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Freisinger im Krisenmodus:Kino mit Abstand

NEUFAHRN - Corona Lockdown / Kino Cineplexx

Momentan geht erst einmal gar nichts im Neufahrner Kino - und das in einem Betrieb, der normalerweise jeden Monat schon eine halbe Million Euro ausgeben muss, noch bevor er einen Kunden gesehen hat.

(Foto: Johannes Simon)

Der Filmtheaterbetrieb Fläxl hofft für seine Kinos in Neufahrn, Erding und Vilsbiburg auf baldige Lockerungen. Das Konzept dafür steht. So könnten in den Sälen Plätze zwischen den Besuchern frei bleiben, Ein- und Ausgänge getrennt und nur abgepackte Snacks verkauft werden.

Die harten Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona- Pandemie treffen die Menschen im Landkreis auf den unterschiedlichsten Ebenen. Für manche bedeuten sie nur Einschränkungen in ihrem Freizeitverhalten, die meisten haben aber konkrete Sorgen - ob es nun um Gefahren für die eigene Gesundheit, um die schwierige Betreuung der Kinder oder die Rettung des eigenen Geschäfts oder Unternehmens geht. Die Freisinger SZ gibt in einer Serie Einblicke in das Leben der Menschen im Krisenmodus.

Die Kinobetreiberin

Das Drehbuch ist sozusagen schon geschrieben. Bei den Filmtheaterbetrieben Fläxl hat man bereits einige Ideen, wie Kino in Neufahrn, Erding und Vilsbiburg demnächst trotz Corona wieder funktionieren könnte: Der Ticketverkauf ließe sich ausschließlich online abwickeln. Die Besucher könnte man so einbuchen, dass es zwischen den belegten auch freie Sitzplätze gibt, durch getrennte Ein- und Ausgänge würden die Kundenströme getrennt, und an der Theke gäbe es nur abgepackte Knabbereien und Getränke. Das Personal würde natürlich überall Masken tragen. Das alles "könnten wir leicht stemmen", ist Geschäftsführerin Veronika Fläxl überzeugt: "Wir können das anbieten, jetzt müssen wir sehen, ob die Politik auch anspringt."

Auf Dachverbandsebene laufen die Gespräche, in die Fläxl auch eingebunden ist. Eine Zeitpunkt, wann das Drehbuch - um im Bild zu bleiben - auch umgesetzt werden darf, kann derzeit freilich niemand sagen. "Wir haben noch ein bissl länger zu", fürchtet die Geschäftsführerin und verweist auf ihr "Gefühl", wonach man eventuell im Juli wieder aufmachen dürfe. Aber "wir kriegen das irgendwie hin", zeigt sie sich zuversichtlich: "Wir stehen relativ knapp vor dem Abgrund, aber wir sind noch nicht runtergefallen".

Trotzdem: Momentan geht erst einmal gar nichts - und das in einem Betrieb, der normalerweise jeden Monat schon eine halbe Million Euro ausgeben muss, noch "bevor er einen Kunden gesehen hat". Inzwischen wurden laufende Kosten runtergefahren, wo es nur geht. "Wir haben an allen Hähnen gedreht", resümiert Veronika Fläxl. Mittlerweile wurde zu 100 Prozent Kurzarbeit angemeldet. Letzteres betrifft die knapp 50 festen Mitarbeiter. Insgesamt beschäftigen die Filmtheaterbetriebe Fläxl in den drei Kinos und der Verwaltungsfirma normalerweise rund 200 Mitarbeiter. Die meisten sind freilich Mini-Jobber, die kein Kurzarbeitergeld bekommen können. Für sie wurden aber die Verträge so geändert, dass sie in de Krise wenigstens nicht ganz leer ausgehen, wie die Geschäftsführerin berichtet.

Mit Hilfsmaßnahmen für große Kinos wie das ihre sieht es laut Veronika Fläxl eher schlecht aus. So gebe es zwar einen Rettungsschirm des Film-Fernseh-Fonds, von dem aber nur Programm- und kleine Kinos profitieren könnten. Und staatliche Soforthilfe bekomme das Unternehmen nur für das kleinste Kino in Vilsbiburg. Die Betriebe in Neufahrn und Erding, "die eigentlich alle Rechnungen zahlen und das Gros der Mitarbeiter beschäftigen", bekämen dagegen nichts. Dabei geht es bei all dem nicht nur um die Kinos, wie Fläxl betont: Mit ihnen würden auch die Filmproduktionsstätten untergehen und das Angebot für Filmfans deutlich schrumpfen: "Ein 500 Millionen-Dollar-Film wird nicht nur für das Streaming produziert werden", und "Netflix wird Babelsberg und Geiselgasteig nicht ausbuchen", betont Veronika Fläxl: "Die schauen auch alle mit dem Ofenrohr ins Gebirge, wenn es die Kinos nicht mehr gibt".

Auch deshalb hoffen alle, dass sie bald wieder "durchstarten" und die über 100-jährige Geschichte des Familienunternehmens Fläxl mit der Präsentation von Filmen fortsetzen können. Die Geschäftsführerin ist jedenfalls optimistisch: "Es wird uns weiterhin geben."

Freisinger im Krisenmodus

Die Corona-Krise betrifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, im Öffentlichen wie im Privaten. In der Serie fragt die Freisinger SZ bei Menschen im Landkreis Freising nach, wie es ihnen in der Krise geht und wie das Coronavirus ihren Alltag verändert.

Teil 1: Kinobesitzerin, Sportlerin und Pfarrer - "Man hängt total in der Luft"

Teil 2: Apothekerin, Verkäuferin und Bürgermeisterkandidat - Erstaunlich ruhig

Teil 3: Taxifahrer und Shuttledienst - Die Nerven liegen blank

Teil 4: Schachspieler und Zahnarzt - Nicht ohne Schutz

Teil 5: Marktbeschicker, Kirchenmusikdirektor und Tanzlehrer - Im Zwangsurlaub

Teil 6: Fahrlehrer und Physiotherapeutin - Banger Blick in die Zukunft

Teil 7: Landschaftsgärtnerin und Kletterer - Abgespeckte Gartentage

Teil 8: Familienzentrum und Volkshochschule - Honorarkräfte ohne Einnahmen

Teil 9: Lebensmittellieferanten, Caritas und Leseratte - Zustrom bei Lieferdiensten

Teil 10: Tankstellen, Makler und Fitnessstudios - Besichtigung mit Mundschutz

Teil 11: Standesbeamtin und Reisebüro - Brautpaare auf Abstand

Teil 12: Musikschule - Musikunterricht auf vielen Kanälen

Teil 13: Klinikclowns und Musikverein - Videovisiten und Videounterricht

Teil 14: Schneiderin und Nordallianz - Nähen, um zu helfen

Teil 15: Schwimmer, Nagelpflegerin und Beraterin - Radeln statt schwimmen

Teil 16: Clown und Friseurin - Der Bart bleibt dran

Teil 17: Tierheim, sozialpsychiatrischer Dienst und Entsorgungsunternehmen - Schmusen nach Feierabend

Teil 18: Eisverkäufer und Spediteur - "Gegessen wird immer"

Teil 19: Buchautorin - Ohne Publikum

Teil 20: Tierärztin - Immer schön Abstand halten

Teil 21: Bühnenbildner und Billardspieler - Physik statt Billard

Teil 22: Lungenfacharzt und Werbetechnik-Firma: "Die Krankheit zieht sich oft lange hin"

Teil 23: Kinobetreiberin und Radsportlerin: Kino mit Abstand

Teil 24: Kaminkehrer, Schneiderin und das Kaufhaus Rentabel: Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

Teil 25: Neufahrner Freizeitbad - Der Zeitplan ist auf den Kopf gestellt

Die Radsportlerin

Anfang März hat die Corona-Krise Mona Dietl vollkommen unerwartet getroffen. Damals war die leidenschaftliche Radfahrerin, die mit ihrem Damen-Viererteam den Streckenrekord beim "Race across America" hält, gerade im Trainingslager auf Gran Canaria. "Nach einer Woche hieß es plötzlich Ausgangssperre, wir mussten alle in den Hotelzimmern bleiben", erinnert sich Dietl. Sie und die anderen Radfahrer flogen dann auf eigenen Kosten zurück nach Deutschland. "Das war uns allen das Wichtigste: wieder heil nach Hause zu kommen."

Viel hat sich im Leben der Freisingerin in den vergangenen Wochen zwar nicht verändert: Sie geht weiterhin in die Arbeit bei der Freisinger Sparkasse und kann noch Radfahren, der Sport ist ja nicht verboten. "Aber die Rennen, die jetzt anstanden, wurden alle gecancelt", berichtet Dietl. Eigentlich hätte die Saison nun starten sollen, mit einem Rennen in Südtirol. Das aber wurde genauso abgesagt, wie alle anderen Rennen bis Ende August. Ob der Ötztaler Radmarathon im Herbst, den Dietl bereits gewann, stattfinden werde, sei noch ungewiss. "Ich sehe mich in diesem Jahr schon gar kein Rennen mehr fahren." Sie trainiere zwar weiter nach ihrem Plan, aber ohne Ziel sei das schwieriger. Abends und an den Wochenende ist sie noch mit dem Rad unterwegs, teilweise sind es vierstündige Fahrten. "Das ist auch eine gute Ablenkung", meint sie. "Natürlich sind das Radfahren und Radrennen nicht das Wichtigste. Wichtig ist die Gesundheit, dass wir alle gut durch diese Krise kommen", sagt Mona Dietl. Sie will nicht klagen, sie kann ja den Sport, den sie liebt, noch machen. Aber ein bisschen fehlt ihr eben doch die Perspektive. Genauso vermisst sie die Trainingswochenenden in den Bergen. Und natürlich fehlen ihr auch die Rennen. "Aber das müssen wir jetzt aussitzen."

© SZ vom 25.04.2020/beb

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