Stadtgeschichte:"Freising wie es früher einmal war"

Stadtgeschichte: Am Scharfrichterhaus befand sich früher der Freisinger Galgen. So mancher Schurke, über den Ernst Keller in seinem Buch schreibt, musste dort für seine Schandtaten büßen. Das Scharfrichterhaus befand sich am Ende der Prinz-Ludwig-Straße.

Am Scharfrichterhaus befand sich früher der Freisinger Galgen. So mancher Schurke, über den Ernst Keller in seinem Buch schreibt, musste dort für seine Schandtaten büßen. Das Scharfrichterhaus befand sich am Ende der Prinz-Ludwig-Straße.

(Foto: Stadtarchiv Fotosammlung)

Der Heimatforscher Ernst Keller erzählt in seinem neuen Buch Geschichten über die Stadttore, das Soldatenleben in der Garnison Neustift und das Schicksal von Menschen, die aufgrund von Armut oder Habgier Verbrechen begingen.

Von Peter Becker, Freising

"Freising wie es früher einmal war" heißt das Buch von Heimatforscher Ernst Keller, das pünktlich zur 1300-Jahr-Feier der Ankunft des Heiligen Korbinians erscheint. Im Vordergrund stehen Geschichten und Anekdoten rund um die Stadttore und das Soldatenleben außerhalb der Stadtmauern in der Garnison Neustift. Kreisheimatpfleger Bernd Feiler weist in seinem Geleitwort darauf hin, dass in diesem Buch nicht die Heiligen, Fürsten oder die Bischöfe die Protagonisten sind, sondern ganz normale Personen, die in der Geschichte der Stadt oder des Landkreises kaum zu Wort gekommen sind.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Dreißig Seiten widmet Keller den Freisinger Stadttoren, ihrem Entstehen und ihrem Abbruch. Auszüge aus damals erschienenen Zeitungen berichten von Ereignissen, die rund um die Tore geschahen. Zwei größere Kapitel sind dem Einmarsch der napoleonischen Truppen in Freising und der Mörder-Hebamme Walburga Fichtl gewidmet, die am Ziegeltor wohnte.

Stadtgeschichte: Eine imaginäre Zeichnung aus dem Jahr 1945 zeigt das nordöstliche Freisinger Stadttor, genannt das Murntor, das nach Neustift führte.

Eine imaginäre Zeichnung aus dem Jahr 1945 zeigt das nordöstliche Freisinger Stadttor, genannt das Murntor, das nach Neustift führte.

(Foto: Stadt AFS, Graphische Sammlung)

Etwa 50 Seiten umfasst der Abschnitt, den Keller dem Soldatenleben gewidmet hat. Der Leser erfährt, welche Nöte die Bevölkerung unter der Besatzung von 12 000 französischen Soldaten litt, die im Dezember 1800 in die Stadt vorgerückt waren. Keller erzählt von den Vorbereitungen auf den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Auf dessen Schlachtfeldern versuchte der Freisinger Oberstabs- und Regimentsarzt Emil Buxbaum, die Qualen der verwundeten Soldaten mit unzureichenden Medikamenten und Verbandsstoffen zu lindern. Nicht fehlen darf die Geschichte von Franz Dettenhofer, der durch eine tollkühne Attacke Kameraden aus der französischen Gefangenschaft befreite und selbst 14 Gefangene machte.

Der dritte Teil des 160 Seiten starken Buches besteht aus Kriminalgeschichten, die Keller recherchiert hat. Deren Protagonisten stammen aus den unteren sozialen Schichten der Stadt. Aus purer Not oder aber auch reiner Habgier waren sie auf die schiefe Bahn geraten. Die damaligen Gerichte machten wenig Federlesen mit den Ganoven. Oft endete ihr elendes Dasein damit, dass sie am Galgen oder auf dem Schafott ihr Leben aushauchten.

Keller geht es in seinem Buch nicht um die Verklärung "der guten alten Zeit". Vielmehr versucht er, wie er selbst in seinem Vorwort schreibt, noch einmal exemplarisch Rückschau auf vergangene Zeiten zu halten. Allerdings ohne Ereignisse zu verklären oder zu idealisieren.

Feiler schreibt in seinem Geleitwort von einem Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung. Stand lange Zeit das Leben von Kaisern, Königen, Fürsten oder Päpsten im Mittelpunkt des Interesses, habe im 19. Jahrhundert die Regionalisierung der Geschichte begonnen. Auf einmal war die Sozial-, Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte eines Ortes oder einer Region von Relevanz. "Regional- oder Ortsgeschichte erzählt vom Zusammenleben der Menschen, ökonomischen Verhältnissen, von Entwicklung und Wandel", beschreibt Feiler den Perspektivwechsel. Der Kreisheimatpfleger würdigt in diesem Sinn die Geschichten, die Keller aus der Vergangenheit zusammengetragen hat.

Lokale Geschichte spiegelt historische Prozesse wider

Feiler begründet die wachsende Bedeutung der Heimatgeschichte in den Geschichtswissenschaften damit, dass sich komplexe historische Prozesse in lokalen Erfahrungen widerspiegelten. "Längst Vergangenes wird dadurch gegenwärtig und anschaulich." Die Lokalhistorie stelle nicht mehr die Oberschicht in den Mittelpunkt, sondern vielmehr die breite Bevölkerungsschicht. Kernaufgabe der Kreisheimatpflege sei die Erforschung und Vermittlung von Regionalgeschichte. Deshalb, so Feiler, habe sich der Landkreis Freising finanziell am Druck des reich bebilderten Geschichtswerks von Keller beteiligt.

Ernst Keller: "Freising wie es früher einmal war", 160 Seiten. ISBN: 978-3-00-076632-9. Erscheinungsdatum im Buchhandel ist Freitag, 1. März. Das Buch kostet 19,90 Euro.

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