt und sich Anfang Mai der neue Freisinger Stadtrat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenfindet, dann wird ein Mann nicht mehr dabei sein, der dem Gremium fast ein halbes Jahrhundert lang angehörte: Helmut Weinzierl. Als einfaches Mitglied, aber auch als Sportreferent hat er diesen Stadtrat geprägt. Als er vor zwei Jahren bei der Sportgala der Stadt mit dem großen Freisinger Bären geehrt wurde, würdigte ihn Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher als Mann mit Sachverstand und Fingerspitzengefühl. Der Stadtrat habe mit ihm einen Glücksgriff getan, Weinzierl sei ein großer Sportförderer. Er habe die Fähigkeit des Ausgleichs und könne vermitteln. Die Freisinger SZ hat mit Helmut Weinzierl über seine Arbeit in Sport und Politik gesprochen.

SZ: Sagenhafte 48 Jahre im Freisinger Stadtrat. Was empfindet man da als Rekordhalter: Freude, Zufriedenheit, Genugtuung?

Weinzierl: Alle drei Begriffe treffen das optimal.

Macht einen das stolz, so viel Anerkennung, Vertrauen und Rückhalt zu finden?

Ein bisserl Stolz ist da schon dabei.

Wenn man so oft wiedergewählt wird, zeugt das von großer Popularität. Wie erklären Sie sich Ihre Beliebtheit bei den Freisingern?

Da müsste man wohl die Freisinger fragen. Vielleicht war es meine Bereitschaft, mein ehrliches Bemühen zu helfen, wenn Not am Mann war. Schöne Leistungen, großes Engagement von Mitbürgerinnen und Mitbürgern waren für mich nie selbstverständlich. Ich habe mit ihnen darüber gesprochen und meine Anerkennung und Begeisterung nie versteckt.

2017 wurde Helmut Weinzierl von Freisings OB Tobias Eschenbacher für seine 45-jährige Stadtratstätigkeit ausgezeichnet. Dafür gab es eine Urkunde und rote Rosen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Sie haben im Stadtrat drei Oberbürgermeister erlebt. Wer hatte das größte Verständnis für den Sport?

Adolf Schäfer hatte als ehemaliger Motocross-Fahrer ein großes Herz für den Sport. Beim Bau des Sportzentrums Savoyer Au hat er uns vorbildlich unterstützt. Für Anliegen der Vereine hatte er immer ein offenes Ohr. Unter Dieter Thalhammer entstand die erste Kunsteisbahn als Vorgängerin der Weihenstephan Arena. Der erste Kunstrasenplatz folgte. Die Sportgala wurde aus der Taufe gehoben. Thalhammer wusste, was er am Sport hatte und umgekehrt. Tobias Eschenbacher führte die Vorarbeiten seines Vorgängers bezüglich der Eishalle und des Kombibads konsequent fort und durfte in seiner ersten Amtszeit - zusammen mit mir in meiner letzten - zwei sportliche Aushängeschilder für unsere großen und kleinen Freisinger einweihen. Als Hobby-Läufer hat Tobi eine besondere Bindung zum Sport und das machte die Zusammenarbeit mit ihm ähnlich unkompliziert wie mit seinen Vorgängern unter anderen Vorzeichen.

Ihre Partei war und ist die SPD. Wie sind Sie zu ihr gekommen?

1972 hat mich Peter Westermeier gefragt, ob ich für den Stadtrat kandidieren würde. Wir kannten uns vom Sport her und Peter wusste, dass ich Gewerkschafter war. Als Lehrer am Jo-Ho hat man bei mir einen hohen Bekanntheitsgrad erwartet. Mit über 6000 Stimmen hat sich das bewahrheitet.

Meinem Wissen nach haben Sie nie höhere Parteiämter angestrebt. Wollten Sie nicht - oder sind Sie nie gefragt worden?

Die Stadtratstätigkeit hat mich voll ausgefüllt, zumal ich ja noch Leichtathletiktrainer war und eine Familie hatte. Neben unserem Beruf waren meiner Frau und mir auch die kulturellen Schmankerl in Freising sehr wichtig.

Vor 36 Jahren sind Sie Sportreferent der Stadt geworden. War dieses Amt mehr Freude oder mehr Belastung?

Dieses Amt hat mir viel Freude gemacht. Eine große Belastung war es nie. Probleme habe ich als Herausforderung empfunden, für deren Bewältigung mir viele liebe Menschen in der Stadtverwaltung und in den Sportvereinen hilfreich zur Seite standen.

Ur-Freisinger aus Ingolstadt

Irgendwie gehört er fast schon zum Freisinger Stadtbild, ein Ur-Freisinger eben, mögen sich viele denken. Stimmt aber gar nicht. Helmut Weinzierl, der in wenigen Tagen seinen 81. Geburtstag feiern kann, wurde in Ingolstadt geboren und wuchs zusammen mit seinen beiden Brüdern in Kösching auf. Nach dem Besuch des Christoph-Scheiner-Gymnasiums in Ingolstadt begann er an der LMU eine Ausbildung zum Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch, machte Stationen in München, Freising und Altdorf und kehrte dann nach Ingolstadt zurück.

1968 wurde er an das Josef-Hofmiller-Gymnasium in Freising berufen und gehörte dem dortigen Lehrpersonal bis 2003 an. Es habe ihm immer Spaß gemacht, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, sagt er, und er habe sich bemüht, Sprache seinen Schülern nicht als etwas Künstliches zu vermitteln. Unterricht muss auch Spaß machen, sei seine Devise gewesen.

Weinzierl zog 1958 mit seiner Familie nach Freising, ist seit 1975 verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. Weil Gerechtigkeit und Hilfe für Schwache schon immer zu seinen Grundüberzeugungen gehörten, trat er 1972 der SPD bei. Schon im gleichen Jahr wurde er in den Freisinger Stadtrat gewählt, dem er nun seit 48 Jahren angehört. 36 Jahre davon war er Sportreferent, was irgendwie stimmig war.

Denn neben Familie, Schule und Kommunalpolitik gehört seine Liebe dem Sport, genauer gesagt der Leichtathletik. So brachte ihn 1960 der legendäre Ferdl Hindelang zum TSV Jahn. "Ein Spitzensportler wirst Du eh nie", soll der gesagt haben, "aber wir brauchen einen Mädchentrainer". Bald wechselte er zu den Buben, die er ebenso engagiert und kompetent betreute, erst beim TSV Jahn und von Dezember 1998 an beim LC Freising. Seit 1969 ist er zudem Sprecher der LAG Mittlere Isar. ki

Was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit, was haben Sie erreicht für den Freisinger Sport?

Am wichtigsten in einer kontinuierlich wachsenden Stadt war der Bau von Hallen und weiteren Sportstätten. Bei den Schulturnhallen konnte auch der Vereinssport wesentlich besser berücksichtigt werden. Bei der neuen Dreifachhalle im Steinpark wird es übrigens sogar Zuschauerränge geben. Wie schon erwähnt, wurde mit dem Bau des Kombibades Fresch und der Eisarena den Freisinger Sportinteressierten zweimal eine neue Sport-Welt zur Verfügung gestellt. Auch der Freisinger Sport-Winter lebt. Die Stadt Freising hat ihrerseits immer die staatlichen Übungsleiterzuschüsse aufgebessert und sie hat als freiwillige Jugendsportförderung die Vereine pro Jugendlichem mit einem Fixbetrag unterstützt. Auf Antrag von Bürgermeister Hans Hölzl hat der Stadtrat erst kürzlich diese Summe noch einmal erhöht.

Was haben Sie nicht geschafft, woran sind Sie im Stadtrat gescheitert?

Im Stadtrat gibt es schon lange keine starren Mehrheiten mehr. Mit Geduld und vielen Gesprächen kann man als Referent für einleuchtende Vorschläge durchaus die nötige Unterstützung gewinnen.

Bei der jüngsten Wahl haben Sie nur noch auf Platz 40 kandidiert. Trotzdem sind Sie auf Platz 9 vorgehäufelt worden. Enttäuscht, nicht gewählt worden zu sein?

Ich freue mich, dass die Wähler mich auch bei meinem neunten Antreten auf einen einstelligen Platz auf der SPD-Liste vorgehäufelt haben. Leider hat meine Stimmenzahl am Ende dann doch nicht gereicht, um jungen SPD-Kandidaten oder -kandidatinnen zu einem weiteren Stadtratsmandat zu verhelfen.

Ihre Frau und Ihre Tochter haben ja auch für die SPD kandidiert, sind aber beide gescheitert. Trauert die Familie jetzt gemeinsam?

Wir haben gewusst, dass es schwer werden würde. Wir sind nicht traurig, aber wir haben uns trotzdem geärgert. Der Ärger ist inzwischen verraucht.

Dass es die Tochter nicht geschafft hat, hängt ja vorwiegend mit dem schlechten Abschneiden der SPD zusammen. Wie erklären Sie sich den Niedergang der Sozialdemokratie?

Julia hat etwa 500 Stimmen mehr bekommen als vor sechs Jahren. Das ist ja schon mal positiv. Die SPD wird das Image einer "Altpartei" abschütteln und mit dem Elan und der Kreativität ihrer jungen Mitglieder neues Interesse wecken, und dabei die älteren Mitglieder und Anhänger mitnehmen können.

Was den Sport betrifft, haben Sie sich ja zeitlebens für die Leichtathleten engagiert. Wie ist es dazu gekommen, waren Sie selbst ein erfolgreicher Sportler?

Als meine Familie 1958 nach Freising kam, gingen meine Brüder und ich zum TSV Jahn. Als angehender Lehrer wurde ich dem "Trainerteam" zugeteilt. Meine Begeisterung war anfangs größer als mein Sachwissen.

Sowohl im Sport, als auch in der Kommunalpolitik haben Sie immer durch Ihre Ruhe überzeugt, Sie waren ein Mann des Ausgleichs. Hat Sie auch mal was in Rage gebracht?

Ja, im Herbst 1998, als der Vorsitzende des TSV Jahn Freising, Anton Dötterböck, die Leichtathletikabteilung beim Bayerischen Leichtathletikverband aus der LAG Mittlere Isar abgemeldet hat. Da haben wir den LC Freising gegründet und zusammen mit den LAG-Freunden eine Erfolgsgeschichte fortgeschrieben - nach dem Motto: Nur zusammen sind wir stark.

Sie sind jetzt 80 Jahre alt. Was haben Sie noch vor, womit wollen Sie sich in den nächsten Jahren beschäftigen?

Die gemeinsamen Kultur- und Fitnessaktivitäten mit meiner Frau werden nicht mehr durch Stadtrats- und Politiktermine kompliziert. Und unsere Enkelkinder werden sich auch wundern, dass der "Nonno" auf einmal mehr Zeit für sie hat. Aber ich glaube, der neue Stadtrat wird trotz unfassbar schwerer Startumstände einen guten Job machen. Unsere Arpajoner Freunde wünschen den Neuen schon jetzt: "Vive le conseil municipal de Freising" (Christian Beraud, der wiedergewählte Bürgermeister unserer Partnerstadt).

© SZ vom 23.03.2020/nta
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