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Bilanz nach 30 Jahren im Freisinger Stadtrat:Immer im Dienst der Schwachen

Ohne die Arbeit im Stadtrat hat Heidi Kammler jetzt mehr Zeit, sich um ihre Rosen zu kümmern. Mehr, aber nicht wirklich viel, denn ihr Amt als Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt übt die Freisingerin nach wie vor aus.

(Foto: Marco Einfeldt)

30 Jahre war Heidi Kammler Freisinger Stadträtin für die SPD, schon mit 15 in der Gewerkschaft. Der Politik hat sie den Rücken gekehrt, um Jüngeren den Vortritt zu lassen. Sie selbst hat mit ihren Ehrenämtern ohnehin genug zu tun.

Interview von Kerstin Vogel, Freising

Heidi Kammler kommt zu dem Gespräch und würde eigentlich lieber über die Situation in der AWO-Tagespflege reden oder über die Probleme, die Corona in der offenen Behindertenarbeit bereitet. Wie so oft ist sie gerade auf der Suche nach einem Sponsor für eine notwendige Anschaffung der AWO. Das Engagement für die Schwächeren in der Gesellschaft zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Im Mai hat sie ihre Arbeit als SPD-Stadträtin in Freising beendet, sie hatte sich bei der Kommunalwahl 2020 nicht noch einmal aufstellen lassen, um Jüngeren Platz zu machen, wie sie sagt.

SZ: Gewerkschaft, Sozialdemokratie, AWO, also "links" und sozial - und das von jungen Jahren an, wo kam das her?

Heidi Kammler: Vor allem von meinem Vater. Die Mama war auch sozialdemokratisch geprägt, wobei das Elternhaus eher CDU war, preußisch. Aber mein Vater, der war auch schon von seinem Zuhause aus ein Sozialdemokrat. Der Vater von meinem Vater war so stolz, als ich schon mit Beginn der Lehre in die Gewerkschaft eingetreten bin, dass ich gleich ein bisschen Geld bekommen habe.

Gewerkschaft also schon mit 15, wann kam das Engagement für die SPD dazu?

Das war die Irene Gallisch (2004 verstorbene Freisinger SPD-Politikerin, Anm. d. Red.), weil ihr Mann war ja auch Gewerkschafter in Weihenstephan, also hat man sich gekannt. Irgendwann hat sie gesagt, du, da gibt es eine Neuaufstellung, du gehst jetzt zur SPD. Und das war für mich politisch ja kein Problem. Das Amt, der Sitz im Stadtrat, der kam dann erst 1990. Ich hatte schon vorher mal irgendwo auf irgendeinem hinteren Platz kandidiert, und hab mich dann vorgearbeitet und auch weitergemacht, als ich nicht gleich beim ersten Mal gewählt worden bin. Und dann war ich auf einmal drin. Auch meine Arbeit bei der AWO war übrigens eine Verfügung von der Frau Gallisch. Ich hatte mich da nicht aufgedrängt. Nun mache ich das seit 2004. Und es ist schon einiges an Arbeit. Man ist ständig auf der Suche nach finanzieller Unterstützung, das kostet Kraft.

Wie hat sich die Arbeit in den 30 Jahren im Stadtrat verändert?

Schon sehr. Ich habe ja die Zeit unter dem Oberbürgermeister Adi Schäfer noch mitbekommen. Da gab es sehr lange Sitzungen (lacht). Da saß er mit der Zigarette und dann hat das bis 12, halb eins gedauert und am nächsten Tag ist man in die Arbeit gegangen. Jetzt haben die Jüngeren schon ein Problem, wenn es mal nach zehn wird.

Ist früher mehr gestritten worden?

Gestritten? Hmm, ja, aber das war konstruktiv und unter dem Strich ist dann etwas herausgekommen, man hat einen guten Konsens gefunden, der von allen akzeptiert wurde. Jetzt ist es so, dass wenn sich die einen mit irgendwas durchgesetzt haben, die anderen immer noch nachtarocken müssen.

Was war eine für Sie "harte" Entscheidung, ein Kompromiss, den Sie gegen ihre Überzeugung hinnehmen mussten?

Das war die Schwimmbad-Entscheidung, ein großes Thema, bei dem auf einmal alle mit wehenden Fahnen dafür waren, dass der Standort in Lerchenfeld weiter besteht, das werde ich nie vergessen. Ich bin zwar bis heute der Meinung, dass der andere Standort am Bahnhof einfach optimal gewesen wäre, die Erschließung, man hätte dort alles in Kombination gehabt, aber das ist Vergangenheit. Und wenn man sich nicht geeinigt hätte, hätten wir halt gar nichts gehabt. So haben wir jetzt - das muss ich wirklich sagen - ein wunderschönes neues Schwimmbad. Gut, die Parksituation ist nach wie vor ein Problem, obwohl es ein Parkhaus gibt, aber trotzdem hackt man da jetzt nicht ständig nach. Es gibt da ja so einige Beschlüsse...

Was meinen Sie?

Ein anderes Beispiel ist die Moosach-Öffnung. Jetzt, aktuell, ist das natürlich ein Riesen-Problem für die Geschäfte, das ist schon klar mit diesen sehr großen Baumaßnahmen. Aber das war uns im Stadtrat doch allen bewusst. Und ich bin überzeugt, wenn das mal fertig ist, dann wird das wunderschön. Ich finde, da müssen die Stadträte jetzt dahinter stehen - und nicht hintenherum kritisieren und anderen nach dem Mund reden und nicht zu seiner Meinung stehen. Aber das ist ja ein Problem, das ich auch mit meiner eigenen Partei habe, dass die mal bei ihrer Linie bleibt und nicht auf einmal grüner ist als die Grünen.

Wobei ich ja eigentlich immer gesagt habe, ich wäre die ideale Edelgrüne. Ich rauche nicht, ich trinke kaum Alkohol, ich bin noch nie geflogen, ich fahre ein kleines Auto, fahre Rad, esse kein Fleisch....

Wenn wir schon bei den Parteien sind. Die SPD ist ja nicht in "Bestzustand", sagen wir mal. Haben Sie mal darüber nachgedacht, da andere Wege zu gehen?

Nein, das mache ich nicht, bei allem Ärger! Ich muss sagen, ich bin zum Beispiel kein Fan von der neuen Parteivorsitzenden, die hat kein soziales Herz, da geht es nur um Macht, da fehlt etwas. Aber das ist nicht meine Art, deswegen jetzt die Partei zu wechseln, auch wenn ich mich ärgere.

Haben Sie die Stadtpolitik mit Ihrem Ausscheiden aus dem Stadtrat komplett hinter sich gelassen?

Ja, mehr oder weniger schon. Ich empfinde es als sehr wohltuend, dass mit dem Andreas Mehltretter da jetzt ein junger Mensch ist, der sich einbringt. Den muss man dann auch fördern und die anderen Jungen im Stadtrat auch. Und in der Stadtpolitik werden die nächsten Jahre schwierig. Da wird man sich auf die Hauptarbeiten konzentrieren müssen, den Innenstadtumbau, das Asam, das wird ja auch nicht billiger, die Westtangente. Da müsste man jetzt schon anfangen, verkehrsleitende Maßnahmen zu ergreifen, damit die Leute wissen, wo sie dann fahren sollen und wo nicht.

Fußgängerzone für die Innenstadt oder nicht?

Ich hab sie ja schon mal gefordert und bin damit kläglich untergegangen. Aber jetzt wäre schon eine gute Gelegenheit. Es ist richtig, es gibt immer noch Ärzte in der Innenstadt, aber es müsste doch Möglichkeiten geben, dass die von Patienten oder deren Angehörigen noch angefahren werden können. Wenn die Poller funktionieren würden.... Und dann einen sehr kleinen Bus, der durch die Innenstadt pendelt. Die Autos, die überall rumstehen, verschandeln doch schon wieder die ganze Untere Hauptstraße, die machen das ganze Bild kaputt. Ich hoffe auf die jungen Leute - aber ich fürchte, die werden ausgebremst.

Das Thema dieser Tage ist auch in Freising die Corona-Pandemie. Die Folgen haben Sie in der Tagespflege der AWO von Anfang an hautnah miterlebt.

Wir haben super Personal, das gerade in dieser Zeit großartig gearbeitet hat, darauf bin ich richtig stolz. Die waren super engagiert und das immer mit der Angst im Nacken, dass sich irgendjemand infiziert bei den Schwestern. Das wäre eine Katastrophe gewesen. Die Maßnahmen sind hart für die Bewohner, aber ein älterer Mensch ist natürlich noch gefährdeter als jüngere. Und wenn ich jetzt da in München diese Demonstranten sehe, da kriege ich wirklich die Krise, was macht das aus, wenn ich eine Maske tragen oder Abstand halten muss, das hat doch nichts mit Demokratie zu tun. Wenn man nach Weißrussland schaut, wo die wirklich zu kämpfen haben für die Demokratie, dann fragt man sich, über was die hier eigentlich klagen. Dafür habe ich kein Verständnis. Und diese Demos werden natürlich auch unterwandert von Rechten. Ich habe ja jetzt mehr Zeit und lese viel über das Dritte Reich und wie schleichend das damals ging und ich mache mir schon Sorgen, dass das auch so ein schleichender Prozess ist.

Bei welchem Projekt, das in Freising noch ansteht, bedauern Sie, dass sie nun nicht mehr dabei sind, um die letzten Entscheidungen mit zu treffen?

Das ist das Wohnbauprojekt Obere Pfalzgrafstraße. Das war ja mein Antrag und das läuft jetzt. Da wäre ich bei der Verwirklichung gerne noch dabei gewesen, wenn das jetzt anläuft mit dem Wettbewerb und alledem. Da kann man so viel entwickeln für die Zukunft, es wird Genossenschaftsbau geben, bezahlbare Wohnungen für Senioren und für Familien. Vielleicht auch, dass man mal etwas kaufen kann zu vernünftigen Preisen oder mit einem vernünftigen Erbbauzins.

© SZ/nta

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