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Freising nach dem Krieg:Adler landet in der Grube

Die Postkarte aus der Zeit um 1940 zeigt das NS-Monument vor der Artillerie-Kaserne (später "General-von-Stein-Kaserne").

(Foto: Stadtarchiv)

Eine altes Foto aus dem Stadtarchiv zeigt Hakenkreuz und Skulptur vor der Freisinger Stein-Kaserne - nach dem Krieg sind sie schnell verschwunden.

Wer die Mainburger Straße in Freising stadtauswärts geht oder fährt, bewegt sich auf der Hügelkuppe, kurz vor der Linkskurve, geradewegs auf die Überreste der ehemaligen General-von-Stein-Kaserne zu: das rot leuchtende Stabsgebäude, davor der Rest der charakteristischen Bruchsteinmauer. Wohl nur am Rande nimmt man die kleine Grünfläche wahr, die sich im Kreuzungsbereich der Mainburger- mit der General-von-Stein-Straße unauffällig zwischen Gehweg und Kasernenmauer schiebt. Die sonst durchgehend freigestellte Mauer ist in diesem Abschnitt kaum zu sehen, denn seit vielen Jahrzehnten wird sie von Sträuchern verdeckt. So, als müsste etwas verborgen werden, beschreibt Stadtarchivar Florian Notter die Szenerie.

Tatsächlich verbirgt sich etwas hinter den Sträuchern: ein massiv gemauerter Block, der aus demselben Bruchsteinmaterial wie die Kasernenmauer zusammengesetzt ist. Bei genauerer Betrachtung fällt ein im oberen Drittel der Vorderseite eingefügter kreisrunder Stein auf, der erkennbar grobschlächtig behauen ist. Auf diesem war ursprünglich ein Hakenkreuz angebracht und auf dem Block, der als Postament fungierte, stand ein steinerner Reichsadler. Auf einer Postkarte aus der Zeit um 1940 sind das Postament und die steinerne Adlerskulptur trotz mäßiger Druckqualität zu erkennen. Dabei handelt es sich um das neue Archivstück des Monats, welches das Freisinger Stadtarchiv regelmäßig vorstellt.

Überreste sind heute teilweise Mahnmale

Bei öffentlichen NS-Bauten war das Anbringen entsprechender Symbole, in der Regel im Eingangs- oder Auffahrtsbereich, die Norm; so auch bei der 1936 errichteten Freisinger Artilleriekaserne (später General-von-Stein-Kaserne). Auch andernorts finden sich noch heute solche Überreste, insbesondere im Bereich von NS-Kasernen (zum Beispiel der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall). Teilweise sind diese Anlagen dabei als Mahnmale umfunktioniert, teilweise aber nur einer pragmatischen Umdeutung unterzogen worden.

Das aktuell noch erhaltene Postamt.

(Foto: Stadtarchiv)

In einem an den Freisinger Bürgermeister Emil Berg (1945 bis 1946) gerichteten Schreiben vom 3. August 1945 befahl der damalige Stadtkommandant der US-Armee, Captain Albert G. Snow, die Beseitigung aller auf dem Stadtgebiet befindlichen Namen, Bilder und Skulpturen, die in irgendeiner Weise mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften der Adler und das Hakenkreuz vor der Kaserne entfernt worden sein. Um ein NS-Symbol handelte es sich genau genommen nur beim Hakenkreuz, im Gegensatz zu anderen NS-Kasernen wurde im Freisinger Fall aber auch der Adler abgenommen.

Ein Zeitzeuge hat beobachtet, wie die Amerikaner die Adlerskulptur in eine Abfallgrube kippten

Relativ leicht beseitigen ließ sich dabei das Hakenkreuz auf dem kreisrunden Stein: Es wurde ausgemeißelt. Über die Demontage und den weiteren Verbleib des Steinadlers war dagegen lange Zeit nichts bekannt. Ein Zeitzeuge aus Neustift konnte laut Florian Notter jedoch vor kurzem interessante Angaben dazu machen: Zusammen mit anderen Kindern hatte er im Sommer 1945 beobachtet, wie mehrere amerikanische Soldaten die Adlerskulptur mit einem Lastwagen an den Waldrand bei der Wiesenthalstraße brachten und dann in eine dort befindliche Abfallgrube kippten. Schon kurze Zeit später sei die Grube verfüllt worden, wie sich der Zeitzeuge erinnert.

Heutzutage, fast ein dreiviertel Jahrhundert später, besitzt das steinerne Postament vor der ehemaligen Kaserne ohne Zweifel erinnerungskulturelle Bedeutung, wie der Stadtarchivar hervorhebt: Ursprünglich als Teil eines Monuments der nationalsozialistischen Herrschaft errichtet, erinnert es nunmehr - als Fragment - an das Ende der Schreckensherrschaft sowie an die beginnende Besatzungszeit in Freising. Eine dauerhafte Erhaltung des Postaments im Kontext der Kasernenmauer und des dahinterliegenden ehemaligen Stabsgebäudes wäre ein angemessener Umgang mit der Freisinger Zeitgeschichte, betont Notter.

© SZ vom 20.12.2018 / sz/nta
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