Eine Freisingerin bei den Paralympics:"Die Gesellschaft muss offener werden"

Maren Haase

Zum zweiten Mal ist Maren Haase in diesem Jahr als Wettkampfrichterin für die Paralympics in der Disziplin Bogenschießen berufen worden.

(Foto: privat)

Maren Haase war als Wettkampfrichterin der Bogenschützen in Tokio. Die Begegnungen dort haben ihren Blick auf Menschen mit Beeinträchtigungen verändert und Berührungsängste abgebaut.

Interview von Marie Schlicht und Pia Schiffer, Freising

Die Paralympics in Tokio hautnah miterlebt zu haben: Das können wohl die Wenigsten von sich behaupten. Maren Haase war in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal als Internationale Wettkampfrichterin bei den Paralympics. Im Gespräch mit der Freisinger SZ berichtet sie von ihrer Arbeit dort, ihren einprägsamsten Erlebnissen und was sie für sich mitnimmt.

SZ: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie als Schiedsrichterin bei den Paralympics nominiert wurden?

Maren Haase: 2003 habe ich beim TSV Jahn Freising mit dem Bogenschießen angefangen. Dort hat mich damals ein Teamkollege gefragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Ausbildung zur Kampfrichterin zu machen. Nach zwei Jahren Ausbildung und bestandener Prüfung war ich dann Bayerische Kampfrichterin und gleich im nächsten Jahr habe ich die Prüfung für die Nationale Kampfrichterin absolviert. Schon bei meiner ersten Deutschen Meisterschaft wurde ich gefragt, ob ich nicht auch eine Ausbildung zur Europäischen Kampfrichterin machen möchte. Die Chance habe ich sofort ergriffen und seit 2008 bin ich europa- und seit 2012 weltweit auf Wettkämpfen unterwegs. Weltweit sind wir etwa 100 Kampfrichterinnen und Kampfrichter, die bei solch großen Veranstaltungen wie den Paralympics dabei sein dürfen. Als Voraussetzung gibt es im Jahr vor den Paralympics einen Test, für den man sechs Wochen Bearbeitungszeit hat. Zusätzlich bekommt man drei Mal im Jahr Case Studies, die man bearbeiten muss - und je nachdem, was man für Ergebnisse erzielt, wird man berufen oder eben nicht. Dass ich nun schon zum zweiten Mal dabei war, ist ein Riesenkompliment für mich!

Welche Schwierigkeiten haben sich durch die Pandemie im Vergleich zu den Paralympics in Rio de Janeiro vor fünf Jahren ergeben?

Die größten Einschränkungen hatten natürlich die Sportlerinnen und Sportler. Einige hatten wirklich große Probleme, überhaupt zu trainieren. Wenn ein Läufer nicht auf seiner normalen Bahn laufen kann, sondern in den Wald ausweichen muss, dann ist das kein Problem. Bei einem Para-Athleten ist das nicht so einfach, denn Prothesen sind nicht unbedingt für den Wald geeignet. Solche Einschränkungen hatten viele Para-Sportler.

Was war für Sie das Einprägsamste, was Sie in Tokio erlebt haben?

Bei den Paralympics ist man - viel mehr noch als bei anderen Sportveranstaltungen - auch Freund für die Athleten. Bei den Paralympics in Rio war es damals so, dass man vor dem Wettkampf immer ein paar Minuten Zeit hatte, um mit den Schützen zu reden. Ich habe dann immer versucht, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Dieses Jahr durften wir aufgrund von Corona den Vorbesprechungsraum nicht betreten, wodurch solche Gespräche viel zu kurz kamen. Das war für mich wirklich das Einprägsamste: mich in kurzer Zeit voll und ganz auf die Schützen einzulassen. Als Kampfrichter haben wir die Aufgabe, sie bei diesem Erlebnis zu begleiten und ihnen zu helfen. Dafür ist Vertrauen wichtig.

Wie sahen Ihre Aufgabenbereiche und Ihr Arbeitsalltag aus?

Meine Frühschicht hat morgens um 7 Uhr angefangen. Zuerst gab es eine Besprechung und das Briefing für den Tag, dann die Einteilung für die Matches. Anschließend sind wir in den unmittelbaren Startbereich gegangen, in dem auf die Schützen gewartet wurde. Wenn die Schützen angekommen sind, hat man sich zunächst kurz über die Reihenfolge, Regeln und Handzeichen ausgetauscht. Die Wettkämpfe gingen dann immer wahnsinnig schnell vorbei. Pfeil um Pfeil wurde geschossen und meine Aufgabe war es, darauf zu achten, dass Zeit, Regeln und Ablauf eingehalten werden. Nach den Wettkämpfen ging es gegen 16 Uhr zurück ins Hotel. Aufgrund der Pandemie durften wir Kampfrichter in diesem Jahr leider nicht mit im olympischen Dorf wohnen, um möglichst viele Kontakte zu vermeiden.

Wird auch auf regionaler und nationaler Ebene im Sport zwischen Menschen mit und ohne Behinderung differenziert?

Auf regionaler Ebene gibt es durchaus auch Wettkämpfe, bei denen nicht differenziert wird - wie zum Beispiel bei den Bayerischen Meisterschaften. Auch auf nationaler Ebene haben wir Sportlerinnen und Sportler dabei, die etwa eine Gehbehinderung haben. Bei solchen Wettkämpfen wird dann im Gegensatz zu den Paralympics auch bei der Wertung nicht differenziert.

Haben Sie auch über die Paralympics hinaus schon mit Menschen mit Behinderung zusammengearbeitet?

Oh ja, oft. Inzwischen sind es sehr viele Wettkämpfe, bei denen ich mit Menschen mit Behinderung zusammengearbeitet habe. Dadurch, dass ich bereits in meiner Schulzeit in Kontakt mit Menschen mit Behinderungen gekommen bin, habe ich schon früh gelernt, dass das nicht ausschließlich mit Einschränkungen einhergeht. Stattdessen handelt es sich nur um einzelne Bereiche, dafür sind andere Fähigkeiten umso besser ausgeprägt. Seit ich viel mit Para-Sportlern zusammenarbeite, merke ich, dass ich weniger Berührungsängste habe. Ich kenne viele Leute, die denken, dass man seine Hilfe lieber nicht anbieten sollte, weil sich die Menschen dann angegriffen fühlen könnten. Mittlerweile frage ich einfach immer, ob ich helfen kann und es kam noch nie vor, dass das abgelehnt wurde. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler in unserer Gesellschaft: Es wird einfach davon ausgegangen, dass Hilfe weder benötigt, noch gewollt wird.

Welche Bereiche - gesellschaftlich oder auf sportlicher Ebene - müssen sich Ihrer Meinung nach für Menschen mit Behinderung verändern?

Die Gesellschaft sollte einfach offener werden. Es gibt so viele Menschen, die überfordert sind, wenn sie einer Person mit Behinderung begegnen. Nur Mitleid zu zeigen und erschreckt zu sein, ist absolut nicht der richtige Weg. Die Berührungsängste sind häufig viel zu hoch. Ein weiteres Problem ist meiner Meinung nach, dass man vielen Menschen mit Behinderung nicht den Mut gibt, Sport zu machen - das muss sich dringend ändern. Die Paralympics sind das beste Beispiel dafür, zu welchen sportlichen Meisterleistungen Menschen mit Behinderung fähig sind.

© SZ vom 20.09.2021
Zur SZ-Startseite

Eröffnung der Paralympics
:Ein Forum für Menschenrechte

Trotz Masken und Einschränkungen: Zum Auftakt der Paralympics ist den Athletinnen und Athleten die Freude anzusehen. Im Gastgeberland Japan werden sie wohl keine Euphorie auslösen - doch im Mittelpunkt steht ohnehin etwas anderes.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB