Neugier treibt den Menschen an. Zu viel davon kann aufdringlich und taktlos wirken, hier ist sie aber ausdrücklich erlaubt und sogar erwünscht. Darauf weist schon eine Aufschrift am Schaufenster hin. In Freising entsteht gerade ein Raum, in dem große und kleine Besucher technische und naturwissenschaftliche Phänomene erkunden können – auch oder gerade, wenn sie sich auf diesem Gebiet sonst eher unsicher fühlen. Am 1. April, kein Scherz, eröffnet in der Freisinger Innenstadt ein „Science Center“, das zum Experimentieren einlädt. Zunächst als Provisorium für zwei Monate.
Zwei Wochen vor der Eröffnung sieht es in den Räumen chaotisch aus. Der neue Teppich überdeckt den Fliesenboden des ehemaligen Supermarkts an der Unteren Hauptstraße. Schränke und selbst gebaute Exponate stehen kreuz und quer in der entkernten Halle. Erste Einblicke aber sind bereits möglich. Ein Zerrspiegel lässt selbst schlanke Körper schrumpfen und in die Breite gehen. Die Kugeln des Drei-Zeiten-Pendels sind in violettes Licht getaucht und schwingen ganz unterschiedlich. Anfassen ist ausdrücklich erlaubt.
Für Annika Strömmer und Kim Ludwig-Petsch, die beiden Initiatoren und Geschäftsführer von Curiocity, geht der erste Teil eines Traums in Erfüllung, der zunächst einmal geplatzt war. Am Lab-Campus des Flughafens, in von der TU München angemieteten Räumen, sollte Anfang dieses Jahres Bayerns erstes großes Science Center auf einer Fläche von 1300 Quadratmetern eröffnen. Diese Pläne zerschlugen sich im Herbst. Nun startet das „Curiocity“-Projekt deutlich kleiner als Pop-up-Lösung mit 40 interaktiven Mitmach-Stationen auf 360 Quadratmetern. Auf einer kleinen Bühne werden „Science-Shows“ stattfinden. Zudem sind Workshops geplant. Bis zum Jahresende wollen Strömmer und Ludwig-Petsch ein dauerhaftes Quartier finden. Das Problem: Viel Miete bezahlen können sie nicht.
Ehrenamtliche Helfer wie Werner Salomon packen beim Aufbau mit an. Der Aufwand für zwei Monate ist groß, das Curiocity-Team hofft deshalb, dass eine Verlängerung möglich sein wird. „Wir sehen das als Riesen-Chance, um sichtbar zu werden in der Stadt“, sagt Kim Ludwig-Petsch. „Und zu zeigen, was wir machen“, ergänzt Annika Strömmer. „Als kleines Schaufenster, was möglich ist.“ Was ist ihr persönliches Highlight in diesem Showroom? „Die Wärmebildkamera“, sagt Strömmer, nachdem sie kurz überlegt hat. Was die Leute erwartet, ist ein eindrucksvolles Farbenspiel. Sie laufen auf einen großen Bildschirm zu und sehen, wie sich der Körper rot färbt. Zumindest ein großer Teil davon. Denn die Nase bleibt blau, ist also kälter, insbesondere bei Frauen.


Auf dem Plan steht bereits alles. Es gibt Stationen zum Thema KI, Luft und Fliegen, Licht, Biologie und Klang. Im Bereich Mathe-Magie lässt sich das Fach spielerisch erkunden und somit ganz anders erleben als in der Schule. So manches Trauma lässt sich dadurch womöglich überwinden. Eine kleine Werkstatt, in der neue Prototypen entwickelt werden, ist im hinteren Bereich vorgesehen. Die nächste Überraschung bei einem kurzen Rundgang bietet eine kleine Kabine, ein Monochrom-Raum, der in ein einheitliches, unangenehmes Gelb-Braun getaucht ist. Verantwortlich dafür ist eine Natriumdampflampe, wie sie früher für Straßenlaternen verwendet wurden. Andere Farben: Fehlanzeige. Erst im Strahl einer gewöhnlichen Taschenlampe verrät eine künstliche Banane ihr Geheimnis: Sie ist in Wirklichkeit leuchtend rot.
Jürgen Bolle setzt gerade eine Windmaschine zusammen. Er war früher bei einem großen Tech-Unternehmen beschäftigt und ist jetzt Mitarbeiter in der Mint-Garage, in der Kinder am Weihenstephaner Campus schon jetzt im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik experimentieren können. „Es ist großartig, wie hier Wissen vermittelt wird“, sagt er. Die Arbeit mit Kindern macht ihm „unfassbaren Spaß“, ebenso die Herausforderung, neue Ideen zu sammeln und Prototypen zu entwickeln. Fertiges einfach nachzubauen, ist ihm zu simpel. Den Nebeltornado hat er aus einem Wasserbehälter, kleinen Nebelmaschinen, Ventilator und Kunststoffröhren konstruiert. Er offenbart auf eindrucksvolle Weise das Auge des Orkans.


Besucher können die Geräte im Science Center selbst ausprobieren, es gibt kurze Erklärungen. Schon während des Aufbaus werfen immer wieder neugierige Passanten einen Blick herein und wollen wissen, was hier entsteht. Einige hätten gern wieder ein Lebensmittelgeschäft an dieser Stelle. Die Frage sei derzeit aber: Leerstand oder Science Center, sagt Werner Salomon. Der Laden stand monatelang leer. Salomon ist wie Bolle technikbegeistert. Gleich am ersten Tag seines Ruhestands hat er angefangen, in der Mint-Garage ehrenamtlich mitzuarbeiten. „Mir ist sofort klar gewesen, das ist genau das Richtige für mich“, erzählt er.
Der Eröffnungstermin 1. April ist ambitioniert, länger warten wollten Annika Strömmer und Kim Ludwig-Petsch aber nicht, weil sie vorerst nur eine Zusage für zwei Monate haben. Beide hoffen, dass viele Passanten inzwischen neugierig geworden sind und bald einmal vorbeischauen, mit oder ohne Kinder. Es wird auch einen Shop mit Büchern und Spielzeug zum Experimentieren geben.
Geöffnet ist das Science Center in Freising, Untere Hauptstraße 25, Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr, vormittags von Montag bis Freitag nach Absprache für Gruppen und Schulklassen. Abend-Events sind ebenfalls möglich. Die Pop-up-Eintrittspreise: Erwachsene 9,60 Euro, ermäßigt 6,80 Euro. Kinder unter sechs Jahren sind frei, Familien zahlen 22,40 Euro.

