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Geschichte der Seuchen in Freising:Angst vor dem Schwarzen Tod

Das Heiliggeistspital, heute ein Seniorenheim, war der Nachfolgebau des ersten, im Dreißigjährigen Krieg zerstörten, Freisinger Krankenhaus. Fertig war der vermutlich von Antonio Riva entworfene Bau 1688.

(Foto: Marco Einfeldt)

Auch in der Stadt und im Landkreis Freising hat im 17. Jahrhundert die Pest gewütet - die Hygiene war schlecht, vor allem gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges hatten die Menschen kaum etwas zu essen. In den Kirchen zeugen Bilder der Pestheiligen von dieser schweren Zeit.

In historischen Quellen ist seit der Antike oft von einer Krankheit, die als Pest bezeichnet wird, zu lesen. Damit muss nicht immer die gemeint sein, als deren Erreger seit dem 19. Jahrhundert der Pestbazillus Yersina pestis gilt. Denn Pest bedeutet, aus dem Lateinischen übersetzt, nichts anderes als Seuche. Gewissheit, dass beispielsweise der "Schwarze Tod" im Mittelalter durch das Pestbazillus ausgelöst wurde, gibt es erst durch moderne medizinische Forschungsmethoden.

Pest und Cholera - Auf den Spuren der Seuchengeschichte Freisings

Die Corona-Pandemie hat den Landkreis Freising fest in ihrem Griff. Von Tag zu Tag steigt die Zahl der Infizierten. Manche sterben an der Krankheit. Die moderne Medizin hilft trotzdem, die Auswirkungen der Pandemie in Grenzen zu halten. In früheren Zeiten war das nicht so. Die hygienischen Verhältnisse erlaubten es Krankheitserregern, sich ungehindert zu verbreiten. Die medizinische Versorgung war schlecht. Lange Zeit wussten selbst Ärzte nicht, was genau die Krankheiten ihrer Patienten verursacht hatte. Erst im späten 19. Jahrhundert entdeckten Louis Pasteur und Robert Koch, dass bestimmte Mikroorganismen Infektionskrankheiten auslösen und wie sie zu bekämpfen seien. Die SZ-Serie beschreibt, welche Krankheiten immer wieder im Landkreis grassierten. Der zweite Teil ist der Pest gewidmet.

G. Lammert zitiert in seinem Buch "Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegsnoth zur Zeit des dreissigjährigen Kriegs" aus einer Urkunde vom 6. Mai 1645, die beschreibt, wie es zu dieser Zeit in Freising zuging. Da heißt es, dass "die gräuliche Pest und erschreckende Hungersnoth" Einzug gehalten hätten. Auch die vornehmsten Bauern hätten "kein Kleyenbrodes nit zu sättigen" gehabt, sondern "Hunde, Katzen und allerlay unnatürliche Speisen gegessen". Viele seien am Hunger gestorben. Güter und Bauernhöfe seien verlassen gewesen, "die Felder öde gelegen, verwachsen und verwüstet worden. Niemand habe glauben mögen, dass alles einmal wieder aufgebaut werden könnte.

"Die Hygiene war schlecht, die Leute hatten nichts zum Essen"

Wenig historische Beiträge finden sich über die Zeiten, in denen die Pest, der Schwarze Tod, in der Stadt und im Landkreis Freising wütete. Hier fände sich noch ein Betätigungsfeld für Heimatforscher. Der ehemalige Kreisheimatpfleger Rudolf Goerge weist aber darauf hin, dass Erinnerungen an die Pestepidemien seit dem 17. Jahrhundert quasi in allen Bauernkirchen des Landkreises vorhanden seien. In denen seien oft Bildnisse der sogenannten Pestheiligen Rochus und Sebastian zu finden. "Die Hygiene war schlecht, die Leute hatten nichts zum Essen. Viele sind damals gestorben", schildert Goerge die damaligen Zustände zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) hin.

An die Pesttoten aus dem Jahr 1646 erinnert etwa heute noch eine Pestsäule an der Hohenbachern Straße in Kranzberg. Damals waren schwedische Truppen dort eingefallen. 177 Kranzberger seien damals an der Seuche gestorben, steht in einem Beitrag zum Pantaleonsberg auf der Homepage der Gemeinde. Die Säule selbst stammt aus dem Jahr 1934. 1646 waren schwedische Truppen erneut in Freising eingefallen. "Mit Pest und Hunger im Gefolge", heißt es in einem Wikipedia-Beitrag. Fürstbischof Albert Sigismund stiftete zur Erinnerung im Jahr 1674 die Mariensäule in Freising.

Rudolf Goerge weiß von einem Klappsarg aus Fahrenzhausen, der jetzt zum Schatz des Diözesanmuseums in Freising gehört. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in dem die Seuche in großem Stil im Landkreis Freising wütete, war dieses wiederverwendbare Modell in Gebrauch. Die Leiche fiel aus einer Klappe heraus in die Grube. Goerge erinnert daran, dass es im Dom ein sogenanntes Pestkämmerlein gegeben habe. Darin konnten sich Kranke aufhalten und den Gottesdienst mitverfolgen.

Das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund verweist in dem Beitrag "Kleine Geschichte der Seuchenseelsorge" im Erzbistum München und Freising auf eine Stellenanzeige des Fürstbischofs Veit Adam von Gepeckh aus dem Jahr 1634. Gesucht war damals laut Roland Götz vom Archiv des Erzbistums ein Pestseelsorger, der sich um die Kranken kümmern sollte. Als Gegenleistung seien dem Geistlichen freie Kost und Logis sowie ein Vorgriffsrecht auf eine frei werdende Pfarrstelle in Aussicht gestellt worden. Und ein ehrenvolles Begräbnis, falls er der Krankheit selbst erliegen sollte. Aus dem Archiv des Erzbistums geht hervor, dass ein gewisser Bartholomäus Herzenfro diese Stelle annahm. Über sein Schicksal ist allerdings nichts Näheres bekannt.

Das Heilig-Geist-Spital stammt aus dieser Zeit

Schon lange vor der frühen Neuzeit hatte der Schwarze Tod im Mittelalter in Freising ein erstes Mal gewütet. In Erinnerung daran ist das Heilig-Geist-Spital mit Krankenanstalt entstanden. Die Pest hatte die Stadt und den Landkreis in den Jahren 1347 bis 1351 heimgesucht. Der Chorherr in St. Andrä und Domherr in Freising, Conrad Gaymann, hatte den Bau einer Unterkunft für arme, notleidende und kranke Menschen in seinem Nachlass bestimmt. Das Gebäude wurde etwa 1378 fertiggestellt. Auch das Kloster Weihenstephan verfügte über ein Hospital.

Zu dieser Zeit soll es vor dem Münchner Tor einige Anwesen gegeben haben, die jüdischen Freisingern gehörten. Die Häuser müssen dort gewesen sein, wo sich heute an der Bahnhofstraße das Freisinger Vinzentinum befindet. Es sei allerdings keineswegs von einer jüdischen Gemeinde zu sprechen, steht in der "Alemanica iudaica", einem Überblick über die jüdische Geschichte in Süddeutschland. Dieser beruft sich auf das Freisinger Rechtsbuch von 1328, in dem besondere Vorschriften für die Juden in der Stadt erlassen waren.

Das "Alemanica iudaica" geht davon aus, dass diese betroffenen jüdischen Familien als Folge der Pest 1348/49 aus Freising vertrieben worden waren. Pogrome zu Zeiten des Schwarzen Todes im Mittelalter waren in Europa weit verbreitet. Die Menschen hatten damals noch keine Ahnung, dass Mikroorganismen die tödliche Krankheit verursachten. Die Erklärung für das Auftreten von Seuchen suchten sie in ihrer Todesangst darin, dass jemand etwa das Trinkwasser vergiftet haben müsse. Da fiel der Verdacht gleich auf gesellschaftliche Randgruppen, wie etwa die Juden.

© SZ vom 07.04.2020/nta

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